Donnerstag, 29. Februar 2024

Archiv


Die Burka als europäisches Streitobjekt

Ob Belgien, Frankreich oder Spanien: In mehreren europäischen Ländern wird heftig gestritten über das sogenannte Burka-Verbot. Die Vollverschleierung muslimischer Frauen gilt vielerorts als Unterdrückung der Frau. Die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Schirin Amir-Moazami hat mit einigen Frauen gesprochen.

Von Bettina Köster | 24.06.2010
    "Die Leute sehen immer nur den Körper, den Körper, den Körper und das ist manchmal herabwürdigend. Man sieht immer nackte Frauen in der Werbung und das stört niemanden. Ich meine, jemand der in der Straße mit durchsichtigen Kleidern läuft, stört niemanden. – Und warum kann eine Frau, die versucht sittsam zu sein, wie kann das jemanden stören. Ich meine ich verstehe das nicht, dass das jemanden stören kann."

    Die 24-jährige Psychologiestudentin aus Marseille war eine der muslimischen Frauen, die von Prof. Amir-Mohazami zum Kopftuchtragen befragt wurde. Ähnlich wie sie erzählten auch andere Frauen, dass sie das islamische Kopftuch benutzen, um ihre muslimische Identität öffentlich zu zeigen und einige sehen das Kopftuch auch als Ausdruck ihrer persönlichen Bindung zu Gott. Die Ganzkörperverschleierung spielte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine Rolle. In gewisser Weise spitzt die Burka-Diskussion der letzten Monate die Jahre zuvor geführte Kopftuchdebatte zu, meint Prof. Amir-Moazami.

    "Also zugespitzt ist es insofern, weil hier eine ganz andere Sphäre der Öffentlichkeit angesprochen wird. Also bei der Kopftuchdebatte, vor allem in der französischen Diskussion, ging es ja zunächst einmal um die Schule als öffentliche Sphäre. Und jetzt wird natürlich die öffentliche Sphäre viel weiter gefasst, also es geht jetzt um den öffentlichen Raum, also nicht nur um öffentliche Institutionen, sondern um die Strafe. Der öffentliche Raum wird viel weiter gefasst und auch das, was dann mit Kontrolle verbunden ist, also mit der Kontrolle des öffentlich-rechtlichen Raumes wird eben sehr stark ausgeweitet. Also insofern ist es auch eine andere Dimension - diese Burka-Debatte und das Verbot."
    Noch vor der Sommerpause soll in Frankreich das Burka-Verbot im Parlament verabschiedet werden. Danach müsste eine Frau mindestens 150 Euro bezahlen, wenn sie mit verschleiertem Gesicht auf die Straße geht. In Frankreich leben mit über fünf Millionen die meisten Menschen mit muslimischen Hintergrund im Vergleich zu anderen europäischen Einwanderungsländern. Der Anteil der Burka-Trägerinnen wird aber immer wieder als Randphänomen beschrieben. Ebenso in Belgien, das als erstes europäisches Land das Tragen einer Ganzkörperverschleierung bereits unter Strafe gestellt hat. Aber selbst wenn die Burka-Trägerinnen nur eine marginale Bedeutung haben, können sie doch hierzulande eine verwirrende Wirkung haben.

    "Burka, das ist ein spezifischer Begriff und eine spezifische Version der Verschleierung, die aus Afghanistan kommt und die löst natürlich nicht nur Irritation, sondern auch Angst aus hier, weil damit so was wie das Taliban-Regime und Unterdrückung der Frau oder auch Wegschluss der Frau aus der Öffentlichkeit assoziiert wird und auch nicht zu Unrecht, also das löst begründete Ängste aus. Aber, ob sich das jetzt auf den europäischen Raum ausdehnt, das ist natürlich noch mal eine ganz andere Frage."

    Diese Ängste auf europäischer Seite sind Ernst zu nehmen, meint die Islamwissenschaftlerin. Die Berichterstattung der Medien ist in ihren Augen aber in erster Linie dramatisierend. Die Bilder der verschleierten Gesichter würden als Bedrohung in den Mittelpunkt und die Frauen unter Generalverdacht gestellt. Dabei weiß man aus wissenschaftlicher Sicht viel zu wenig über muslimische Frauen, die mit verschleiertem Gesicht in den Straßen der europäischen Städte zu sehen sind.

    "Das, was ich kenne aus den Untersuchungen, was ich kenne an Begründungen, ist es heute interessanterweise, paradoxerweise sind das Frauen, die viel emanzipierter sind in Anführungsstrichen oder sagen wir mal feministische Ansichten hegen noch als halbverschleierte Frauen. Für sie hat es nicht unbedingt den Bezug zu Gott, das auch wahrscheinlich, aber die erste Motivation ist wirklich den Körper zu entsexualisieren. Das ist das, was ich bei den Motiven bei der Vollverschleierung häufig vorgefunden habe."

    Ausschließen kann man natürlich nicht, dass es auch Frauen gibt, die von ihren Männern dazu gezwungen werden, auch ihr Gesicht zu verschleiern, so wie es von europäischer Seite häufig unterstellt wird. Mit einem Verbot von staatlicher Seite könnten diese Frauen aber nicht gerettet werden, meint Amir-Mohazami.
    "Ich denke, dass wenn man von staatlicher Seite das zu regulieren versucht, wenn der Staat sich in eine Sphäre einmischt und damit eine ganze Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht stellt. Also das passiert ja, indem Probleme islamisiert werden. Also da ist erst mal die Frage, wer ist da eigentlich involviert, bei dem, was man dagegen tun könnte, also Geschlechtersegregation. Also wenn überhaupt, dann müsste das von zivilgesellschaftlicher Seite getragen werden. Und es gibt ja auch genug Institutionen, Einrichtungen, die sich darum bemühen, die Frauen aus diesen Gettos zu retten. Da gibt es ja schon Mechanismen. Das Problem ist jetzt, dass sich der Staat einmischt in eine Sphäre, die sich im liberaldemokratischen Verständnis idealtypisch nicht in seine Einflusssphäre gehört."

    Deshalb wird beispielsweise auch damit gerechnet, dass einige betroffene Frauen klagen werden. Sie könnten sich vor dem Europäischen Menschenrechtsgericht auf die Glaubensfreiheit berufen, heißt es bei Menschenrechtsorganisationen. - Warum prangert aber gerade Präsident Nicolas Sarkozy die Burka als unfranzösisch an und auch andere französische Politiker sehen die Frauen hinter einem Maschengitter gefangen?

    "Also Frankreich hat ja auch historisch gesehen ein ganz kompliziertes Verhältnis zwischen Staat und Religion oder zwischen Kirche und Staat. In Frankreich hat sich wie in keinem anderen Land der Konflikt zwischen den katholischen Kirche und den republikanischen Kräften in ein Gesetz gemündet, nämlich das Laizitätsgesetz, das jetzt auch verfassungsmäßig seit 1901 implementiert ist. Also Frankreich ist im europäischen Bereich schon sehr spezifisch."''"

    Historisch gesehen also ein sensibles Feld, in dem es schon immer Auseinandersetzungen um dieses laizistische Prinzip in Frankreich gab. Und der Streit zwischen den kirchlichen Kräften und der republikanischen Seite wurde auch immer wieder neu aufgelegt, weil sich die kirchliche Seite mit dieser strikten Trennung von Kirche und Staat nicht immer arrangieren konnte.

    ""Und ich denke, dass das schon mit berücksichtigt werden muss, wenn man jetzt sieht, wie ne neue Religionsgemeinschaft in den öffentlichen Raum tritt und vielleicht noch mal das Laizitätsprinzip von neuem hinterfragt. Nun denke ich aber, dass das Laizitätsprinzip unterschiedliche Implikationen hat. Man könnte es einerseits als Religionsfreiheit deuten, wurde es ja auch historisch gedeutet, andererseits könnte man aber auch sagen, es impliziert eine Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum und ich denke diese Interpretation überwiegt im Moment in den Diskussionen, wenn es darum geht religiöse Symbole aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Eine Tendenz, mit der man auch Signalwirkung erzielen möchte bei denjenigen, die sich mit dieser Trennung vielleicht nicht unbedingt so anfreunden können."