02. September 2026
Die internationale Presseschau

Kommentiert wird der Gipfel der Schanghaier Organsiation in Kirgisistan. Hauptsächlich geht es aber um die Reaktion der Bundesregierung auf den Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle vom 5. August.

Das Foto zeigt das Russische Haus in Berlin.
Als Reaktion auf den Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle schließt die Bundesregierung das Russische Haus in Berlin. (imago images/Schöning)
Dazu schreibt der Schweizer TAGES-ANZEIGER:  "Nach langem Abwägen hat sich die deutsche Regierung nun durchgerungen, Ross und Reiter zu nennen und Russland für die glücklicherweise knapp gescheiterte Aktion verantwortlich zu machen. Und Berlin hat auch eine Reaktion angeordnet: Der russische Botschafter wurde einbestellt, das sogenannte Russische Haus, eine als Kulturzentrum getarnte Spionagezentrale an bester Lage in Berlin, wird endlich geschlossen, ebenso das russische Generalkonsulat in Bonn, das letzte in Deutschland. Das ist ein moderates Signal an Putin, ein verhaltenes gar, weil Berlin darauf verzichtet hat, die NATO einzuschalten. Doch es ist auch eine besonnene Reaktion, denn damit steht dieses Mittel der Eskalation dem deutschen Kanzler Merz weiterhin zur Verfügung", betont der TAGES-ANZEIGER aus Zürich.
Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT notiert: "Laut Innenminister Alexander Dobrindt sind das verwendete Material und die Vorgehensweise aus anderen Operationen bekannt, die Russland durchgeführt hat. Auch weitere Erkenntnisse der Geheimdienste deuteten auf Russland hin. Die Reaktion Deutschlands unterstreicht, dass russische Aktionen gegen Europa eine immer größere Gefahr darstellen. Da Russlands Krieg gegen die Ukraine festgefahren ist, setzt es Länder unter Druck, die Kiew unterstützen. Deutschland ist ein naheliegendes Ziel, da es laut Zahlen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft der größte militärische Geldgeber der Ukraine ist", bemerkt DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.
Das New Yorker WALL STREET JOURNAL führt aus: "Russlands 'hybride' Strategie dient dazu, die eigene Verantwortung zu verschleiern. Der Kreml will die Last der Eskalation auf den Westen abwälzen und das Bündnis spalten, ohne selbst kämpfen zu müssen. Präsident Putin verhält sich so, als glaube er, mit den Provokationen ungeschoren davonkommen zu können. Europa hat es zu lange nicht riskieren wollen, die Bedrohung klar zu benennen. Umso begrüßenswerter sind Deutschlands deutliche Worte."
"Nun ist die Illusion vorbei", ist in der italienischen Zeitung CORRIERE DELLA SERA zu lesen: "Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul nehmen all ihren Mut zusammen und beschuldigen Russland öffentlich, hinter der mit Sprengstoff bestückten Drohne zu stehen, die Anfang August auf dem Flughafen Leipzig gefunden und entschärft wurde - einem der Drehkreuze, die für den Transport von Hilfsgütern nach Kiew genutzt werden. Noch bis vor einem Jahr war unter deutschen Politikern, Diplomaten und Unternehmern die Meinung vorherrschend, dass sobald früher oder später ein Waffenstillstand, wenn nicht gar ein Frieden zwischen Kiew und Moskau ausgehandelt worden sei, alle Beziehungen mit Russland zum Alten zurückkehren könnten", merkt der Mailänder CORRIERE DELLA SERA an.
Die belgische Zeitung DE STANDAARD erläutert: "Deutschland befinde sich nicht im Krieg, sagte der deutsche Innenminister Dobrindt auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz, erklärte dann aber weiter, dass Deutschland von Russland ins Visier genommen werde und mit weiteren Angriffen rechnen müsse. Dies ist eine neue Wendung mit einem erheblichen Eskalationsrisiko, wenn sich Europas wichtigstes Land gezwungen sieht, offen auf Konfrontationskurs zu Russland zu gehen. Aber der Bundesregierung bleibt kaum eine andere Wahl: Nach dem Drohnenfund auf dem Leipziger Flughafen führen alle Spuren nach Russland, und das musste offen ausgesprochen werden. Damit endet auch de facto der sogenannte hybride Krieg zwischen Europa und Russland. Mit dieser diplomatischen Formulierung konnten die europäischen Staats- und Regierungschefs vor der russischen Bedrohung warnen, ohne weiter eskalieren zu müssen, obwohl die Zahl der Cyberangriffe, Sabotageakte und Provokationen immer größer wurde. Damit ist jetzt Schluss. 'Wir werden aus Russland angegriffen', heißt es nun aus Deutschland. Diese Worte haben enormes Gewicht", urteilt DE STANDAARD aus Brüssel.
Die spanische Zeitung LA VANGUARDIA erläutert: "Europäische Geheimdienste beobachten schon lange russische Sabotageakte, die mutmaßlich darauf abzielen, die NATO zu spalten. Da der russische Vormarsch in der Ukraine praktisch zum Erliegen gekommen ist, setzt Putin verstärkt auf Luftangriffe gegen zivile Ziele, um die Lücken der ukrainischen Verteidigung zu nutzen. Aber die russischen Verluste sind hoch, und eine drohende Mobilisierung hat zu einer neuen Fluchtwelle geführt. Der Kreml-Herrscher weiß, dass er den Krieg nicht gewinnen wird. Aber er will und kann es nicht zugeben, weil das als Versagen interpretiert würde. Dann wäre seine Macht in Gefahr - und deshalb setzt er weiter auf Eskalation", beobachtet LA VANGUARDIA aus Barcelona.
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz ist folgender Meinung: "Die russischen Aktionen gegen Europa haben eines gemein: Sie lassen sich in aller Regel nicht zweifelsfrei Russland zuordnen. Hackerangriffe, Paketbomben, Drohnen, die Flughäfen lahmlegen, systematische Desinformation: All das tangiert Deutschlands Souveränität und die seiner Nachbarstaaten. All das kann Russland aber auch immer abstreiten, was selbstverständlich zum Kalkül gehört. Zudem gibt es auch politische Gründe, die die Optionen der Regierung beschränken. AfD und BSW stellen die Realität auf den Kopf: Deutschland als Aggressor, so tönt es nicht nur vom rechten, sondern auch vom ganz linken Rand. Eine Überreaktion auf die Attacke von Leipzig hätte den Russland-Apologeten nur unnötig Nahrung gegeben", unterstreicht die NZZ.
In der russischen Zeitung WEDOMOSTI ist zu lesen: "Bundeskanzler Merz hält es für notwendig, als Reaktion auf den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig nicht nur das 'Russische Haus' in Berlin zu schließen und russische Diplomaten auszuweisen, sondern auch unabhängig von der EU anti-russische Sanktionen zu verhängen und die Lieferung von Offensivwaffen an die Ukraine zu verstärken. Es ist kein Geheimnis, dass dieser Schritt der regierenden CDU dabei helfen soll, der angeblich russlandfreundlichen Partei AfD einen Schlag zu versetzen. Das 'Russische Haus' ist eine Institution, die das Wenige bewahrt, was von den russisch-deutschen Beziehungen noch übrig ist. Eine ähnliche Funktion erfüllt das Goethe-Institut in Moskau, das nun voraussichtlich als Reaktion auf die deutschen Maßnahmen ebenfalls geschlossen wird," befürchtet WEDOMOSTI aus Moskau.
Nun zum Gipfel der Schanghaier Organisation in Kirgisistan. Die finnische Zeitung KARJALAINEN analysiert: "Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine scheint kein Ende nehmen zu wollen, obwohl der Druck auf Russlands Präsident Putin zunimmt. Am Montag traf der russische Präsident in Kirgisistan mit dem indischen Premierminister Narendra Modi zusammen und wurde von ihm unmissverständlich aufgefordert, den Krieg zu beenden. Solche Appelle dürften allerdings nicht helfen, um Putin umzustimmen. Dabei hätte Modi ein deutlich effektiveres Mittel zur Hand: Indien ist neben China einer der größten Abnehmer russischen Öls. Wenn diese beiden Länder den Krieg wirklich beenden wollten, müssten sie nur aufhören, russisches Öl zu kaufen, denn dann wäre die russische Kriegskasse aufgrund der westlichen Sanktionen bald leer", ist sich KARJALAINEN aus Joensuu sicher.
Die chinesische Zeitung GUANGMING RIBAO äußert sich staatstragend: "Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit wird immer mehr zu einem Motor für den Aufbau internationaler Beziehungen. Angesichts der derzeitigen von Unruhen und Umbrüchen geprägten Weltlage bietet die Organisation große Chancen. Im Gegensatz zu den auf Lagerbildung und Ausgrenzung basierenden Kooperationsmodellen des Westens wurde mit dem 'Geist von Schanghai' ein neues Konzept eingeführt, mit dem man veraltete Denkweisen wie die des Kalten Krieges überwinden kann."