07. September 2026
Die internationale Presseschau

Der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet große Beachtung in der internationalen Presse. Viele Kommentatoren sprechen angesichts des Wahlsiegs der AfD von einer "Zäsur", einem "Erdbeben" oder einem "Schock". Analysiert werden auch die Auswirkungen auf die Bundespolitik, im Fokus steht vor allem die politische Zukunft von Bundeskanzler Merz.

Die AfD-Politiker Alice Weidel, Ulrich Siegmund und Tino Chrupalla feiern Wahlsieg
Mit über 44% erreicht Spitzenkandidat Ulrich Siegmund einen Rekordwerd für die AfD. (IMAGO / Funke Foto Services / Jörg Carstensen via imago-images)
Die belgische Zeitung DE TIJD notiert: "Das Rekordergebnis AfD in Sachsen-Anhalt zeigt, dass die rechtsextreme Partei für viele Wähler offenbar die einzige Alternative zur gescheiterten Politik der traditionellen Mitte-Parteien darstellt. Das Wahlergebnis ist nichts Geringeres als ein Erdbeben in der politischen Nachkriegsordnung Deutschlands. Der Erfolg der AfD ist insofern ungewöhnlich, als sich Deutschland stets mit seiner Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Die AfD steht der Neonazi-Bewegung nahe, verbreitet rassistische Verschwörungstheorien und plädiert für die 'Remigration' von Menschen mit Migrationshintergrund", erklärt DE TIJD aus Brüssel.
"Der Schock in Berlin ist groß", schreibt die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT aus Amsterdam. "Noch nie hat eine Partei, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird, ein so gutes Ergebnis erzielt. Das sei eine 'Zäsur' für Deutschland, sagte Thorsten Frei, der Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag. Bundeskanzler Merz ist außerordentlich unbeliebt, und seine Position wird durch dieses Wahlergebnis noch weiter geschwächt."
Fassungslos ist der Kommentator der italienischen Zeitung LA STAMPA aus Rom: "81 Jahre nach Hitlers Untergang, der das Land in Trümmern und mit der unauslöschlichen Schuld des Holocaust zurückließ, gewinnt eine Partei, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf jenes Deutschland beruft, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt."
Die russische Zeitung ROSSIJSKAJA GASETA konstatiert: "Eine Partei zu ignorieren, die bei Wahlen einen bedeutenden und in einigen Fällen, wie im Osten des Landes, den Großteil der Stimmen bekommt, wird immer schwieriger. Deswegen wird in Deutschland schon über eine Spaltung der CDU diskutiert, angesichts der Debatte darüber, ob es möglich und nötig ist, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Eigentlich besteht diese Spaltung schon, sie zeigte sich nur noch nicht öffentlich", erklärt ROSSIJSKAJA GASETA aus Moskau.
Die japanische Zeitung MAINICHI SHIMBUN analysiert: "In Deutschland gab es in der Bevölkerung lange Zeit wegen des Holocausts eine ablehnende Haltung gegenüber der AfD. Aber nach diesem beispiellosen Sieg der AfD kann man nicht mehr davon ausgehen, dass die so genannte 'Brandmauer' weiterhin funktioniert. Die Bundesländer sind zuständig für Bildung, Kultur und Sicherheit. Sollte die AfD Sachsen-Anhalt tatsächlich regieren, ist ein starker Rechtsruck der Landespolitik zu befürchten: Das wäre eine Zäsur", warnt MAINICHI SHIMBUN aus Tokio.
In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG heißt es: "Durch ihren Erdrutschsieg hat die AfD unter umgekehrten Vorzeichen das erreicht, was Bundeskanzler Friedrich Merz vor Jahren als Ziel seiner Politik ausgegeben hatte: Er wolle 'die AfD halbieren', hatte er schon bei seiner Bewerbung um das Amt des CDU-Parteivorsitzenden im Jahr 2018 bekundet. Auf Landesebene ist nun genau das Gegenteil eingetreten: Die AfD hat ihren Stimmenanteil gegenüber der letzten Wahl mehr als verdoppelt. An seinen Worten dürfte Merz gemessen werden: Der Druck auf den ohnehin schwer angeschlagenen Bundeskanzler dürfte jetzt noch einmal zunehmen. Seit längerem wird in der Partei über eine Ablösung des bislang unglücklich agierenden Regierungschefs diskutiert"; erläutert die NZZ aus der Schweiz.
"Im Osten ist Merz noch unbeliebter als im Westen", schreibt die Pariser LIBERATION. "Sein Profil als Unternehmer und sein Mangel an Einfühlungsvermögen kommen nicht gut an. Merz hat auch die Demütigung nie vergessen, die sein politischer Mentor Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl am 10. Mai 1991 erlitten hatte. Der 'Wiedervereinigungskanzler' war auf dem Marktplatz von Halle, der zweitgrößten Stadt Sachsen-Anhalts, mit Eiern beworfen worden. Er hatte sich auf einen der Werfer gestürzt, bevor er zurückgehalten wurde. Dieses Foto steht bis heute für die Entfremdung zwischen Kohl und den Ostdeutschen, denen er etwas voreilig 'blühende Landschaften' versprochen hatte. Die gestrigen Wahlergebnisse verdeutlichen vor allem das Scheitern von Merz' Strategie im Kampf gegen die extreme Rechte", ist in der französischen LIBERATION zu lesen.
Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA aus Warschau warnt: "Merz ist noch nicht gestürzt, aber in zwei Wochen stehen Wahlen in zwei weiteren östlichen Bundesländern an. Weitere Triumphe der AfD könnte der Kanzler möglicherweise nicht mehr überstehen. Deutschland wird in nächster Zeit ein wichtiges Thema beschäftigen – wie weit die extreme Rechte noch gehen kann. Das gilt wohl auch für ihre Partner."
Das WALL STREET JOURNAL aus den USA führt aus: "Das Signal ist deutlich, auch wenn die rechnerischen Mehrheitsverhältnisse der AfD womöglich keine handlungsfähige Mehrheit in der Landesregierung verschaffen. Die Wähler sind der etablierten Parteien überdrüssig. Dieser Frust speist sich vor allem aus der liberalen Einwanderungspolitik, die Berlin ein Jahrzehnt lang seit 2015 verfolgte, und die zurückzudrehen sich als schwierig erweist."
Im Wiener STANDARD ist zu lesen: "Die Wirtschaftsnachrichten zeigen, wo der Schuh in der Bevölkerung eigentlich drücken würde. Doch darauf hat die AfD keine Antwort. Vom Wirtschaftsliberalismus ist nichts mehr vorhanden. Partei-Co-Chefin Alice Weidel, Ökonomin, hat jüngst in einem Interview den Euro-Austritt, das Ende des Schengen-Raums und damit die völlige Isolation der deutschen Wirtschaft bekräftigt."
Die kanadische Zeitung THE GLOBE AND MAIL befasst sich mit den Verteidigungsausgaben der NATO-Mitglieder. "Die AfD fordert, dass die Bundesregierung mehr Geld investieren sollte, um den Abbau von Arbeitsplätzen zu stoppen und nicht für den Kauf von Waffen. Rückdeckung bekommt die AfD von einem italienischen General und rechtsextremen Politiker. Er bezeichnete die Ausgabenziele der NATO als 'Torheit', die EU und die NATO würden die Bedrohung durch Russland übertreiben. Die Aufrüstung in den NATO-Ländern wird zwar weitergehen, aber die hohen Ausgaben, inbesondere die 3,5 Prozent-Verpflichtung, können die Länder nicht bezahlen", meint THE GLOBE AND MAIL aus Ontario.
Nun ins Ausland. Die US-Unterhändler Witkoff und Kushner haben in Moskau und in Kiew Möglichkeiten für ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ausgelotet. Dazu schreibt die chinesische Zeitung JIEFANG RIBAO: "US-Präsident Trump fühlt sich angesichts der Zwischenwahlen unter Druck und er braucht dringend Erfolgsmeldungen. Außerdem haben die USA wirtschaftliche Interessen. In zentralen Fragen wie Territorium, Sicherheitsgarantien oder dem angestrebten NATO-Beitritt der Ukraine gibt es jedoch keine Annäherung. Zudem müssen sich die USA derzeit auf den Iran-Krieg konzentrieren. Sie haben weder genügend Energie noch wirksame Druckmittel, um den Ukraine-Krieg beenden zu können. In Zukunft wird Europa eine wichtigere Rolle zugeschrieben. Allerdings ist Europa noch nicht in der Lage, diese Rolle zu übernehmen", betont JIEFANG RIBAO aus Shanghai.
Hören Sie nun noch einen Kommentar zu den Beziehungen zwischen Kanada und der Europäischen Union. Die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN vermerkt: "Kanada braucht neue Freunde, und da ist es nicht so überraschend, dass man den Schulterschluss mit Europa sucht. Man teilt dieselben Werte und steht sich kulturell nahe. Aber wie weit kann die Annäherung gehen? Realistisch ist in jedem Fall eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit. Es gibt schon ein Freihandelsabkommen, und man könnte in Bereichen wie Verteidigung und Technologie noch enger zusammenrücken. Premierinister Mark Carney hat schließlich selber gesagt, dass die Mittelmächte zusammenhalten müssen, denn: Wer nicht am Tisch sitzt, landet auf der Speisekarte." Das war zum Abschluss der internationale Presseschau AFTENPOSTEN aus Oslo.