
Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA blickt auf die Ergebnisse der gestrigen Videokonferenz der EU-Innenminister: „Es war mit einer angespannten Stimmung gerechnet worden, doch das Treffen ging ohne größere Zwischenfälle über die Bühne. Spanien erhielt die Unterstützung seiner europäischen Partner und es bekommt Hilfsgelder zur Bewältigung der humanitären Krise in Ceuta. Allerdings wurde die spanische Regierung von EU-Kommissar Magnus Brunner wegen der kürzlich erfolgten Legalisierung von Migranten kritisier. Dagegen gab es keine Kritik an Italien für die einseitige Entscheidung, das Schengen-Abkommen auszusetzen, und auch Marokko kam ungeschoren davon. Stattdessen gab man sich damit zufrieden, die Schuld für die Ereignisse bei kriminellen Banden gefunden zu haben, die Desinformationen über soziale Medien verbreiten. Die EU-Staaten sind den heiklen Fragen aus dem Weg gegangen und konnten so die fragile Einigkeit beim Thema Migration gestern in letzter Sekunde doch noch retten - bis zur nächsten Krise“, warnt LA VANGUARDIA aus Barcelona.
Ähnlich sieht es DER STANDARD aus Wien: "In Ceuta ist nach den Chaostagen die Ordnung wieder hergestellt. Niemand schaffte es auf das europäische Festland, wie die EU-Innenminister zufrieden konstatierten. Wer nun glaubt, damit sei die Sache erledigt, täuscht sich. Die Bilder von Ceuta haben das Potenzial, die EU und das gemeinsame Europa in die Luft zu sprengen. Die Videos von Menschenmassen, die mit Gewalt über die Grenzen gehen bzw. schwimmen, erinnern frappant an jene in Griechenland und auf dem Westbalkan vor zehn Jahren. Heute mag die EU-Kommission noch so oft betonen, dass die Zahl der illegalen Migranten in zwei Jahren mehr als halbiert wurde. Bilder schlagen Worte. Rechtspopulisten nutzen das schamlos. Was können die gemäßigten Parteien dagegen tun? Es gäbe eine elegante Lösung: im politischen Handeln und Reden seriös zu bleiben, aufzuklären, dass erfolgreiche Asyl- und Migrationspolitik nur gemeinsam gelingen kann", gibt der österreichische STANDARD zu bedenken.
Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA sieht die Verantwortung für den Vorfall in Marokko und plädiert dafür, den spanischen Ministerpräsidenten Sanchez zu unterstützen: „Jedem, der mit den Gegebenheiten in Marokko vertraut ist, ist klar, dass der Zustrom in die spanische Exklave auf Initiative oder zumindest mit stillschweigender Billigung von König Mohammed VI. erfolgte. Dennoch wurde der marokkanische Botschafter in Madrid nicht einmal zu Konsultationen ins spanische Außenministerium einbestellt. Dies ermutigt das autoritäre Regime in Rabat nur dazu, den Konflikt weiter zu eskalieren. Es verfolgt dabei verschiedene Ziele. Eines ist die Übernahme von Ceuta und Melilla. Ein weiteres die endgültige Anerkennung der Herrschaft Marokkos über die Westsahara, eine ehemalige spanische Kolonie. Polen und andere EU-Staaten sollten sich solidarisch mit Ministerpräsident Sánchez zeigen, anstatt zu versuchen, ihn zu isolieren. Spanien fungiert als Bollwerk der Demokratie und Freiheit in Südwesteuropa, ebenso wie unser Land in Nordosteuropa. Damit dies jedoch geschehen kann, muss der spanische Ministerpräsident die Wahrheit über die düstere Realität in Marokko aussprechen“, notiert RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
Die tschechische Zeitung PRÁVO schreibt dazu: „Augenzeugen zufolge haben marokkanische Polizisten und Grenzbeamte die Migranten am Ansturm auf Ceuta nicht nur nicht gehindert, sondern sie sogar unterstützt. Marokko ähnelt damit der Türkei und Belarus – Länder, die genau wissen, welche Möglichkeiten ihnen die Migranten-Karte als Druckmittel verschafft. Nach dem Motto: Hallo Europa, wir haben hier Migranten. Hast Du Angst vor ihnen? Dann gib uns, was wir wollen, sonst…", heißt es in der PRÁVO aus Prag.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG empfiehlt der EU, ihre Migrationspolitik zu reformieren: "Abschieben können die Europäer nicht, die EU-Außengrenze schützen können sie aber auch nicht, wie der Fall von Ceuta zeigt. Weil man sich aus humanitären Gründen mit beidem schwertut, versucht man die Drecksarbeit auszulagern. Autoritär geführte Länder wie Marokko und die Türkei werden dafür bezahlt. Diese Konstellation macht den Kontinent noch verletzlicher, ja erpressbar. Europa sollte sich stattdessen auf Kontingente für Arbeitsmigranten und für Flüchtlinge verpflichten. Damit würde man Migration nicht mehr einfach über sich ergehen lassen, sondern selbst bestimmen, wer hier eine Chance erhält. Sie müssten ihre Anträge außerhalb Europas stellen und könnten bei Annahme legal und mit weniger Gefahren verbunden einreisen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für Migration würde wachsen, und ein menschenfreundlicherer Umgang wäre möglich. Das jetzige Asylsystem ist eine Simulation von Humanität. Es produziert Kontrollverlust und bringt Menschen in Gefahr", unterstreicht die NZZ.
Die mexikanische Zeitung LA RAZON legt den Fokus auf das Schicksal der Geflüchteten: „Jetzt laufen die Ermittlungen, um die Verantwortlichen für die Verletzung des spanischen Hoheitsgebiets durch tausende illegale Migranten herauszufinden. Auf diese Untersuchungen wird sich jetzt die Aufmerksamkeit konzentrieren. Als Reaktion wird es noch mehr Soldaten und Zäune geben. Dagegen wird die Bekämpfung der wahren Fluchtursachen in Vergessenheit geraten. Und die Opfer bleiben anonym: die Opfer profitorientierter Manipulation, die Opfer von Regierungen, die den jungen Menschen keine Perspektiven bieten, und die Opfer von Nachbarländern, denen ihre Isolation wichtiger ist als die Leistung von Hilfe bei einer humanitären Krise“, kritisiert LA RAZON aus Mexiko-Stadt.
Und nun zum Krieg gegen die Ukraine. Die britische Zeitung THE TIMES beleuchtet die ukrainischen Angriffe auf den russischen Online-Versand Wildberries: "Mehr noch als die gezielten Angriffe auf Ölraffinerien und die Infrastruktur, die zu Treibstoffknappheit und Rationierungen führen, bringen die ukrainischen Attacken gegen Wildberries den Krieg in das Leben der einfachen russischen Bevölkerung.Das Unternehmen hat auf dem heimischen Markt eine noch dominantere Stellung als Amazon in den USA. Es macht etwa 50 Prozent des Online-Einzelhandels in Russland aus und ermöglicht so Millionen Russen, die über elf Zeitzonen verteilt leben, einen schnellen Zugang zu günstigen Waren. Bei dem Feldzug geht es keineswegs nur um Unannehmlichkeiten für die Kunden, sondern vielmehr um einen kühnen Versuch, die russische Wirtschaft zu Fall zu bringen. Wildberries ist nicht nur eines der größten Unternehmen Russlands, sondern auch das mit den höchsten Schulden. Der Untergang von Wildberries könnte eine Kettenreaktion unter russischen Banken auslösen und damit den Zusammenbruch einer ganzen Reihe von Geldinstituten nach sich ziehen - mit desaströsen Folgen für die strukturell erschöpfte russische Wirtschaft", erläutert THE TIMES aus London.
Die französische LIBÉRATION sieht eine neue Strategie in der ukrainischen Kriegsführung: "Kiew setzt nun auf Zermürbung und zielt auf die Moral der Bevölkerung ab. Es handelt sich um eine psychologische Offensive, die ein Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust hervorrufen soll. Und sie führt zu immer mehr Frustrationen unter der Zivilbevölkerung. Luftangriffe auf die Krim, Angriffe immer tiefer im Inneren Russlands - das Ziel Kiews ist klar: die russische Bevölkerung zu demoralisieren und Wladimir Putin zu verunsichern, damit er endlich bereit ist, ein Friedensabkommen in Betracht zu ziehen. So weit ist es noch nicht. Doch der Zweifel ist nun gesät: Der russische Präsident ist nicht unfehlbar, auch dort nicht, wo sein Sieg bereits als gesichert galt", bemerkt LIBÉRATION aus Paris.
