Mittwoch, 25. Mai 2022

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Die "Bora" von Triest
Stadt der Winde

Unberechenbar und wild wirbelt sie regelmäßig die ganze Stadt durcheinander: Die Bora, ein Fallwind, der von den julischen Alpen kommend in Richtung Adria zieht, benannt nach der Tochter des Windgottes. In Triest wird sie gehasst und geliebt - und von einem Wind-Fan in Flaschen gefangen und ausgestellt.

Von Regina Kusch | 04.03.2018

Luftbildaufnahme aus südlicher Richtung von Triest mit den Hafenanlagen
In Triest sind unberechenbare Windstöße mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 250 Kilometern in der Stunde keine Seltenheit (dpa / Thomas Muncke)
Wetterbericht aus Triest vom Februar 2012:
"In der Provinz Triest sorgt heute ein Tief über Mittelitalien für starke Luftströmungen der Bora, mit Schneefall am Morgen und Regen am Nachmittag, die zu Blitzeis führen können. Die Windgeschwindigkeit erreicht bis zu 140 Stundenkilometer. Die Temperaturen liegen zwischen +2 und -1 Grad. Auch morgen weiterhin starke Bora an der Küste, die abends schwächer wird."
Wetterberichte wie dieser sind im Winter keine Seltenheit in Triest, das man auch die Stadt der Winde nennt.
Bora - Tochter des Gottes der Winde
Äolus, der Gott der Winde, pflegte mit seinen Kindern über die Welt zu streifen. Eines Tages erreichten sie ein grünes Hochland, das steil zum Meer abfiel. Sein Lieblingskind, die junge und trotzköpfige Bora, versteckte sich in einer Höhle. Dort begegnete sie Tergesteos, einem Argonauten, der gerade vom Abenteuer des "Goldenen Vlieses" zurückgekehrt war. Es war Liebe auf den ersten Blick und sie lebten für sieben Tage glücklich und in wilder Leidenschaft.
"Unsere Vorfahren erzählten uns, dass die Bora 'Tochter', 'Mutter' oder 'Großmutter' sein könne: 'Tochter', wenn sie drei Tage dauerte, 'Mutter' und 'Großmutter', wenn sie sechs und neun Tage anhielt."
Der Meteorologe Sergio Nordio ist in Triest aufgewachsen und bis heute fasziniert von den unberechenbaren Windstößen mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 250 Kilometern in der Stunde, die die ganze Stadt durcheinanderwirbeln können.
"Bei starker Bora kann man nachts nicht schlafen, denn die Bora heult in jeder Ritze, die Böen kommen durch die Kamine, sogar in den modernen Wohnblocks mit Isolierglasfenstern. Die Sturmböen reißen Flachdächer auf, als wären sie Papierfetzen, und lassen selbst schwere Holz-Fensterläden klappern. Überall hört man ein Pfeifen: die Stromleitungen, Treppengeländer, die Boote im Hafen, sogar die Bäume singen. Dieses Konzert kann Tage dauern."
Fallwind durch großen Luftdruck- und Temperaturunterschied
Äolus bemerkte Boras Verschwinden und sorgte sich sehr. Als er sie schließlich in den Armen von Tergesteos fand, wurde er zornig und stieß den jungen Mann so lange vor die Höhlenwände, bis er ohne Leben war. Bora begann heftig zu weinen und jede ihrer Tränen wurde zu Stein. Es waren so viele, dass die grüne Erde des Hochlands vollkommen mit einem steinernen Mantel überzogen wurde.
"Die Bora ist ein Fallwind, der von den julischen Alpen kommt und in Richtung Adria zieht. In Triest spürt man sie besonders stark. Die Bora entsteht durch einen großen Luftdruck- und Temperaturunterschied, also wenn sich im Osten Europas ein Hochdruckgebiet und über Mittelitalien ein Gebiet mit niedrigem Luftdruck gebildet hat. Kalte Luftmassen von den Bergen stürzen dann herab auf das warme Meer, es entstehen - besonders im Winter - orkanartige Böen mit Geschwindigkeiten von über 150 Stundenkilometern."
Die helle und die dunkle Bora
Schließlich ließ Äolus Bora an dem Ort zurück, an dem sie ihre große Liebe entstehen und sterben gesehen hatte. Das Meer erbarmte sich des toten Geliebten und bedeckte seinen Körper mit Muscheln, Seesternen und grünen Algen. Mit der Zeit entstand ein heiterer Hügel, auf dem eine Stadt gegründet wurde, die zu Ehren Tergesteos "Triest" genannt wurde. Bis heute regiert hier Bora, denn die Götter erlaubten ihr, ihre stürmische Liebe wieder zu leben. Es sind die Tage, an denen Bora ungestüm bläst, mal dunkel mit Regentränen, mal klar, wieder in den Armen des Geliebten.
"Es gibt zwei Arten von Bora: die 'Bora chiara', die 'helle Bora', und die dunkle, die 'Bora scura'. Die helle Bora bringt schönes Wetter. Im Winter ist die Luft sehr kalt, im Sommer etwas milder, manchmal sogar warm. In den letzten Jahren kam es vielleicht auch durch den Klimawandel dazu, dass auch die Bora eine höhere Temperatur hat, aber gewöhnlich bringt sie bei warm-feuchter und mediterraner Luft eher Erfrischung. Das hebt die Lebensqualität enorm, auch weil die Bora die Luft reinigt. Die Abgase von Autos und Fabriken werden komplett weggeweht."
"Die Bora sorgt für Spektakel. Allein schon wie sie beginnt: Es wird nämlich, obwohl sie aus Ost-Nordost kommt, zuerst im Westen klar. Man sieht dann die östlichen Dolomiten von hier. Die scheinen direkt am Ufer zu stehen. Es wird eine kristallklare Luft. Und dann diese Böen, die über das Meer jagen, und längere Regenperioden schlagartig beenden."
Einfluss auf die Stimmung der Menschen
Von seiner Terrasse aus kann der Autor Veit Heinichen die Inszenierungen des berüchtigten Fallwindes bestens beobachten. An der Küstenstraße, der Strada Costiera, führt eine steile Treppe durch einen kleinen Olivenhain hinauf zu einem Weinberg, an den das weiße Haus des Schriftstellers angrenzt. Von hier blickt man hinunter auf den Golf von Triest und die beiden Schlösser Miramar und Duino.
"Die Bora kündigt sich an, ohne dass man sie sieht. Und etwa zwei, drei Tage zuvor verändert sich etwas in der Mentalität der Menschen. Manche brauchen plötzlich drei Fahrspuren, um Auto zu fahren, die Leute werden etwas komisch. In einem meiner Romane berichtete ich von einer Geschichte, wo ein alter Herr mit Hut, ordentlichem Jackett, weißestem Hemd, Krawatte und einer Weste in die Schalterhalle einer Bank in einem neoklassizistischen Palast kommt, und die Damen, die da arbeiteten, schauten ihn erschrocken an, er hatte nämlich die Hosen vergessen. Und an der Kasse griff er auch noch hinein und holte eine Rolle von 80.000 Euro raus. Er hatte schlicht seine Hosen vergessen. Das sind wahre Geschichten."
Schriftsteller Veit Heinichen auf seiner Terasse in Triest
Schriftsteller Veit Heinichen auf seiner Terasse in Triest (Deutschlandradio / Regina Kusch)
Die schreibt Veit Heinichen auf. Seit gut 20 Jahren lebt er in Triest, der Hauptstadt Friaul-Julisch Venetiens, in der auch sein Comissario Laurenti ermittelt. Außerdem hat er einen literarisch-kulinarischen Reiseführer durch seine Wahlheimat geschrieben mit dem Titel: "Triest - Stadt der Winde".
Triest - eine multikulturelle Stadt
Draußen auf dem Molo Audace, von wo man einen herrlichen Blick auf das Stadtpanorama genießt, steht ein Poller mit einer Windrose - Maestrale, Scirocco, Libeccio, Grecale und, größer geschrieben als die anderen: die alles dominierende Bora. Triest lebt mit dem Wind, und könnte man ihn abbilden, müsste er ins Stadtwappen aufgenommen werden, denn er führte Menschen und ihre Sitten aus allen Himmelsrichtungen herbei, die hier eine florierende Handels- und Hafenstadt erbauten.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Triest zum Freihafen erklärt und entwickelte sich schnell zum Sammelbecken unterschiedlichster Kulturen, denn aus allen Windrichtungen kamen Menschen, die sich dort niederließen. Über 90 Ethnien leben heute in der norditalienischen Hafenstadt, die nur zehn Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt ist, und in der kein gebürtiger Triestiner sagen kann, er habe nur italienische Vorfahren. Ob Griechen, Finnen, Türken, Österreicher, Deutsche oder Franzosen, alle haben ihre Spuren hinterlassen.
"Im Dialekt und in den Kochtöpfen. Triest ist damit die einzige Stadt, wo man den Mut haben konnte, ihre Biografie, ihre Kulturgeschichte kulinarisch aufzuhängen. Triest ist die nördlichste Hafenstadt im Mittelmeerraum und damit begegnet dort die mediterrane Welt der Welt des Nordens. Man könnte auch sagen, die Welt des Olivenöls der Welt der Butter. Es ist eine mehrsprachige Stadt. Allein das Statut des Landes Friaul-Julisch Venetien ist viersprachig: deutsch, slowenisch, friulanisch und natürlich die Hauptsprache italienisch."
Die Bora wird gehasst und geliebt
Zahlreiche Schriftsteller arbeiteten hier, wie Italo Seveso, Umberto Saba oder Peter Handtke, und fast alle schrieben sie über die Bora. Am Canale di Ponte Rosso erinnert eine Bronze-Statue an den irischen Dichter James Joyce, der Anfang des 20. Jahrhunderts Teile seines Werks "Ulysses" in Triest verfasste. Im Herbst 1905 schrieb er an seinen Bruder Stanislaus:
"Gestern ging ich in einem großen Wald bei Triest spazieren. Der verdammte monotone Sommer war endlich vorbei. Der Regen und die sanfte Luft erinnerten mich an das wundervolle (ich scherze nicht!) Klima Irlands. Ich hasse diese verdammte alberne Sonne, die aus Männern Butter macht. Ich ließ mich, fern von irgendjemandem, auf einer Bank nieder, umgeben von Bäumen. Die Bora raunte durch die Wipfel und ich atmete den Duft der Erde."
Marie-Henri Beyle, 1830 französischer Konsul im damals österreichischen Triest, der seine Romane unter dem Pseudonym Stendhal verfasste, war ganz anderer Meinung.
Die Bora wütet zweimal die Woche und fünfmal herrscht ein starker Wind. Ich nenne es 'starker Wind', wenn man unablässig damit beschäftigt ist, den Hut festzuhalten,
und 'Bora', wenn man Angst haben muss, sich den Arm zu brechen. Gestern wurde ich vier Schritte weit geschleudert. Es braucht schon Mut genug, wenn man katalanischen Räubern über den Weg läuft, aber, meine Herren, dieser Wind verdreht mir die Eingeweide."
Doch die meisten Triestiner lieben ihre Bora.
"Wir werden mit der Bora geboren. Es ist ein ablandiger Wind, deshalb lernen wir, auf das Wasser zu schauen. Schau noch vorne, pass auf, wann die Böen ankommen, schätze sie richtig ein und arbeite mit ihnen. Wir haben keine Angst vor der Bora. Wir haben Spaß mit ihr, beim Surfen oder beim Segeln."
"Es ist, als ob die Bora eine Persönlichkeit wäre. Einerseits ist sie sehr lustig. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man, was den anderen gerade Unvorhergesehenes passiert, und du lachst über ihre Missgeschicke. Du weißt aber auch, dass du fünf Minuten später das nächste Opfer der Bora sein wirst, und die anderen dann über Dich lachen."
"Im wahrsten Sinne kann einem die Bora den Atem rauben, wenn man an die Kindheit denkt, man hat mal bei 100 Kilometern den Kopf aus dem Autofenster gesteckt, und der Wind kommt entgegen, das kann mit einer Bö passieren."
Spektakuläre Bora-Fotos
"Wenn ich bei der Bora mit dem Motorroller unterwegs bin, muss ich schon aufpassen, dass ich nicht wegfliege. Die Bora ist vor allem ein Winterwind. Auf diesen alten Fotos hier aus den 50ern kann man sehen, dass das Meer gefroren ist. Dann ist das wie ein Sprayeffekt, alles ist vereist und es sieht irgendwie arktisch aus. Zum letzten Mal war das 2012. Alle Plätze, über die die Bora fegte, waren vereist."
Rino Lombardi hat ganze Aktenordner mit spektakulären Bora-Fotos gefüllt. Aufnahmen von Gruppen, die sich eingehakt auf der ans Meer angrenzenden "Piazza dell’Unità" dem Wind entgegenstemmen, wie bei einer Ballettaufführung. Andere ducken sich, als wenn sie unter den Böen hindurch kriechen wollten. Ein junger Mann hängt wagerecht, wie eine Fahne, an einem Straßenschild.
Historische Postkarte: Eine alte Frau hält sich ängstlich an einem Polizisten fest, der versucht, sie über die Straße zu begleiten
Historische Postkarte: Eine alte Frau hält sich ängstlich an einem Polizisten fest (Deutschlandradio / Regina Kusch)
Ein Postkarte zeigt eine alte Frau, die sich ängstlich an einem Polizisten festhält, der versucht, sie über die Straße zu begleiten, eine andere eine von einer Böe umgeworfene Straßenbahn.
Hostorische Aufnahme: Früher spannte die Stadtverwaltung überall an windigen Ecken Seile zum Festhalten 
Früher spannte die Stadtverwaltung überall an windigen Ecken Seile zum Festhalten (Deutschlandradio / Regina Kusch)
"Auf diesem Foto sieht man Ponterosso, wo die Leute, die diesen Platz überqueren wollten, sich bei Bora an Seilen entlang hangelten, die die Stadtverwaltung früher überall an windigen Ecken gespannt hatte. Hier auf diesem Foto von 1929 hat die Bora eine Straßenbahn umgeworfen und an derselben Stelle 2012 einen LKW. Denn der große Platz hier am Hafen ist offen zum Meer, da kann der Wind sehr stark wehen."
Wind in Flaschen
Nicht weit vom Hafen, in der Via Bellpoggio, hat Rino Lombardi einen Lagerraum gemietet, in dem er ein provisorisches Museum eingerichtet hat. Im Jahr 2000 kam der Werbetexter und Wind-Enthusiast auf die Idee, die Bora, weil sie ein lustiger Wind sei, in hellblaue Konservendosen zu pferchen. Als Souvenir aus Triest bot er den Dosenwind auf der größten Mittelmeer-Regatta, der "Barcolana" feil. Der fand bei Touristen und Seglern reißenden Absatz. In den folgenden vier Jahren schickten ihm Menschen, denen diese Idee gefallen hatte, aus der ganzen Welt Winde zu.
"Willkommen im Magazin der Winde, in meinem Ausstellungsraum für Wind und Fantasie. Natürlich ist Wind unsichtbar. Aber ich spiele damit und versuche, ihn zu zeigen."
Rino Lombardi hat einige der alten Seile, die früher in der Stadt gespannt waren, ergattert. Aus Lautsprechern heult die Bora. Alte Windmessapparaturen stehen neben Windrädern in unterschiedlichen Größen und Farben. Daneben: eine große Sammlung leerer Flaschen. In Wirklichkeit, so erklärt Lombardi, seien die gar nicht leer. Es handele sich hier nämlich um die weltweit umfassendste Sammlung von über 220 Winden, zusammengetragen von über 100 Windbotschaftern wie Marco Marangone.
Rino Lomardi in seinem vorerst provisorischen Bora-Museum
Rino Lomardi in seinem vorerst provisorischen Bora-Museum (Deutschlandradio / Regina Kusch)
"Um einen Wind zu fangen, muss man geschickt sein und schnell laufen können. Einen Wind, der vom Meer kommt, zu erwischen, ist leicht. Man muss sich ihm entgegen stellen, die Flasche öffnen, ihn bitten einzutreten, und ihm eine schöne Reise und gute Gesellschaft mit Winden aus aller Welt versprechen. Normalerweise nehmen sie diese herzliche Einladung gerne an."
Zukunftsvision Museum
Noch öffnet Rino Lombardi sein Bora-Magazin nur an Wochenenden und nach vorheriger Anmeldung für Besucher. Doch er träumt von einem großen Museum, für das er schon einen Werbeslogan hat: "Es ist wie der Wind, man sieht es nicht, aber es existiert". Schon mehrmals konnte er seine Exponate der Öffentlichkeit zeigen, wenn Triestiner Geschäftsleute ihm in ihren neoklassizistischen Stadt-Palästen Räume zur Verfügung stellten.
Die letzte große Ausstellung fand im "Palazzo delle Poste" statt, zusammen mit Laura Badalucco, der Leiterin des Studiengangs für Design an der Universität von Venedig. Im gläsern überdachten Atrium des prächtigen Bauwerks fand der ganz normale Schalterbetrieb statt. Dazwischen: Vitrinen mit Lombardis Winden, Zeitungsartikel über die Bora und an den Wänden bunte Plakate mit der Aufschrift: Ein Museum, unsichtbar wie der Wind.
"Das sind die Arbeitsergebnisse von 60 Erstsemestern. Wir hatten so ein Projekt schon zum Thema Murano Glas, diesmal war es die Bora. Die Bora lässt einen immer wieder staunen, denn sie lässt ganz plötzlich alles anders aussehen. Sie schüttelt die Menschen und die Orte richtig durch und holt bei ganz ernsthaften Leuten wieder kindliche Anteile zum Vorschein. Eine gute Übung für Studenten, dieses Phänomen zu visualisieren. Außerdem mochte ich die Idee, ein Museum vorzustellen, das es eigentlich noch gar nicht gibt. Unser Projekt soll eine Zukunftsvision sein und das werdende Museum unterstützen."
Der Design-Student Alberto Fontana fuhr mehrmals nach Triest, um die Bora zu erleben.
"Erst mal mussten wir diesen Teil von Triest verstehen. Zuerst ist die Bora natürlich ein Wind, aber kein normaler. Sie wirbelt wirklich alles durcheinander. Man sieht fliegende Sonnenschirme, Mülleimer oder Tische, das kennt natürlich nicht jeder, denn das sieht man so nur hier. Es ist unglaublich, wie stark die Bora ist, dass sie einen richtig wegpusten kann. Wir haben das Bora-Museum besucht, um diesen Wind zu verstehen. Und es sind ganz unterschiedliche Plakate herausgekommen: Hier sieht man die Bora, sie bewegt alles, deine Haare, Regenschirme, Motorroller. Wir haben alles gezeichnet und Foto-Collagen hergestellt."
Segler lieben die Bora
Für den Herbst plant Rino Lombardi ein Wind Festival in Triest - im Rahmen der "Barcolana", die 2018 zum 50. Mal Segler aus der ganzen Welt nach Triest locken wird.
"Die Bora, der große Störenfried dieses Meeres, erhebt sich stets ohne das kleinste Warnungszeichen; mit der Gewalt eines Tornados überfällt sie die Seeleute und gestattet nur dem Kühnsten, auf Deck zu bleiben."
Zu diesem Schluss gelangte Karl Marx 1856, als er im Auftrag der "New York Daily Tribune" in Triest über den Seehandel in der Adria recherchierte. Dean Bassi sieht das anders. Der Mitorganisator der "Barcolana" geht soweit zu sagen, dass die Triestiner gerade wegen der Bora zu den besten Skippern der Welt gehörten.
"Jeder weiß hier, wie man segelt, und jeder kennt zumindest jemanden, der ihn zum Segeln mitnimmt. Es ist ein Volks- und kein Elitesport. Jeder hier hat irgendeine Verbindung zum Meer. Und so wurde aus einer kleinen Herbstregatta die größte der Welt.
Für die "Barcolana" ist eine leichte bis mittlere Bora optimal.
"Die Bora ist ein herausfordernder, guter, ablandiger Wind. Sie kommt mit verschiedenen Geschwindigkeiten aus unterschiedlichen Richtungen. Wenn man sie richtig zu nutzen weiß, kann man jede Regatta zu gewinnen. Wer sich nicht alleine traut, kann ja als Crew Mitglied an der Regatta teilnehmen.
So wie Frederico Barina, der erst seit kurzem in Triest lebt, und seit Jahren lieber mit erfahrenen Seglern mitfährt.
"Ich war neulich auf einer Regatta und es war so windig, dass wir hatten Angst hatten, unser Großsegel könne reißen. Da steigt der Adrenalinspiegel! Vor drei Jahren auf der Barcolana da herrschte Bora mit orkanartigen Böen. Abends im Hafen wurden die Boote aus Platzgründen ganz eng im Päckchen aneinandergezurrt. Wenn sich dann eines bewegte, bewegten sich alle, wie Spielzeuge: düdüdüdüdüt. Ich habe an Bord geschlafen. Aber in Wahrheit habe ich zugehört, wie die Boote aneinander krachten. An Nachtruhe war gar nicht zu denken. Das ist kein Wind, bei dem du wie in Mutters Armen träumst, die Bora sagt dir, heute Nacht wirst du nicht schlafen."
Bewegendes Spektakel
Bei mäßigem Wind ist auch Veit Heinichen bei der Regatta mit von der Partie. Bei Sturm aber lässt er sich lieber als Zuschauer an Land die Bora um die Nase wehen.
"Wenn man diese weißen Segel sieht und die Böen, die der Wind aufreißt, diese Gischt, die über den Golf von Triest schäumt, und wie die weiße Stadt Triest mit ihren Fassaden in der Sonne glitzern, der Leuchtturm mit seinem grünen Kupferdach und seinen weißen Steinen. Wenn ich jetzt weitermache, wird irgendjemand sagen. So ein Kitsch! Nein, es lässt niemanden kalt, der das Spektakel sieht."