15. August 2026
Die internationale Presseschau

Ein Thema ist der Sieg des britischen Rechtspopulisten Nigel Farage bei einer Parlaments-Nachwahl im Osten Englands. Im Mittelpunkt der Kommentare steht jedoch der Jahrestag der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan.

    Ein Mann trägt Einkäufe auf einem Markt in Herat, daneben sind verhüllte Frauen und ein Mädchen zu sehen.
    Ein Thema: Die islamistischen Taliban in Afghanistan haben vor fünf Jahren erneut die Macht im Land übernommen (Archivbild). (picture alliance / SIPA / Semenova Maria)
    Die spanische Zeitung EL PAIS bemerkt: "Zum fünften Mal jährt sich heute das größte Versagen der internationalen Gemeinschaft in diesem Jahrhundert, und es besteht auch keine Aussicht auf eine Besserung der Lage in Afghanistan. Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban die Hauptstadt Kabul. Theoretisch stand sie noch unter dem Schutz einer internationalen Koalition unter Führung der USA, die versprochen hatte, dass die 20 Jahre zuvor gestürzten Taliban nie wieder an die Macht kommen würden. Es kam anders. Es gab chaotische Szenen, als internationale Truppen und ausländische Bürger evakuiert wurden und verzweifelte Afghanen versuchten, auch noch einen Platz in einer der Militärmaschinen zu ergattern. Millionen Menschen blieben zurück, und vor allem die Frauen wurden vollständig ihrem Schicksal überlassen. So ist es bis heute", bilanziert EL PAIS aus Madrid.
    Nach dem Abzug der US- und der NATO-Truppen aus Afghanistan folgte ein Krieg gegen Frauen, betont die norwegische Zeitung VERDENS GANG: "Wer Angst vor dem Alltag unter den Taliban hatte, bekam recht. Die Charme-Offensive der ersten Wochen nach der Machtübernahme dauerte nicht lange. Erst wurde Frauen der Zugang zur Universität verwehrt, dann wurden die weiterführenden Schulen für Mädchen geschlossen. Die Rechte für Frauen befinden sich auf einem absoluten Tiefpunkt. Aber jahrelang haben afghanische Frauen Widerstand geleistet und den Verboten getrotzt. Sie riskieren alles für ihren Traum von einem besseren Leben", unterstreicht VERDENS GANG aus Oslo.
    Die italienische Zeitung CORRIERE DELLA SERA konstatiert: "Nach und nach haben die Taliban ein regelrechtes System der Geschlechter-Apartheid aufgebaut, indem sie Frauen ein Verbot nach dem anderen in den Bereichen Bildung, Arbeit und Teilnahme am öffentlichen Leben auferlegten. In den vergangenen fünf Jahren haben sie 470 Dekrete erlassen, von denen 79 speziell gegen Frauen gerichtet waren. Ungeachtet dessen und vieler weiterer Missstände verhandelt die Europäische Union mit den Taliban: Anerkennung gegen Rückführungen von Migranten", moniert der CORRIERE DELLA SERA aus Mailand.
    Die französischen Zeitung LA CROIX wendet ein: "Die Machtübernahme der Taliban hatte nicht nur negative Auswirkungen. Sie brachte die Rückkehr des inneren Friedens in ein Land, das seit nahezu fünfzig Jahren fast ununterbrochen von Kriegen geprägt war. Es ist wieder möglich geworden, sich sicher innerhalb des Landes zu bewegen. Die Taliban haben zudem den Anbau von Schlafmohn zurückgedrängt. Afghanistan war lange Zeit der weltweit größte Produzent dieser Pflanze, aus der Heroin hergestellt wird." Das war LA CROIX aus Paris.
    Die Taliban seien nicht als monolithischer Block zu betrachten, heißt es in einem Gastbeitrag der japanischen Zeitung ASAHI SHIMBUN: "Zwar wird die grundlegende Politik in Kandahar von der obersten Führung festgelegt und muss von allen strikt befolgt werden. In der Hauptstadt Kabul gibt es jedoch innerhalb der Staatsführung auch Befürworter einer Wiederaufnahme der Bildung für Mädchen. Diese halten eine Verbesserung der Beziehungen zum Ausland sowie das Wirtschaftswachstum für wichtiger. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Taliban langfristig an der Macht bleiben, ist hoch. Gerade deshalb ist es wichtig, sie nicht zu isolieren, sondern die Rückkehr des Landes in die internationale Gemeinschaft anzustreben und den Dialog fortzusetzen", So weit der Gastkommentar aus der Zeitung ASAHI SHIMBUN aus Tokio.
    Themenwechsel. Mit einem Sieg bei einer Nachwahl im Wahlkreis Clacton in der englischen Grafschaft Essex hat sich der britische Rechtspopulist Nigel Farage erneut einen Sitz im Parlament gesichert. Die dänische Zeitung POLITIKEN verweist auf Konkurrenten von Farage: "Sein Hauptgegner war der Komiker Count Binface, der als Mülleimer verkleidet auftrat und 27 Prozent der Stimmen bekam, fast halb so viele wie Farage. Selbst viele Wähler in dem Pro-Brexit-Wahlkreis Clacton konnten es offenbar nicht über sich bringen, Farage zu wählen, und machten lieber ihr Kreuz bei einem Mülleimer. Das ist absolut verständlich. Lange profitierten Farage und seine Partei Reform UK von der tiefen politischen Krise des Landes. Aber vielleicht hat die Kombination aus der Ablösung von Keir Starmer durch Andy Burnham und den Enthüllungen über Farages Korruptionsfälle die britischen Wähler zur Besinnung gebracht. In den Umfragen sind die Werte für Reform UK rückläufig, und Labour liegt wieder vorne. Möge es so bleiben", schreibt POLITIKEN aus Kopenhagen.
    Die britische Zeitung THE TIMES erwartet: "Nun, da Farage wieder Abgeordneter ist, kann die Untersuchung seiner Finanzen, die während des Nachwahlkampfs auf Eis gelegt worden war, wieder aufgenommen werden. Der Beauftragte des Unterhauses für parlamentarische Standards gab bekannt, dass etwa seine Nachforschungen zu einer 'Spende' des in Thailand ansässigen Krypto-Milliardär Christopher Harborne an Farage in Höhe von fünf Millionen Pfund fortgesetzt wird. Einige Mitglieder von Reform UK hatten geglaubt, die Nachwahl könnte dazu führen, dass diese Untersuchungen unterbunden werden. Sie haben sich getäuscht", lautet das Fazit von THE TIMES aus London.
    Die Zeitung THE NATIONAL aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hebt hervor, dass Farage, anders als in der britischen Politik üblich, der Bekanntgabe des Wahlergebnisses fernblieb: "Der Gedanke, miterleben zu müssen, wie Count Binface – ein Mann mit einer Mülltonne auf dem Kopf – den größten Wahlerfolg seiner 'Karriere' feiert, könnte ihm zu viel gewesen sein. Dies hätte lediglich die Leichtfertigkeit - manche würden sogar sagen den Wahnsinn - von Farages Strategie unterstrichen. Schließlich kehrt er nun nach Westminster zurück - nur, um sich dort weiterhin einer Untersuchung zu stellen, die durchaus zu seiner Suspendierung als Abgeordneter und zur Auslösung einer weiteren Nachwahl führen könnte", vermutet THE NATIONAL aus Abu Dhabi.
    Die aserbaidschanische Zeitung MÜSAVAT beschäftigt sich mit dem Besuch des russischen Präsidenten Putin auf den Kurilen-Inseln im Pazifik, die die Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkriegs von Japan erobert hatte: "Tokio betrachtet die Inselgruppe nach wie vor als 'historisches Territorium' Japans. Genau dieser scharfe Gegensatz verhindert seit vielen Jahren eine vollständige Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Deshalb konnte bisher auch kein Friedensvertrag zwischen Japan und Russland geschlossen werden. Der Kreml steht der Tatsache kritisch gegenüber, dass Tokio einerseits die politischen Verhandlungen mit Russland über den Gebietsstreit fortsetzen will, sich andererseits aber direkt an den Wirtschaftssanktionen des Westens gegen Russland beteiligt. Eine direkte militärische Konfrontation zwischen beiden Seiten erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als realistisches Szenario. Allerdings werden sich die Beziehungen insgesamt verschärfen", prognostiziert MÜSAVAT aus Baku.
    Abschließend ein Kommentar zur Ankündigung der USA, ihren Truppenabzug aus dem Irak bis Ende September abzuschließen. Das irakische Nachrichtenportal AL MASALAH erläutert: "So mag das nun vereinbarte Datum für den endgültigen Abzug zwar ein bedeutender Schritt sein, es löst aber nicht automatisch die fragile Sicherheitssituation im Land. Dies gilt umso mehr, als zahlreiche Bürger dem Staat nicht zutrauen, sie zu schützen und sich darum ebenfalls bewaffnet haben. So wird es die eigentliche Herausforderung des Landes sein, eine praktikable und allgemein anerkannte Definition von Souveränität zu finden: Wer schützt die Grenzen, wer überwacht den Luftraum, und wo liegen die Grenzen der Beziehungen zu ausländischen Mächten?", fragt AL MASALAH aus Bagdad zum Ende dieser internationalen Presseschau.