Montag, 30. Januar 2023

Archiv


DDR-Alltag auf der Bühne

Regisseur Sascha Hawemann lässt in Clemens Meyers "Gewalten" keinen Kitsch aufkommen. Seine Inszenierung ist Teil der Leipziger Festspiele, die das Ende der Intendanz Sebastian Hartmanns am Centraltheater markieren. Das Stück zeigt, wie sehr Hartmann dem Theater in Zukunft fehlen wird.

Von Michael Laages | 26.04.2013

    Marode war das Tier schon eine Weile, hatte sich gerne zur Ruhe gelegt und alle viere von sich gestreckt. Nach knapp zwei Stunden ist er tot, der Hund; und richtig alt ist er geworden: 14 Jahre, beinahe 100 nach Menschenrechnung. Die Einzel-Kremierung jetzt wird ein teurer Spaß.

    Wir haben im Theater die Welt des Leipzigers Schriftstellers Clemens Meyer betreten, und statt "Gewalten" könnte Meyers "Tagebuch" über den Sommer vor vier Jahren auch "Petes letzter Sommer" überschrieben sein; Pete – so hieß der Hund. Oder das Buch könnte heißen "Toter Hund", schlicht und schön. Als "Gewalten" markieren die lose sortierten Ereignisse des Sommers 2009 aber viel mehr – und viel mehr erzählt mit Meyers Text auch der Regisseur Sascha Hawemann an diesem Wochenende im Rahmen der "Leipziger Festspiele" zum Ende von Sebastian Hartmanns Intendanz am Centraltheater. Lange nicht mehr wurde dabei so eindrücklich spürbar, was dieses "viel mehr" tatsächlich ausmacht – über die Literatur hinaus nämlich jene Welt, die das Theater ist.

    Pete spielt mit. Der Schauspieler Günter Harder hat eine wirklich arg zerknautschte Hunde-Maske auf, als er das Oval der Leipziger Festspiel-Arena betritt, die ja seit März und noch bis Juni ins Publikumsareal des Leipziger Schauspielhauses hinein gebaut ist. Harder (oder der Hund) hat eine H&M-Tüte dabei, darin steckt ein Mikrofon – und gleich singt der Hund schön melancholisch. Weitere Ensemblemitglieder, zwei Frauen, drei Männer, gruppieren sich mit Taschenlampen im Parterre der Arena, zwischen endlich viel Papier – sie nehmen sozusagen Platz in Meyers Roman und übernehmen dessen Ich-Erzählerrolle; mal alle zusammen, mal nur die Frauen, mal einer oder eine allein.

    In einer Art Ausnüchterungszelle wie nach durchzechter Nacht beginnen die Fantasien, vielleicht im richtigen Knast; dann werden wir mitgenommen ans Kranken- und Sterbebett eines Freundes und treffen danach den Bruder des Toten, der weit, weit weg will, vielleicht nach Mauritius oder so – und darum die ganze Szene über per Klappfahrrad das Oval durchradelt. Mit Meyer gehen wir auf Lesereise nach Hannover, wie zwei Damen (in ein und dasselbe Kostüm gepresst!) den Kult-Autor umgurren, während der aber viel lieber in die Spielbank geht und tatsächlich dort gewinnt. Pete, der Hund, ist irgendwie immer dabei – und besonders gern legt er sich auf mächtige Gymnastikgummibälle, zum Spielen und zum Ausruhen. Wieder daheim Leipziger Hinterhof, wird er noch einmal nachts ausgeführt – und das ist dann das traurige Ende.

    Regisseur Hawemann hat Meyers ruppige Melancholien ganz dem prächtigen Ensemble überlassen; die Konstellationen, die er mit ihnen findet, die szenischen Fantasien (mit Fahrrad oder Gummiball) markieren das große Einverständnis, das dieses Heimspiel für Meyer trägt; in anderen Konstellationen lägen Gemütlichkeit und Kitsch da nicht fern – davor aber bewahrt diese urtheatralischen "Gewalten" von vornherein die herb-poetische Sprache des Autors. Und auch Hawemann, dieser kluge Realist, lässt durch die einfachen Lösungen für komplexe Bilder nie zu viel Gefühl aufkommen – eine rüde hackende Schreibmaschine, ein Hartpappe-Brett, das für ein Bett steht, unter dem die letzte Zuflucht möglich ist, ein Service-Wagen wie im Krankenhaus, mit dem die Requisiten herein und später wieder hinausgebracht werden: Distanz und Nachbarschaft liegen immer ganz dicht beieinander in den Bildern von Hawemann und Bühnenbauer Wolf Gutjahr; und Hildegard Altmeyers Kostüme setzen vor allem Pete, dem Hund, schöne schrille Farben auf, wenn er zum Mikro greift und Pop-Songs singt.

    Dazu kommt der kleine philosophische Vortrag von Guillaume Paoli zur Eröffnung: über den Beginn der Globalisierung, die die überschaubaren Urwaldvölker dem Fort (oder Rück) -Schritt der Zivilisation aussetzte und sie in ihr untergehen lässt. Aber Sterben hin und Abschied her – noch einmal nimmt hier jeder jede und jede jeden fest in den Arm für vier Festspiel-Aufführungen bis Sonntag. Ensemble, Szenerie, Inszenierung und Text sind eng wie selten miteinander verwoben – und die Leipziger Festspiele funkeln dunkel und schön, wie es dem Team des scheidenden Intendanten Hartmann in den besten Momenten immer mal wieder gelang.

    Viel davon wird demnächst fehlen.