08. September 2026
Die internationale Presseschau

Kommentiert werden die feierliche Beisetzung des bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Mladić und die hohe Verschuldung vieler westlicher Staaten. Zu Beginn blicken wir jedoch erneut auf den Erfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

    Das Foto zeigt einen Blick auf die Bühne der AfD-Wahlparty. Mehrere Menschen freuen sich und umarmen sich. Im Hintergrund ist ein großes Diagramm mit einem langen blauen Balken zu sehen.
    Die Wahlparty der AfD nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
    Die französische Tageszeitung LE MONDE schreibt: "Es geht um weit mehr als nur einen Vormarsch rechtsextremer Ideen. Das Wiederaufleben von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und nationalsozialistischer Rhetorik im öffentlichen Raum ist nicht allein das Werk der AfD. Auch die anderen Parteien tragen Mitverantwortung für diesen Sieg, der ein Symptom einer chronischen Krankheit der deutschen Demokratie ist. Die klassischen, aus dem Westen stammenden Parteien nahmen oft eine belehrende Haltung ein, als wollten sie den Ostdeutschen, die von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit offenbar nichts verstünden, Vernunft beibringen und sich ihrer politischen Alphabetisierung annehmen. Klassenverachtung oder regionale Verachtung waren dabei nie weit entfernt", konstatiert LE MONDE aus Paris.
    Die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA erläutert mehrere Parallelen zwischen der AfD und der NSDAP. Sie schränkt jedoch ein: "Trotz des massiven Wahlerfolgs der AfD ist es übertrieben, von einer einsetzenden ‚braunen Welle‘ in Deutschland zu sprechen. Sachsen-Anhalt ist nicht repräsentativ für die ganze Republik. Es ist eine der am stärksten vernachlässigten Regionen Ostdeutschlands. Das Bundesland kämpft mit einer demografischen Katastrophe: der massivsten Entvölkerung und Überalterung im Gebiet der ehemaligen DDR, verschärft durch eine schwache Wirtschaft, soziale Ausgrenzung und Armut. Dies sind die negativen Folgen der deutschen Wiedervereinigung. 36 Jahre lang vertrauten die Einwohner darauf, dass Politiker der großen Parteien ihre wachsenden Probleme lösen würden. Christdemokraten, Sozialdemokraten und Postkommunisten haben sie gleichermaßen enttäuscht. Nun haben AfD-Aktivisten die Wähler mit Populismus für sich gewonnen", analysiert GAZETA WYBORCZA aus Warschau.
    Die chinesische Tageszeitung TAKUNGPAO führt aus: "Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat eine rechtsextreme Partei in Deutschland einen überwältigenden Wahlsieg errungen. Die Wahl war die Quittung dafür, dass viele Menschen mit den Geldgeschenken an die Ukraine unzufrieden sind, während für brennende innenpolitische Probleme keine Mittel zur Verfügung stehen. Der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt wird sich zwangsläufig auf andere europäische Länder auswirken, denn im kommenden Jahr stehen in Frankreich, Italien, Spanien und Polen Wahlen an. Die EU muss nun befürchten, dass rechtsextreme Parteien weiter an Einfluss gewinnen und dass dies zu einer immer tieferen Spaltung in Fragen wie Migration und der Ukraine-Hilfe führt", vermutet TAKUNGPAO aus Hongkong.
    Die japanische Tageszeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN sieht den "Anfang vom Ende des Deutschlands der Nachkriegszeit". "Deutschland konnte Anführer des vereinten Europas werden und die Glaubwürdigkeit der Währung Euro unterstützen, weil in der Nachkriegszeit die Idee des Anti-Nationalsozialismus zum Fundament des Landes wurde. Sollte dies zerfallen, könnten Europas Außenpolitik, Staatssicherheit, Geld- und Finanzpolitik ins Wanken geraten. Nach diesem Sieg der AfD stehen sowohl Deutschland als auch Europa an einem historischen Wendepunkt", vermerkt NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio.
    Die britische FINANCIAL TIMES beobachtet: "Es erscheint immer unwahrscheinlicher, dass der unbeliebteste Bundeskanzler der Geschichte nach nur 16 Monaten im Amt über die Führungsqualitäten und Ideen verfügt, um seine ins Wanken geratene Koalition wiederzubeleben und das Vertrauen der Wählerschaft zurückzugewinnen. Vor allem ist es der CDU nicht gelungen, eine neue Strategie für eine exportorientierte Wirtschaft zu entwickeln, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Deutschland legt großen Wert auf Regierungsstabilität und wechselt üblicherweise die Führung nicht mitten in der Amtszeit. Doch Merz muss dringend zeigen, dass die politische Mitte noch immer etwas bewirken kann", verlangt die FINANCIAL TIMES aus London.
    Themenwechsel. In Serbien haben Tausende Menschen feierlich Abschied von dem verstorbenen bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Mladić genommen. Er hatte 1995 das Massaker von Srebrenica angeordnet, bei dem mehr als 8.000 Muslime ermordet worden waren. DER STANDARD aus Wien hebt hervor: "Bis heute wird weder in Serbien noch im bosnischen Landesteil Republika Srpska vermittelt, dass die gruppenbasierte Menschenfeindlichkeit von Mladić Unrecht ist. Seit Jahrzehnten sind dort Leute an der Macht, die in Teilen ähnliche Positionen vertreten wie die Identitären. Sie werden von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt. In Mitteleuropa wird dies oft mit einem arroganten Verweis auf die angebliche Rückständigkeit auf dem Balkan wegerklärt. Doch extremistische Muslimenfeindlichkeit führt in letzter Konsequenz zu Massengewalt", mahnt DER STANDARD aus Österreich.
    In einem Gastkommentar des katarischen Fernsehsenders AL-JAZEERA heißt es: "Gab es legitime Kriegsziele, die Mladićs Handeln in irgendeiner Weise rechtfertigten? Nein. War es gerechtfertigt, die Bevölkerung von Sarajevo auszuhungern und zu erschießen? Niemals. War die Ermordung von mehr als 8.000 Männern und Jungen aus Srebrenica gerechtfertigt? Natürlich nicht. Müssen wir also aus Mladićs Tod und Beerdigung die Lehre ziehen, dass gute Menschen durch schlechte politische Führer und durch Kriegserfahrungen zu schlechten Menschen werden können? Die Verherrlichung von Mladić muss entweder eine allgemeingültige Lehre liefern oder gar keine", lesen wir in einem Gastkommentar bei AL-JAZEERA.
    Auf dem Nachrichtenportal MIDDLE EAST EYE mit Sitz in London heißt es: "Die rassistische Logik eines Völkermords mag sich an den Rand des politischen Lebens zurückziehen, aber sie zirkuliert weiter im kulturellen Gedächtnis. Und wenn die politischen Bedingungen stimmen, werden sie wieder in den Mainstream geholt und erhalten politische Macht. Die Aufgabe besteht darin, diese Realität anzuerkennen. Tun wir dies nicht, laufen wir Gefahr, von der Politik der extremen Rechten überrascht zu werden, ohne dass wir die sich abzeichnenden Bedingungen erkennen, die Massenmord und Vertreibung in Europa erneut wahrscheinlicher machen. Mladić ist tot. Die Gefahr, die er verkörperte, ist es nicht", warnt eine Kommentatorin auf dem Nachrichtenportal MIDDLE EAST EYE.
    Zum Abschluss der Presseschau geht es um die hohe Staatsverschuldung der USA. Die US-amerikanische Zeitung THE WASHINGTON POST fragt: "Wird China in Taiwan einmarschieren? Müssen die Nato-Verbündeten gegen Russland verteidigt werden? Wird der Terrorismus im Nahen Osten oder in Afrika eine Reaktion der USA erfordern? Der Bundeshaushalt ist auf solche Eventualitäten nicht vorbereitet. Doch die Verteidigung des Landes ist Washingtons wichtigste Aufgabe. Von Regierungen ist zu erwarten, dass sie in Kriegszeiten Schulden aufnehmen und sie in Friedenszeiten wieder abbauen. Den Markt für Staatsanleihen in Friedenszeiten bis an die Grenzen zu belasten, ist ein Pflichtversäumnis - und eine Gefahr für die nationale Verteidigung", warnt die WASHINGTON POST.
    Das europäische Nachrichtenportal EURACTIV sieht das größte Risiko allerdings derzeit nicht in den USA, sondern in Frankreich: "Die Staatsverschuldung des Landes – etwa 116 % des BIP – ist zwar niedriger als die Japans oder der USA, doch die Entwicklungstendenz und die Rahmenbedingungen machen Frankreich kurzfristig zum anfälligsten Fall. Paris und Brüssel müssen handeln, bevor die Märkte Frankreich eine Anpassung zu weitaus härteren Bedingungen aufzwingen. Ein glaubwürdiger Konsolidierungsplan kann nicht auf eine ruhigere politische Lage warten. Frankreich hat noch Zeit, die nächste Schuldenkrise zu verhindern. Doch wenn es weiter wartet, könnten die Märkte zuerst handeln. Die gesamte Eurozone würde den Preis dafür zahlen."