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Der Traum, oder:

Im 17. Jahrhundert konnte eine Mondreise nur mit Hilfe eines Dämons gelingen. Auch dann war es gefährlich, nichts für "dicke oder verzärtelte Leute". Schnelles Reiten sollte man gewöhnt sein - und daran, "sich von Zwieback, Knoblauch, Dörrfisch und abscheulichen Speisen zu ernähren". Möglich war die Reise nur im Erdschatten einer Mondfinsternis. Der ungeheuren Kräfte wegen mussten die Mutigen "mit Narkotika und Opiaten" eingeschläfert werden, damit unbeschadet und wie Spinnen zusammengekugelt landen konnten.

Rezension: Dagmar Röhrlich | 16.10.2011

1609, in dem Jahr, als Galileo Galilei sein neues Fernrohr auf den Mond richtete, beschrieb Johannes Kepler diese Reise zum Erdtrabanten. Mit viel Phantasie und Detailfreude spekuliert er über Anatomie und Lebensweise der Mondbewohner, dass sie sich vor allzu großer Hitze in die Höhlen des porösen Mondgesteins zurückziehen. Er beschreibt die Jahreszeiten auf dem Mond, wie die Erde über dem Horizont aufgeht - falls man auf der richtigen Seite ist, denn Kepler vermerkt natürlich auch den grundlegenden Unterschied zwischen Subvolva und Privolva, der erdzugewandten und der erdabgewandten Seite. Er erzählt, dass die Bevölkerung auf der erdzugewandten Seite in den Kontinenten und Meeren das Äquivalent zum "Mann im Mond" sieht: einen Menschen, der "in Höhe der Achsel abgeschnitten, der sich ein Mädchen zum Küssen heranzieht, das in ein langes Gewand gehüllt ist und mit nach hinten ausgestreckter Hand eine heranspringende Katze reizt."

Kepler beweist ein beachtliches schriftstellerisches Talent. Wie im Rausch soll er seine Traumerzählung über die Reise zum Mond niedergeschrieben haben. Die schwungvolle Erzählung ist nur wenige Seiten lang, wird jedoch von einem fast hundertseitigen Fußnoten-Anhang begleitet. An ihm arbeitete Johannes Kepler mehrere Jahre, und er ist ebenso vergnüglich zu lesen wie die Mondreise selbst. Diese Anmerkungen geben Hinweise, wie sich die Phänomene herleiten lassen, von denen der Monddämon erzählt. Schließlich steckt in der Geschichte ein Plädoyer für das kopernikanische Weltbild: Schon der Name "Volva" für die Erde bringt die Bewegung ins Spiel.

Zu Keplers 400 Jahre alten Text hat Beatrix Langner einen Leitfaden geschrieben. Sie erläutert darin nicht nur Keplers Arbeiten, sondern erzählt auch von den vielen anderen imaginären Mondreisen, die später unternommen worden sind. Fazit: Ein tolles Buch!

Johannes Kepler: Der Traum, oder: Mond-Astronomie
Mit einem Leitfaden für Mondreisende von Beatrix Langner
ISBN: 978-3-882-21626-4
Matthes & Seitz Verlag, 271 Seiten, 29,90 Euro