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Der hippe Hitler

Der trendbewusste Hipster mit Hornbrille und Röhrenjeans wird gerne von Comiczeichnern aufs Korn genommen. In "Hipster Hitler" wird Adolf Hitler zum Hipster und diskutiert mit Goebbels über Stilfragen.

Von Dirk Schneider | 31.10.2012

Guten Morgen Goebbels.
Guten Morgen, mein Führer. Wollten wir heute nicht in Polen einmarschieren?
Ach, ich weiß nicht, Mann. Das ist doch so... schon dagewesen. Die Schweden... 1626... wenn wir jetzt einmarschieren, dann sagen alle: Na und, wen interessiert’s?


Wäre da nicht dieser kleine Schnurrbart, Adolf Hitler würde mit seiner Frisur und der hinzugefügten übergroßen Hornbrille aussehen wie ein x-beliebiger Hipster. Anstatt Krieg zu führen und den Holocaust zu organisieren, diskutiert er mit Goebbels Stilfragen. Auf die Idee zu ihrem Webcomic "Hipster Hitler" kamen der Amerikaner James Carr und die Australierin Archana Kumar durch einige Parallelen zwischen Diktator und hippem Großstadtbewohner: Der Diktator war Vegetarier und gescheiterter Künstler, lange lebte er vom Geld seines Vaters, und er trägt, wie die Autoren es nennen, "ironische" Gesichtsbehaarung. Markenzeichen von Hipster Hitler ist ein weißes T-Shirt, dessen Aufdruck in jeder Folge wechselt: "Organic Germanic" lautet er einmal, "Eastside Westside Genocide", oder: "Death Camp For Cutie" - eine Verballhornung des Namens der Popband "Death Cab For Cutie".

Über Wortspiele mit dem Holocaust möchte man in Deutschland kaum lachen. Doch den Hipster als Nazi darzustellen, ist verführerisch: Beide klammern sich an ein völlig abstruses, oberflächliches Wertesystem, das darüber entscheidet, ob jemand respektiert wird oder nicht. Und dass die Haarschnitte der Hitlerjugend bei der heutigen Hipsterjugend wieder en vogue sind, ist auch nicht gerade erfreulich.

Doch darf man Hitler benutzen, um sich über ein Modephänomen lustig zu machen? Zunächst ist die Geschichtsauffassung in der angelsächsichen Welt in dieser Hinsicht etwas unschärfer, Hitler wird dort eher als eine historische Figur unter anderen gesehen. Doch auch aus dem englischsprachigen Raum gab es schon Proteste gegen diese Art von Humor. Die Autoren des Comics benutzen zur Verteidigung ein altes Argument: Dürfte man sich nicht über Hitler lustig machen, verliehe man der Figur nur eine noch größere Macht.


Doch diese Argumentation geht ziemlich an der Sache vorbei. Schließlich will "Hipster Hitler" nicht den Hitler als Hipster lächerlich machen, sondern dem Spott über den Hipster mit der Figur Hitler eine größere Fallhöhe verschaffen. Oder, wie es im Klappentext des Buches heißt: Zu zeigen, wie die Hipster-Subkultur, die ja den Individualismus betont, in Wirklichkeit zu Konformismus führt. Das funktioniert auch streckenweise ganz gut, und es ist recht amüsant, wenn Adolf Hipster sich mit Stalin, Mussolini oder auch Gandhi darin misst, wer der hipste Führer ist. Letztendlich kaschiert das Wagnis, Hitler heranzuziehen, aber vor allem, dass es sich meistens doch um eher müde Gags handelt, ähnlich wie es einst bei Harald Schmidt und seinen Polenwitzen der Fall war.

Und am Ende geht es dann tatsächlich wieder darum, hippe Klamotten an den Mann oder die Frau zu bringen: Alle T-Shirts, die Hipster Hitler im Comic trägt, werden über die Internetseite zum Kauf angeboten. Bestellt werden sie von einem jungen, hippen Publikum, das damit beweisen möchte, dass es nicht zu den Hipstern gehört. Denn was darf der wahre Hipster niemals, aber auch niemals tun? Zugeben, dass er ein Hipster ist. So reiht sich "Hipster Hitler" perfekt in das Warenangebot für den Großstadtmenschen zwischen 20 und 35 Jahren ein.


Literaturhinweis:
"Hipster Hitler". Von James Carr und Archana Kumar, feralhouse, 16,95 US-Dollar. ISBN 978-1-936239-42-9