21. Juli 2026
Die internationale Presseschau

Heute mit Stimmen zum Krieg zwischen den USA und dem Iran sowie zu den Reformbestrebungen in Ungarn. Hauptsächlich geht es in den Kommentaren aber um den neuen britischen Regierungschef, Andy Burnham.

Der neue britische Premierminister: Andy Burnham bei seiner Ankunft in der Downing Street in London
Der neue britische Premierminister: Andy Burnham bei seiner Ankunft in der Downing Street in London (Imago / I Images / Stephen Lock)
"Schon wieder ein neuer Premierminister!", titelt die österreichische Zeitung DER STANDARD und führt aus: "Die Briten sehnen sich nach Stabilität. Ob Andy Burnham sie bringen kann? Gleich in seiner ersten Rede als Premier ging der Labour-Politiker darauf ein: Nicht nur dem Land, sondern der ganzen Welt müsse gezeigt werden, dass die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde die Turbulenzen hinter sich lassen könne. Erfahren genug ist der 56-Jährige, er hatte diverse Kabinettsposten inne und regierte zuletzt den Großraum Manchester erfolgreich. Wie in anderen Demokratien auch sieht sich der Engländer aber einem ungeduldigen Wahlvolk gegenüber. Politiker werden mit Misstrauen beäugt oder rundweg verachtet. Das ist gefährlich in einer Welt, in der Diktaturen wie China und Autokratien wie Russland auf offene oder versteckte Weise ihren Einfluss geltend machen. Zudem bleibt der Berserker im Weißen Haus unberechenbar. Burnham wird viel erklären, um Verständnis werben und gelegentlich auch Disziplin einfordern müssen", vermutet DER STANDARD aus Wien.
Die britische Zeitung THE GUARDIAN hält fest: "In seiner Antrittsrede erklärte Burnham, dass das zerstörerische Ungleichgewicht in Bezug auf Wohlstand, Macht und Status durch eine Regierung behoben werden müsse, die die Lebenshaltungskosten senkt. Dazu sei eine stärkere öffentliche Kontrolle über wesentliche Teile der Wirtschaft nötig. Dies sei eine Vision, die, wie Burnham erklärte, die politischen und wirtschaftlichen Maßgaben der letzten 40 Jahre infrage stelle. Burnhams Pläne könnten Millionen von Wählern Hoffnung geben, die durch Fehler und falsch gesetzte Prioritäten in den letzten zwei Jahren unter Sir Keir Starmer enttäuscht wurden", meint THE GUARDIAN aus London.
Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT hält fest: "Burnhams Kurs wird progressiver sein als der seines Vorgängers Starmer. Burnham hat bereits angekündigt, in großem Umfang Sozialwohnungen zu bauen. Sein erstes konkretes Versprechen ist die Beseitigung der Obdachlosigkeit - etwas, das ihm als Bürgermeister von Manchester nicht gelungen ist. Außerdem streicht Burnham den Plan zur Einführung einer digitalen Ausweispflicht. Mit Spannung wird seine Klima- und Energiepolitik erwartet. Burnham will Lizenzen für neue Öl- und Gasbohrungen in der Nordsee vergeben. Damit weicht er von dem Programm ab, auf dessen Grundlage die Labour-Partei 2024 gewählt wurde. Sie wollte keine neuen Genehmigungen erteilen, da dies im Widerspruch zu einer klimaneutralen Politik stehe. Als Premierminister sucht Burnham nun allerdings intensiv nach Möglichkeiten, die Energiekosten seiner Landsleute zu senken", beobachtet DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.
Die französische Zeitung LES ÉCHOS aus Paris ist folgender Meinung: "Burnham verspricht den Briten, die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen und gleichzeitig die Art und Weise, wie Politik gemacht wird, zu verändern. Wird er dort Erfolg haben, wo sein Vorgänger gescheitert ist? Dazu braucht es mehr als nur Worte. Es braucht Taten. Mit extrem hohen Zinssätzen und einer Verschuldung, die dreimal so hoch ist wie vor zwanzig Jahren, ist sein haushaltspolitischer Spielraum jedenfalls erheblich eingeschränkt."
In der chinesischen Zeitung XINMIN WANBAO aus Schanghai ist zu lesen: "Großbritannien steht vor zahlreichen Herausforderungen: die tiefgreifende Spaltung des Landes seit dem Brexit, die gravierenden wirtschaftlichen Problem bis hin zu den stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Das alles kann jedoch von keinem Premierminister innerhalb kurzer Zeit bewältigt werden. Was das Land dringend bräuchte, wäre wieder mehr Kontinuität in der Politik. Dafür müsste es aber einen Umbau des politischen Systems geben."
Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA erläutert mit Blick auf den nächsten Wahltermin: "Andy Burnham hat genau drei Jahre Zeit, um zu verhindern, dass extremistische Nationalisten in Großbritannien die Macht übernehmen. Das ist nicht viel Zeit. Die britische Öffentlichkeit erwartet rasche Veränderungen. Das Land hat Mühe, das Trauma des Brexits zu überwinden. Die wirtschaftliche Stagnation hält bereits so lange an, dass es durchaus möglich ist, dass der Lebensstandard in Polen bis zum Ende des Jahrzehnts den des Vereinigten Königreichs übertreffen wird. Die Finanzmärkte verlieren das Vertrauen in das Land. Die britische Öffentlichkeit ist so verzweifelt, dass sie bereit ist, die Macht an die von Nigel Farage angeführten Populisten zu übergeben", analysiert die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Nun nach Ungarn. Die spanische Zeitung EL PAIS blickt auf die Reformvorhaben des neuen Premierministers Magyar: “Sechzehn Jahre lang diente Ungarn als Testlabor für das, was Premierminister Viktor Orbán als 'illiberale Demokratie' bezeichnete - ein autoritäres System mit einer ultrakonservativen Ideologie und einer anti-europäischen, prorussischen Außenpolitik. Aber dann zeigten die jüngsten Wahlen, dass auch ein Orbán abgewählt werden kann. Nun bieten die Initiativen seines Nachfolgers Péter Magyar zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit anschaulichen Lehrstoff. Die neue Regierung in Budapest macht deutlich, dass sich auch scheinbar unzerstörbare korrupte Strukturen abwickeln lassen. So hat Magyar begonnen, die Propagandamaschinerie der Orbán-Partei Fidesz zu zerschlagen. Die Behörden zur Korruptionsbekämpfung wurden gestärkt und die EU-Politik wurde neu ausgerichtet", hebt EL PAIS aus Madrid hervor.
Die finnische Zeitung ILTA-SANOMAT sieht es so: "In Ungarn ist die 'Operation Fegefeuer' angelaufen. So sagte es jedenfalls Premierminister Magyar bei der Vorstellung seines Reformprogramms. Im allgemeinen Sprachgebrauch besagt der Begriff, dass ein schmerzhafter, aber auch reinigender Prozess durchlaufen werden muss. Magyar hat sich vorgenommen, Ungarn von den korrupten Strukturen zu säubern, die ihm sein Vorgänger Viktor Orbán hinterlassen hat. Doch ein ausgeklügeltes autoritäres Regime lässt sich nur schwer wieder abwickeln. Staatspräsident Tamás Sulyok wollte nicht freiwillig zurücktreten, also setzte Magyar eine Verfassungsänderung durch. Das stieß auf Kritik, denn dazu wurden die gleichen Machtinstrumente eingesetzt wie unter Orbán. Allerdings hatte Magyar auch keine andere Wahl, denn der Orbán-Vertraute Sulyok hätte Reformprojekte und Korruptionsermittlungen behindern können", gibt ILTA-SANOMAT aus Helsinki zu bedenken.
Die norwegische Zeitung DAGSAVISEN aus Oslo wirft ein: "Magyar ist erst seit ein paar Monaten im Amt, aber er hat bereits eine Verfassungsänderung durchgesetzt, mit der die Amtszeit eines Premierministers auf acht Jahre begrenzt wird. Mehr als 16 Milliarden Euro an EU-Hilfen wurden freigegeben. Staatseigene Medien wurden wegen ihrer Verbreitung von Propaganda in die Schranken gewiesen. Alles spricht dafür, dass Magyar die Absicht hat, seine Wahlversprechen zu halten und Ungarn in eine demokratische und EU-freundliche Richtung zu führen."
Der Iran-Krieg ist Thema in der aserbaidschanischen Zeitung MÜSAVAT aus Baku: "Man könnte ihn wohl als Abnutzungskrieg bezeichnen. Ein schnelles Ende dient eher der Machtdemonstration oder dem Zeigen von Stärke, doch Washington benötigt dies derzeit nicht. Ein Iran, der in einem Sumpf aus Problemen feststeckt, ist für die USA weniger problematisch als ein Iran, der wieder aufsteigt und in der Region mitbestimmt."
Die libanesische Zeitung AN NAHAR merkt an: "Seit sie das Memorandum of Understanding aufgekündigt und sich über zehn Tage hinweg gegenseitig militärische Schläge geliefert haben, steuern die USA und der Iran auf die gefährlichste Phase ihrer Konfrontation zu. Beide Seiten verlagern ihren Fokus zunehmend von militärischen Zielen auf die kritische Infrastruktur."