22. August 2026
Die internationale Presseschau

Kommentiert werden unter anderem die israelische Siedlungspolitik, die hohe Staatsverschuldung in den USA, der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich und die Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt.

Ein Wahlwerbeschild mit dem Bild von AfD-Spitzenkandidat Siegmund ist auf einer Kundgebung der AfD zu sehen.
AfD-Spitzenkandidat Siegmund im Wahlkampf (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Dazu schreibt die finnische Zeitung ILTA-SANOMAT: "Die Unterstützung für die rechtsextreme AfD hat schwindelerregende Werte erreicht. Umfragen sagen einen Stimmenanteil von mehr als 40 Prozent voraus. Selbst eine absolute Mehrheit scheint nicht mehr ausgeschlossen. Es wäre dann das erste Mal, dass ein deutsches Bundesland von einem Ministerpräsidenten der AfD regiert wird. Der Aufstieg der extremen Rechten spaltet Deutschland und heizt die Debatte im ganzen Land an. Dabei ist die AfD kein rein ostdeutsches Phänomen: Bundesweit wird sie bei bis zu 28 Prozent gesehen. Auch das ist Demokratie. Niemand kann den Deutschen das Recht nehmen, zu wählen, wen sie wollen. Aber die Pläne der AfD wären ein Schlag gegen die liberale Demokratie, und Minderheiten würden diesen als Erste zu spüren bekommen", ILTA-SANOMAT aus Helsinki.
Die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA hält fest: "Trotz aller Turbulenzen galt Deutschland bislang als stabiles Land mit starken demokratischen Institutionen, in dem beispielsweise die Urteile des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe als unantastbar gelten. Die Gesetzgebungsverfahren dauern zwar im Vergleich zu anderen Ländern, wie beispielsweise Polen, länger, sind aber unumstritten. Die Medien hatten eine starke Position, und die Zivilgesellschaft war aktiv. Die AfD hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie diesen Status quo umwerfen und eine neue Ära in der deutschen Geschichte einläuten will", meint die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
Nun nach Israel und dem umstrittenen Bau von neuen Siedlungen im Westjordanland. Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN führt aus: "Das Projekt umfasst mehr als 1.200 Wohnungen östlich von Jerusalem und stößt international auf heftige Proteste. Das Westjordanland würde de facto in zwei Hälften geteilt. Schon länger verüben Siedler Gewalttaten an Palästinensern. Premierminister Netanjahu jedoch gibt den Extremisten freie Hand und entscheidet sich konsequent für Provokation und Aggression statt für Zusammenarbeit und Dialog. Aber das macht Israel nicht sicherer, im Gegenteil. Israels internationales Ansehen hat in den letzten Jahren heftig gelitten. In Zeiten wie diesen fällt es schwer, Unterstützer Israels zu sein", findet AFTENPOSTEN aus Oslo.
Die österreichische Zeitung DER STANDARD kommentiert jüngste Äußerungen des israelischen Polizeiministers Ben-Gvir zu gezielten Tötungen von Palästinensern: "Ben-Gvir ist in seinen Äußerungen und Handlungen natürlich radikaler als andere im Kabinett von Premier Netanjahu. Aber wenn Empörung und Sanktionsforderungen lediglich auf Ben-Gvir gerichtet sind, wird er allein zum Bösewicht hochstilisiert, anstatt die systematische und alltägliche Gewalt zu thematisieren, der Palästinenserinnen und Palästinenser unter dieser Regierung ausgesetzt sind. An Israels Vorgehen in Gaza, im Westjordanland und im Südlibanon ändert sich damit nichts", unterstreicht der Wiener STANDARD.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG hält es für problematisch, dass andere Aspekte der umstrittenen Aussagen Ben-Gvirs keine Beachtung gefunden hätten: "Was Ben-Gvir im selben Interview sonst noch forderte, waren neue jüdische Siedlungen im ganzen Gazastreifen und die 'Auswanderung' der Palästinenser. Wer Siedlungen fordert und zugleich die Abwanderung derer, die dort leben, meint Vertreibung. Das ist der Punkt, an dem Widerspruch nötig gewesen wäre. Wer aber seine Worte verdreht, um sich daran abzuarbeiten, spielt Ben-Gvirs Spiel mit. Denn darauf zielt der Minister mit seinen Einlassungen ab: provozieren, anecken und im Gespräch bleiben. Gleichzeitig kann er sich gegenüber seinen Anhängern als Opfer der ohnehin verhassten Europäer und der UNO stilisieren. Es ist genau die Rolle, die er sucht", meint die Schweizer NZZ.
Die Zeitung HÜRRIYET aus Istanbul sieht zunehmende Spannungen zwischen der Türkei und Israel: "Die Wahlen in Israel in zwei Monaten sind ein Kampf um das politsche Überleben Netanjahus. Das wird immer deutlicher. Netanjahu droht wegen eines Korruptionsverfahrens eine Gefängnisstrafe. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er an der Macht bleiben wird. Deshalb ist er entschlossen, die Politik, die er in seiner politischen Laufbahn als erfolgreich erlebt hat, auf die gesamte Region auszudehnen. Der Angriff in Syrien unweit der türkischen Grenze könnte jedoch das gefährlichste Spiel in der Region seit langem sein. Damit versucht er, die Türkei einzuschüchtern", glaubt HÜRRIYET aus Istanbul.
Nun in die USA. Zur hohen Staatsverschuldung schreibt die Londoner FINANCIAL TIMES: "In dieser Woche stiegen die langfristigen US-Zinsen inmitten einer globalen Schuldenkrise auf den höchsten Stand seit 2007. Dies veranlasste das nervöse Finanzministerium zu dem aufschlussreichen Schritt, in die Anleihemärkte einzugreifen, um die Renditen zu dämpfen. Nach zwei Jahrzehnten eines finanzpolitischen Traumzustands ist die Realität nun endgültig zurück. Es ist chaotischer als in den 2.000er Jahren. Die weltweiten Staatsschulden sind höher, die Kluft zwischen den reichen Nationen ist größer, und in einer von Raubtiermentalität geprägten Welt steht mehr auf dem Spiel. Länder mit übermäßiger Verschuldung gefährden nun nicht nur ihre wirtschaftliche Stabilität, sondern auch ihr soziales Gefüge, ihre militärische Abschreckungskraft und ihre geopolitische Macht", warnt die britische FINANCIAL TIMES.
US-Finanzminister Bessent habe sich verkalkuliert, meint die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN. "Die Maßnahme durch das US-Finanzministeriums gegen den Anstieg der Renditen ist verpufft. Die Renditen sind schon wieder gestiegen. Die US-Behörde musste nach diesem Strohhalm greifen. Die Aktion ist aber gescheitert, weil die Märkte registrierten, wie groß die Angst des Finanzministeriums vor steigenden Renditen ist. Bessent dürfte dies gewusst haben. Eines der orthodoxen Mittel im Kampf gegen steigende Renditen der Staatsanleihen ist ein gesunder Staatshaushalt. Kurz vor den anstehenden Zwischenwahlen konnte die US-Regierung allerdings keine strengen Maßnahmen ankündigen", betont NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
Nun nach Frankreich. Dort werfen Zeitungen einen Blick auf die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon hat frühzeitig seinen Wahlkampf für die Partei "La France insoumise" gestartet. Der Pariser FIGARO notiert: "Melenchon schwimmt auf einer Erfolgswelle für seine vierte Präsidentschaftskandidatur. Acht Monate vor der Wahl hat er noch nie solche Umfragewerte erzielt. Sehen er und seine Anhänger sich schon im Élysée-Palast? Das Schlimmste daran ist, dass ihn nichts aufhalten kann. Er kann schreckliche Dinge sagen, in Übertreibungen verfallen, den terroristischen Charakter des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober anzweifeln und dennoch lässt die Dynamik nicht nach. Sein Geheimnis? Der ehemalige Präsident François Mitterrand soll ihm kurz vor seinem Tod gesagt haben: 'Gib niemals auf'", erklärt LE FIGARO.
Die franzöische Zeitung LIBÉRATION analysiert: "Bei Jean-Luc Mélenchon darf niemand aus der Reihe tanzen, wie die brutale Entlassung jener gezeigt hat, die es gewagt hatten, innerhalb der Bewegung abweichende Standpunkte zu vertreten. Solange Mélenchon auf eigene Faust handelt, ist das eine Stärke – seine Anhänger halten sich zurück und gehorchen ihm aufs Wort. Sollte Mélenchon davon träumen, die Linke zu vereinen, zeugt dies von immenser Schwäche. Während die Sozialisten nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, und ein Teil der Grünen bereit ist, sich dem Linkspopulisten anzuschließen, sendet Mélenchon keinerlei Signale der Kompromissbereitschaft aus. Er nimmt sich das heraus. Die anderen müssen parieren", kritisiert die Pariser LIBÉRATION.