Sonntag, 22. Mai 2022

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Der Pianist Jorge Bolet
Entspannter Tastenlöwe

Die diabolische Virtuosität, die in den Klavierwerken von Franz Liszt lauert, hat er immer milde belächelt und sie umgedeutet in musikalische Linien. Pralle Akkorde verstand er nicht als Gelegenheit zu orchestralem Donnern, sondern als gedanklichen Ausgangspunkt für eine ideale Balance aller Stimmen. Technische Schwierigkeiten schien es für Jorge Bolet (1914 - 1990) nicht zu geben.

Von Christoph Vratz | 13.11.2014

Geboren am 15. November 1914 im kubanischen Havanna, kam er bereits als Zwölfjähriger an das renommierte Curtis Institute von Philadelphia. Das amerikanische Publikum tat sich jedoch schwer mit einem Pianisten, dessen Technik so umfassend, aber so wenig glamourös war. Erst mit 60 Jahren, bei einem Auftritt in der Carnegie Hall, erwachte das Interesse an Bolet, der zwischenzeitlich in diplomatischen Diensten gestanden hatte, schlagartig. Dank seines späten ersten Exklusiv-Vertrages war er schließlich auch in Europa, vor allem als Liszt-Interpret, eine erfolgreiche Karriere beschieden. Sein meist nobler Stil ist bis heute unverkennbar, und ausgerechnet Emil Gilels nannte Bolet einmal den „größten Pianisten in der westlichen Hemisphäre".