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Denkmal des Friedens?

Vor zehn Jahren wurde der Ministerpräsident Israels Jitzhak Rabin in Tel Aviv von einem extremistischen jüdischen Studenten ermordet. Das ideelle Erbe Rabins, der für sein politisches Wirken 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, wird unter anderem vom Rabin-Zentrum in Tel Aviv betreut. Dieses Zentrum bekommt jetzt ein eigenes, architektonisch anspruchsvolles Haus mit einem aus Holland gelieferten futuristischen Kunststoffdach, das - Friedenssymbolik verpflichtet - an Taubenflügel erinnert.

Von Igal Avidan | 12.11.2005

    Nur wenige Israelis glauben in diesen Tagen noch an den Friedensprozess, den der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin initiierte und wegen dessen er von einem rechts-nationalen Juden ermordet wurde. Aber auch die Skeptiker werden ab kommenden Montag einem Symbol des Friedens nicht entgehen können. Zwei überdimensionale weiße Flügel, die das Dach des neuen Rabin-Zentrums schmücken, werden im Norden Tel Avivs und bis zur nahen Autobahn Rabins Vision sichtbar machen. Das Rabin-Zentrum residiert symbolträchtig direkt über einem unterirdischen stillgelegten Kraftwerk der Firma AEG, das 1956 im Rahmen des Reparationsabkommens mit der Bundesrepublik unter weitgehender Geheimhaltung errichtet wurde. Neal Levy vom Rabin-Zentrum erklärt:

    " Moshe Safdie, der Architekt, entschloss sich, den unterirdischen Bunker freizulegen und die gesamte Erde zu entfernen. Die Idee war, dass der festungsähnliche Anblick des Bunkers den militärischen Aspekt im Erbe Rabins symbolisieren sollte. Dann hat er diese Flügel hinzugefügt, die den Aspekt des Friedens im Erbe Rabins versinnbildlichen. Das ist die architektonische Idee des Gebäudes. "

    Moshe Safdie ist ein international renommierter Architekt, der seit 35 Jahren tätig ist und zuletzt den neuen Flughafen Ben Gurion, das Yad Vashem Museum in Jerusalem und das Friedensinstitut in Washington baute. Safdie ist zugleich ein Freund der Familie Rabin und hat auf Wunsch der Witwe Leah Rabin kurz nach dem Mordanschlag 1995 den Grabstein für Rabin auf dem Herzl-Berg in Jerusalem entworfen. Der Grundstein des Rabin-Zentrums zu Forschungen über Israel wurde im November 2000 anlässlich des Todes von Lea Rabin gelegt. Damit wollte Safdie seinem ermordeten Freund ein lebendiges Denkmal setzen, schrieb er in einer Projektbeschreibung:

    " Durch meine Freundschaft mit Yitzhak und Lea Rabin begann ich seine dramatische Transformation vom Kriegsherrn zu einem großen Staatsmann zu schätzen. Yitzhak Rabin kam allmählich zu der Erkenntnis, dass man einen regionalen Konflikt nicht militärisch lösen konnte und machte sich daran, den Frieden zu suchen. Ich hoffte diesem Geist eine Struktur zu verleihen. "

    Tatsächlich strotzt das Gebäude von Symbolik. Der massive Unterbau aus hellem Naturstein, in dem heute nur Fledermäuse herumschwirren, ist nicht zugänglich und soll später ein Armee-Museum beherbergen. Die 20-Meter hohe fensterlose Mauer des Bunkers erinnert an die Klagemauer in Jerusalem. Die neo-klassizistischen Kolonnaden des zweistöckigen Zentrums erinnern an einen griechischen Tempel. Die beiden diagonal angelegten Parks mit vielen Olivenbäumen verdeutlichen das Image Rabins als General und Friedensapostel, zumal sie die Namen seiner Friedenspartner tragen - der östliche nach König Hussein von Jordanien, der westliche nach Bill und Hillary Clinton benannt.
    Das Rabin-Zentrum wurde auf Beschluss des israelischen Parlaments bereits 1997 gegründet und organisiert seit Jahren Aktivitäten zum Gedenken an Rabin und zur Stärkung der israelischen Demokratie. Tausende Soldaten und Schüler nehmen an Workshops teil, die Gewaltlosigkeit und den Dialog zwischen verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft fördern sollen, wobei aufgrund der staatlichen Beihilfen der Konflikt mit den Palästinensern weitgehend ausgeklammert wird. Neal Levy vom Rabin-Zentrum:

    " Das Gesetz schreibt vor, dass die Regierung für die Bildungsaktivitäten aufkommt, aber das Zentrum durch Spenden entstehen soll. Die Regierung wollte das Zentrum als nationale Institution in Jerusalem ansiedeln, die Witwe Lea Rabin bestand darauf, dass es in Tel Aviv entsteht, wo Yitzhak Rabin gelebt hat und ermordet wurde. In vieler Hinsicht symbolisierte er den Geist von Tel Aviv. "

    Die im Gegensatz zu Jerusalem für das weltliche und westlich-orientierte Israel steht. Das Zentrum erstreckt sich über ein Areal von 10 000 Quadratmetern an der Museumsmeile Tel Avivs. In der Nachbarschaft befinden sich das Eretz-Israel-Museum, das Palmach-Museum der paramilitärischen zionistischen Kampfeinheiten vor der Staatsgründung sowie das Diaspora-Museum zur Geschichte des jüdischen Volkes.

    Das Herz des neuen Zentrums ist das Rabin-Museum, das auf 2.000 Quadratmetern in Form einer Spirale das Leben und Wirken Rabins mit Prozessen und Konflikten der israelischen Gesellschaft verknüpft. Im Gegensatz zum Gebäude des Rabin-Zentrums, das ihn verehrt, soll das Museum, das im kommenden Jahr eröffnet wird, auch seine dunkleren Seiten darstellen, verspricht Ori Abramson, Kurator der Dauerausstellung:

    " Ich wollte dieses Museum aus zwei Gründen machen. Zum einen ist dies die größte intellektuelle und professionelle Herausforderung, weil es sich um die aktuelle Geschichte handelt. Zum anderen will ich im Museum keinesfalls Personenkult um Rabin betreiben, sondern die Person Rabin wahrheitsgemäß präsentieren. Meine Absicht ist, aus den Veränderungen der israelischen Gesellschaft einen neuen Dialog mit den Besuchern einzuleiten. "

    Dieser Dialog könnte spannend werden, denn Abramson will auch heikle Themen aufgreifen wie die Vertreibung von Palästinensern im Krieg von 1948 durch Rabins Soldaten und seinen Versuch, die erste Intifada mit Gewalt nieder zu schlagen. Abramson nahm selbst an der Friedenskundgebung teil, auf der Rabin ermordet wurde und erlebte hautnah den Zusammenbruch eines Traums. Er glaubt jedoch immer noch fest daran, dass Yitzhak Rabins Weg des Friedens am Ende siegen wird.