Sonntag, 14. August 2022

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Die Aleviten in der Türkei

Türken und deutsche Oppositionspolitiker haben am Brandenburger Tor zu einer Demonstration gegen die Minderheitenpolitik des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgerufen. Aleviten stellen gut ein Drittel der Bevölkerung in der Türkei – und fühlen sich doch vom Staat ausgegrenzt.

Von Susanne Güsten | 31.10.2012

    Die Trommler kamen vor dem Morgengrauen. In der Dunkelheit vor Sonnenaufgang schlugen sie die Trommeln vor dem Haus der Familie Evli im osttürkischen Sürgü - auf dass diese aufstehen und ihr Fastenfrühstück zubereiten möge, bevor die Sonne aufgeht. Ein alter Brauch ist das im Fastenmonat Ramadan, in dem sunnitische Moslems fasten, bis die Sonne wieder untergeht. Doch die Evlis sind keine sunnitischen Moslems – sie sind Aleviten, und die fasten im Ramadan nicht. Höflich bat die Familie deshalb, vom nächtlichen Trommeln verschont zu bleiben. Doch in der nächsten Nacht kamen die Trommler wieder – und nicht nur sie:

    Stundenlang tobte der Lynchmob in der Dunkelheit um das Haus der Famile Evli, die ihre Kinder in Todesangst unter den Betten versteckte. Steine flogen, Fensterscheiben zerbarsten, die Sicherheitskräfte mussten schließlich in die Luft schießen, um die blindwütige Menge zu zerstreuen.

    "Sie sind gekommen, um uns umzubringen",

    entsetzt sich die Schwiegertochter des Hausherrn, die alles mit ihrem Mobiltelefon filmt. Der Angriff erinnerte nicht nur sie, sondern die ganze Türkei an einen anderen Lynchangriff auf Aleviten vor knapp 20 Jahren. 37 Menschen starben damals, 1993, im ebenfalls ostanatolischen Sivas, als der Mob ein Hotel in Brand streckte, in dem alevitische Intellektuelle zu einer Konferenz versammelt waren.

    Die Aleviten haben es seit jeher schwer in ihrer anatolischen Heimat, wo sie schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches verfolgt und verachtet wurden. Als eigenständige Glaubensgemeinschaft, deren Religion sich aus Elementen des Schiitentums und des Sufismus sowie aus vorislamischen und christlichen Einflüssen zusammensetzt, sind sie Anhängern orthodoxerer Religionen stets suspekt gewesen. Ihr Los besserte sich auch mit der Gründung der Türkischen Republik nicht, deren Staatsideologie ein einheitliches Volk postulierte und Minderheiten wie die Aleviten daher verleugnete und vereinnahmte. Einen Aufstand im alevitischen Dersim schlug die Republik in den 1930er-Jahren blutig nieder.

    Bis heute werden die Aleviten vom türkischen Staat als Moslems registriert und behandelt. Das staatliche Religionsamt, das strikt sunnitisch-moslemisch ausgerichtet ist und per Verfassungsauftrag für die "Einheit des Volkes" zuständig ist, baut sogar Moscheen in alevitischen Dörfern. Gegen deren Willen, wie der Alevitenführer Izzettin Dogan erst vergangene Woche wieder klagte:

    "So ein Unrecht gibt es in keinem anderen Land der Welt, ob West oder Ost. Die Türkei bezeichnet sich als Demokratie, sogar als entwickelte Demokratie - und zugleich behandelt sie 25 bis 30 Millionen Menschen im Land so, als gäbe es sie gar nicht. Das ist nicht hinnehmbar."

    Zwar hat sich die Lage der Aleviten in der Türkei in den letzten Jahren in mancher Hinsicht deutlich verbessert. So war es ihnen noch vor zehn Jahren verboten, sich zu organisieren – allein die Gründung eines alevitischen Vereins verletze die "Einheit des Volkes", urteilten die Gerichte früher. Im Zuge der Demokratisierung des vergangenen Jahrzehnts wurden solche Verbote abgeschafft; heute gibt es ganze Föderationen alevitischer Vereine, die in Ankara für ihre Interessen demonstrieren. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte konnten die Aleviten kürzlich durchsetzen, dass ihre Kinder nicht mehr am sunnitischen Religionsunterricht teilnehmen müssen. Und als erster türkischer Staatsvertreter entschuldigte sich Ministerpräsident Erdogan letztes Jahr für das staatliche Massaker von Dersim in den 30er-Jahren.

    Doch diesen Worten müssten auch Taten folgen, fordern die Aleviten, die sich vor allem vom verhassten sunnitischen Religionsamt freimachen und als eigene Glaubensrichtung anerkannt werden wollen. Ihre Gotteshäuser, die sogenannten Cemevleri, und ihre Geistlichen müssen die Aleviten nach wie vor selbst bezahlen, während das staatliche Religionsamt über ein Milliardenbudget für seine Moscheen und Imame verfügt. Das müsse sich ändern, fordert Alevitenführer Dogan:

    "Statt aus den Steuern der gesamten Bevölkerung nur das Religionsamt zu finanzieren, sollten alle Bürger, auch die Aleviten, ihren Anteil aus dem Staatshaushalt bekommen, damit sie sich schönere Gotteshäuser errichten und ihre Geistlichen bezahlen und ihre Gottesdienste besser verrichten können."

    Ihre Forderungen nach Religionsfreiheit und Gleichbehandlung haben die Alevitenverbände schriftlich an Ministerpräsident Erdogan und an den Verfassungsausschuss des türkischen Parlamentes gerichtet, der an einem Entwurf für eine neue Verfassung arbeitet. Daran werde sich das Verhältnis der Aleviten zur Türkischen Republik entscheiden, sagt Dogan:

    "Wenn das in der neuen Verfassung nicht geändert wird, dann sollen alle wissen, dass diese neue Verfassung nicht die Verfassung der Aleviten sein wird."