22. Juli 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Kommentiert wird unter anderem das neue Lagebild des Bundeskriminalamts zu sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige. Im Mittelpunkt steht jedoch die Ankündigung der Deutschen Bahn, bis Mitte Oktober auf allen Bahnhöfen ein Alkoholverbot umzusetzen.

Menschen mit Koffern warten auf einem Bahnsteig am Hauptbahnhof in Berlin, Deutschland.
Die Zeitungen kommentieren u.a. das von der Bahn angekündigte Alkoholverbot an allen deutschen Bahnhöfen (Symbolbild). (Getty Images / Sean Gallup)
"Gut so", lobt die Zeitung DIE WELT: "Würde man das Verbot auch im Zug durchsetzen, wäre es noch besser. Man habe mit einer Testphase an den großen Bahnhöfen Frankfurt, Hamburg oder Köln gute Erfahrungen gemacht, so die Bahn. Die Zahl der Konflikte und Auseinandersetzungen sei spürbar zurückgegangen. Die Passagiere fühlten sich jetzt sicherer. Das kann man sich vorstellen. Entscheidend ist allerdings die Durchsetzung. In einer idealen Welt würden sich die Bürger selbst für die Einhaltung und gegebenenfalls die Durchsetzung der Ordnung verantwortlich fühlen. In der realen Welt ist Personal notwendig", betont DIE WELT.
Die TAGESZEITUNG verweist auf die Begründung des Bahn-Konzerns: "Die Attacke eines alkoholisierten Fahrgastes auf einen Kontrolleur am vergangenen Freitag und der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter im Februar sind die Auslöser des Verbots. Derlei Gewaltexzesse wird das Trinkverbot an den Stationen jedoch nicht verhindern können, zumal es lediglich auf den öffentlich zugänglichen Raum rund um die Gleise beschränkt ist. Bei einer konsequenten Durchsetzung könnte sogar ein gegenteiliger Effekt eintreten - etwa wenn Fußballfans sich gegen Alkoholkontrollen und Platzverweise handgreiflich zur Wehr setzen", befürchtet die TAZ.
DIE GLOCKE aus Oelde wendet ein: "Polizei-Gewerkschafter weisen darauf hin, dass eine deutlich stärkere Präsenz der Bundespolizei aufgrund vielfältiger Einsätze wie Großveranstaltungen und Grenzkontrollen illusorisch ist. Die DB-eigenen Sicherheitskräfte aber reichen bei Weitem nicht aus, um den Aufgabenzuwachs stemmen zu können. Zudem ist es etwas widersprüchlich, den Alkoholkonsum im Bahnhofsumfeld zu verbieten, in den Zügen selbst den Ausschank von Bier und Wein über Bordbistros aber zuzulassen. Doch will man den vielen unauffälligen Bahnreisenden ein Gläschen in Ehren an Bord wirklich verwehren?", fragt DIE GLOCKE.
Die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG aus Essen glaubt: "Natürlich lässt sich ein Alkoholverbot kaum kontrollieren, wenn das Gin-Tonic-Gemisch in der Thermoskanne steckt und der Vorrat an 'Piccolöchen' in der Handtasche. Und dann ist da auch noch der Alkohol, der längst im Körper steckt. Dass sich trinkfreudige Fahrgäste herausziehen lassen, noch bevor sie einen Zug betreten, dürfte die Ausnahme sein. Und doch ist ein Verbot die richtige Reaktion auf alkoholbedingte Eskalation", findet die W.A.Z.
"Es ist nicht damit getan, Bahnsteige und Bahnhofshallen promillefrei zu halten", argumentiert die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock: "Oft sind es Wohnungslose, die im Bahnhof oder in dessen Umfeld trinken. Nach einem Verbot müssen sie sich andere Plätze suchen, und eine Zusammenarbeit mit den Kommunen ist deshalb verstärkt gefragt. Will man jedoch die wachsende Aggressivität in den Zügen in den Griff bekommen, reicht das Alkoholverbot im Bahnhof nicht aus. Denn das Problem entsteht in vielen Fällen erst, wenn der Zug die Station längst verlassen hat", gibt die OSTSEE-ZEITUNG zu bedenken.
Die SÄCHSISCHE ZEITUNG beschäftigt sich mit dem Lagebild "Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen" des Bundeskriminalamts: "Die Zahl der polizeilich registrierten Fälle ist 2025 auf mehr als 17.000 gestiegen. Auch legten die Taten rund um 'jugendpornografische Inhalte' auf einen Höchstwert zu. Polizeiliche Lagebilder sind wichtig, weil sie einen Eindruck vom Ausmaß der Gewalt vermitteln. Sie können außerdem Veränderungen sichtbar machen – etwa die zunehmende Verlagerung ins Digitale. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Zum einen, weil das Dunkelfeld sehr groß sein dürfte. Viele Missbrauchsfälle werden nie angezeigt. Zum anderen lassen sich Veränderungen in solchen Statistiken oft auch oder vor allem durch veränderte Ermittlungsarbeit erklären. Um Kinder und Jugendliche vor der viel größeren Gefahr durch kriminelle und manipulative Erwachsene zu schützen, müssen vor allem die Plattformen – soziale Netzwerke und Spieleplattformen – noch stärker in die Pflicht genommen werden", verlangt die SÄCHSISCHE ZEITUNG aus Dresden.
Die RHEINISCHE POST aus Düsseldorf stellt fest: "Das Bundeskriminalamt erhielt nach Angaben von BKA-Präsident Holger Münch im Jahr 2025 mehr als 100.000 strafrechtlich relevante Hinweise aus den USA. Bislang wurden solche Informationen von der zuständigen US-Stelle an Ermittlungsbehörden in Europa weitergeleitet, nachdem Online-Dienste verdächtige Vorgänge gemeldet hatten. Inzwischen ist allerdings eine EU-Ausnahmeregelung ausgelaufen, die es Online-Diensten erlaubte, Bilder oder Videos von sexuellem Kindesmissbrauch zu scannen und freiwillig an die Behörden zu melden. Um eine Anschlussregelung für die sogenannte EU-Chatkontrolle wird noch gerungen. Für betroffene Kinder ist diese Langsamkeit fatal", kritisiert die RHEINISCHE POST.
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG analysiert: "Kinder und Jugendliche haben sich angewöhnt, das Internet und die sozialen Medien als Teil ihres Lebensraums wahrzunehmen. Sie knüpfen hier Freundschaften, und sie informieren sich. Gerade Minderjährige können aber nicht einschätzen, wann sie digital falschen Freunden aufsitzen. Das sind zumeist deutlich ältere Männer, die mit eindeutigen Absichten Kontakt aufnehmen. Zum neuen Einfallstor haben sich die Gaming-Plattformen entwickelt. Es wird deshalb höchste Zeit, dass die Plattformbetreiber verhindern, dass über die Foren der Computerspiele auch noch Telefonnummern ausgetauscht werden können. Denn die große Mehrzahl der im Internet angebahnten Kontakte führt zu realem Missbrauch, wenn Kinder oder Jugendliche sich mit dem Täter treffen. Es kann nicht sein, dass Cybergrooming fast jeden dritten Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren trifft, bislang aber nicht strafbar ist. Auch Sextortion, also die sexuelle Ausbeutung durch intime oder mit KI manipulierte Bilder, muss ein eigener Straftatbestand werden", mahnt die F.A.Z.
Zu unserem letzten Thema. Die proiranische Huthi-Miliz im Jemen hat eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien ausgerufen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG erläutert: "Wenn es um die Blockade des Roten Meeres geht, mit denen die Huthi die Saudis das Fürchten lehren wollen, fällt sofort das Wort vom Bab al-Mandab, dem 'Tor der Tränen'. Wer ein Schiff durch den Suezkanal oder vom saudischen Hafen Yanbu aus ins Arabische Meer nach Asien steuern möchte, muss durch die Meerenge vor der jemenitischen Küste fahren. Wer diese Meerenge kontrolliert, hat also Macht. Die Huthi-Islamisten, Bundesgenossen der Iraner, wollen die saudischen Erzfeinde nun ihre Macht spüren lassen und das Nadelöhr am Ausgang des Roten Meeres für saudische Tanker sperren: mit Raketen und Drohnen. Huthi und Saudis haben seit ihrem unentschiedenen Konflikt von 2014 keinen Frieden geschlossen, bekriegen sich nach Bedarf immer wieder. Die Straße von Hormus ist gesperrt, der globale Rohstoffhandel gestört. Vor allem die saudischen Ölexporte konnten bisher über das Rote Meer verschifft werden, ein Teil der Engpässe ausgeglichen werden. Wenn sich das 'Tor der Tränen' schließen sollte, fällt auch die Route über das Rote Meer weg", lautet die Prognose der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU urteilt: "Trumps Nahost-Politik ist ein einziges Desaster, an dem der US-Präsident zunehmend das Interesse verloren hat. Dem Rest der Welt bleibt wenig übrig. Die Europäer haben mit sich selbst genügend zu tun und sind nicht einig genug, um den beratungsresistenten Trump auf seinem Alleingang zu beeinflussen. Die Golf-Staaten arbeiten an Ausweichrouten, auf denen sie Öl und Gas zu ihren Käufern bringen können. Auch sie rechnen nicht mit einem schnellen Ende des Krieges. Gänzlich unklar ist, wie es mit den verschiedenen Konflikten weitergeht, wer sie deeskalieren soll", bilanziert die FRANKFURTER RUNDSCHAU, mit der diese Presseschau endet.