
Dazu schreibt die FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Ginge Deutschland in die Schule, wäre es versetzungsgefährdet. 25 Jahre nach dem ersten Pisa-Schock sind Schülerinnen und Schüler schlechter als damals und die Bildungsungerechtigkeit noch größer. Noch blamabler wird es, wenn man berücksichtigt, dass hierzulande überdurchschnittlich viel Geld pro Kopf für unterdurchschnittliche Leistungen ausgegeben wird. Die desaströsen Resultate der Pisa-Studie müssen für alle Beteiligten also ein Weckruf sein. Das ist nicht nur im Sinne des Nachwuchses. In Zeiten des Fachkräftemangels können wir es uns schlicht nicht leisten, einige zurückzulassen."
Der REUTLINGER GENERALANZEIGER kommentiert: "Die Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaften und beim Lesen unter den getesteten 15-Jährigen? Treibt einem die Sorgenfalten ins Gesicht: Rund jeder Dritte verfehlt das Mindestniveau. Die Studie gibt klare Hinweise darauf, wo die Probleme liegen: In kaum einem anderen OECD-Staat geht die Bildungsschere so stark auseinander wie bei uns. Es ist zwar richtig, dass wir in den letzten 15 Jahren zwei große Zuwanderungswellen zu bewältigen hatten, die viel von unseren Schulen abverlangt haben und dies immer noch tun. Doch die Trennlinie in Deutschland in Sachen Schulerfolg verläuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien. Genau hier muss angesetzt werden", fordert der REUTLINGER GENERALANZEIGER.
Die RHEINISCHE POST aus Düsseldorf weist darauf hin, was nun zu tun sei: "Die Rezepte gegen den Negativtrend sind bekannt: Schon früh in Kita und Grundschule mit der (Sprach-)Förderung beginnen, Schulen mit besonderen Problemen gezielt unterstützen, bei der Qualität des Unterrichts auf Daten setzen anstatt auf Bauchgefühl – und nicht zuletzt: Einwanderung als Chance begreifen anstatt als Problem. Das alles braucht Zeit und Ressourcen. Doch es ist jede Anstrengung wert, denn es geht um die Zukunft – der jungen Menschen und damit der gesamten Gesellschaft."
Die STUTTGARTER ZEITUNG hat folgende Meinung: "Das desaströse Ergebnis der jüngsten Pisa-Studie passt wie die Faust aufs Auge zum katastrophalen Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Damit ist nicht in erster Linie gemeint, dass Dummheit in den Faschismus führt. Das auch. Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, dass Legitimationsverluste der Demokratie eintreten, wenn deren Funktionalität eingeschränkt ist. Anders formuliert: Wenn sie als politisches System versagt."
Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG warnt davor, wegen des Wahlsiegs der AfD die von der Bundesregierung geplanten Reformen zu stoppen: "Dass schmerzhafte Reformen selten populär sind, ist wenig verwunderlich. Darum werden sie ja so selten in Angriff genommen. Aber das eigentliche Motiv von Schwarz und Rot, die Sozialsysteme in einer alternden Gesellschaft auch für künftige Generationen bezahlbar zu halten, die Arbeitskosten zu stabilisieren und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, ist komplett aus der Wahrnehmung verschwunden. Hängen geblieben ist allein der Vorwurf der AfD, Merz und Klingbeil regierten gegen den Willen der Bevölkerung. Aber den Reformkurs aufgeben, das wäre eine Kapitulation vor den Populisten und vor der viel zu negativen Stimmung im Land. Die Koalition steht vor entscheidenden Wochen. Sie hat jetzt womöglich die vorerst allerletzte Chance, das Land aus der Mitte heraus zukunftsfest zu machen", gibt die N.O.Z. zu bedenken.
Ähnlich sieht es die BADISCHE ZEITUNG aus Freiburg: "Union und SPD wirken ratlos, wie sie der rechten Partei etwas entgegensetzen können. Doch sich von vereinbarten und zum Teil überfälligen Reformen zu verabschieden, ist nicht die Antwort. Die Reformpläne sind blanker Geldnot geschuldet. Und die ist nicht in der Wahlnacht verschwunden. Schwarz-Rot hat lange um diese Absprachen gerungen. Sie aus Panik und Hilflosigkeit infrage zu stellen, macht Regieren unmöglich."
Der MÜNCHNER MERKUR hält das Konzept der Brandmauer zur AfD für gescheitert: "Welche Schlüsse auch immer die tief gespaltene Republik aus der Wahl in Sachsen-Anhalt zieht, über eines sollte Einigkeit herzustellen sein: Die Bürger haben die Brandmauer in ihrer bisherigen Form abgewählt. Und zwar auf die harte Tour. Man konnte dem Kanzler die Erschütterung darüber ansehen. Sein Kurs eines strikten Kontaktverbots zur AfD ist gescheitert. Nur was folgt daraus? Sicher keine Koalitionen mit Putinfreunden und Europahassern. Statt auf ein AfD-Verbot zu schielen sollte man lieber nach Brüssel blicken. Dort hat CSU-Vize Weber rote Linien gegenüber den Rechtsradikalen gezogen, gemeinsame Abstimmungen aber nicht ausgeschlossen. Wohl auch in der Hoffnung, so die Moderateren zu stärken. Will die AfD regieren, muss sie in der Demokratie genau jene Kompromisse schließen, die ihr übermütiger Sieger Ulrich Siegmund so gern verächtlich macht", folgert der MÜNCHNER MERKUR.
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG geht auf den Vorstoß von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wüst ein, eine Arbeitsgruppe zum verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD einzusetzen: "Natürlich: Die Partei muss beobachtet werden. Im Grunde von jedem, der sich um Rechtsstaat und Demokratie sorgt. Sie steht ja auch schon längst offiziell unter Beobachtung. Aber jetzt muss es doch darum gehen, mit dem Wahlergebnis einer erlaubten Partei umzugehen. Ganz nüchtern. Noch regiert die AfD nicht. Wenn sie regieren sollte, muss erst recht genau hingesehen werden. Und kann und muss bei gesetzlichen, gar grundgesetzlichen Verstößen reagiert werden. Das jetzige Winken mit der Keule Parteiverbot zeigt im Grunde nicht nur den Wählern der AfD: Wir nehmen die Wahlen selbst nicht ernst. Oder nur dann, wenn wir selbst gewinnen. Keine gute Botschaft", meint die F.A.Z..
Die RHEINPFALZ aus Ludwigshafen schreibt dazu: "Fakt ist: Alle, die den demokratischen Rechtsstaat verteidigen wollen, stehen dem Siegeszug der AfD weitgehend ratlos gegenüber. Dem Siegeszug einer Partei, die unser politisches und gesellschaftliches System, seine Repräsentanten und Institutionen permanent verächtlich macht. Das alles ist nicht neu. Die bittere Lehre aus der Geschichte lautet: Ohne ausreichend Demokraten ist eine Demokratie nicht lebensfähig. Da hilft auch keine Arbeitsgruppe."
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG bemerkt: "Glaubt man Meinungsforschern, teilt nur eine Minderheit der Menschen, die die rechtsextreme AfD gewählt haben, ein eindeutig rechtsextremes Weltbild. Die Vergangenheit, in die sich deren Wähler zurücksehnen, dürfte in den allerwenigsten Fällen das Dritte Reich sein. Es bleibt verstörend, dass so viele Menschen in den Erfahrungen der deutschen Geschichte keinen Hinderungsgrund mehr sehen, für Rechtsextremisten zu stimmen. Mindestens so besorgniserregend ist allerdings der Blick auf die Gegenwart. Zum Markenkern der AfD gerade in Sachsen-Anhalt gehört die Verharmlosung einer gewalttätigen und militaristischen Diktatur. Viele Menschen haben die AfD nicht trotz, sondern auch wegen ihrer Sympathie für das Russland Wladimir Putins gewählt. Auch deshalb markiert diese Wahl eine Zäsur", stellt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG fest.
Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg sorgt sich um das zukünftige Bild Sachsen-Anhalts in Europa: "Es gibt in Sachsen-Anhalt durchaus Erfolgsgeschichten. Eine davon ist das Geflecht der Beziehungen quer durch Europa, sorgsam aufgebaut und gepflegt von diversen Landesregierungen. Über Nacht steht das mit einer AfD vor der Machtübernahme in der Staatskanzlei in Frage. Das Renommee Sachsen-Anhalts ist beschädigt. Plötzlich droht aus dem reizvollen mitteldeutschen Landstrich das hässliche Entlein unter den deutschen Bundesländern zu werden. Das kann auch wirtschaftlich zu einer schweren Hypothek werden."
