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Die Mär von der Frühförderung

Der Wiederaufstieg des deutschen Fußballs trägt jungenhafte Züge. Namen wie Thomas Müller, Marco Reus und Bastian Schweinsteiger stehen für diesen Imagewandel im Nationalteam: vor zehn Jahren noch altersschwache Rumpelfußballer, heute jugendlich-frische Hurrakicker.

Von Christian Bartlau | 25.05.2013

Als Ursache für dieses neue deutsche Fußballwunder nennen Experten immer wieder die Nachwuchsförderung. In den letzten zehn Jahren investierten die Deutsche Fußball-Liga DFL und der Deutsche Fußball-Bund DFB rund 880 Millionen Euro in den Nachwuchs. Ein Schwerpunkt: die Frühförderung. Vereine wie der FC Bayern München haben sogar eine U8-Auswahl, in der die jüngsten Talente gesichtet und ausgebildet werden. Viel zu früh, sagt Sportwissenschaftler Arne Güllich:

"Es ist einfach unmöglich, in frühen Jahren Talente schon von Nicht-Talenten verlässlich zu unterscheiden Also weitet man die Plätze aus, und man weitet die Anzahl der Spieler, die pro Platz in einem Zeitraum erprobt werden, aus. So dass es ein kontinuierlicher Prozess des Erprobens neuer Spieler ist. Manche bleiben, weil sie sich bewährt haben, die meisten gehen sehr früh wieder und werden von anderen Spielern überholt, die sich außerhalb des Fördersystems erfolgreicher entwickelt haben. "

Güllich beschäftigt sich in einer Studie mit den Karrieren von geförderten Jugendspielern. Er kommt zu dem Ergebnis: Je früher ein Fußballspieler in die Förderprogramme des deutschen Spitzenfußballs gerät, umso geringer die Chance, dass später ein Profi aus ihm wird. Nichtsdestotrotz funktioniert die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball offensichtlich. Im Jahr 2009 hielt der DFB den Europameistertitel der U17, U19 und der U21. Güllich stellt das nicht in Abrede. Aber …

"Die Wirkungsweise liegt nicht darin, dass Talentierte frühzeitig erkannt und in langfristigen Förderprozessen in ihrer individuellen Leistungsentwicklung unterstützt werden, sondern dass vielfach Auswahl- und Abwahlprozesse wiederholt werden."
Ein prominentes Gegenbeispiel für Güllichs These ist Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm. Er durchlief ab der U17 alle Jugendnationalmannschaften und spielte ab 12 Jahren in den Jugendmannschaften des FC Bayern München:

"Mit 12, 13, 14 Jahren lernt man schon das Erreichen, wie komme ich in die nächste Altersgruppe? Meistens kommen dann neue Spieler in große Vereine, dann müssen ein paar Spieler die Vereine auch wieder verlassen. Und das ist mit Sicherheit ein Grund. Damit lernen junge Spieler auch, wie es ist, dass man immer kämpfen muss, immer weiter gehen muss."
Güllich hält Lahm für eine Ausnahme:

"Wir neigen ja alle dazu, unsere Biographien zu glätten und relativ logisch zu machen. Und wenn jemand relativ früh schon aus einem solchen System gekommen ist – fragen Sie Hummels oder Götze – wird der sagen, dass er erfolgreich war, weil er in dem System war. Fragen sie Miroslav Klose. Der wird sagen: Ich bin erfolgreich gewesen, weil ich erst mit 19 in das Sytem gekommen bin."

Als Wissenschaftler traut Arne Güllich den Fakten, und seine Studie sagt: Die meisten früh geförderten Spieler werden keine Profis, und die meisten erfolgreichen Profis wurden nicht besonders früh gefördert. Güllich zieht einfache Schlussfolgerungen: Das Aufnahmealter für die zentralen Förderprogramme könne angehoben werden, etwa auf 14 oder 15 Jahre – stattdessen sollten DFL und DFB die kleinen Vereine mit mehr Geld in ihrer Arbeit unterstützen. Außerdem dürften Eltern und Kindern nicht suggeriert werden: ohne Jugendinternat keine Karriere.

"Ehrlich wäre, Ihnen zu sagen, dass erstens die Wahrscheinlichkeit minimal ist, wenn man früh gefördert wird, tatsächlich später auch erfolgreicher Profispieler zu werden und zweitens, dass ein späterer Einstieg in die Förderprogramme erfolgsversprechend sein kann."