Sonntag, 29. Januar 2023

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Die Schönen sind noch nicht geboren

Als in Boston 1968 der ghanaische Literaturwissenschaftler und Soziologe Ayi Kwei Armah seinen ersten Roman publizierte, war die Aufregung groß. Schon der Buchtitel "Die Schönen sind noch nicht geboren” passte nicht zu der von Afro-Amerikanern damals bejubelten Auffassung, derzufolge schwarz schön sei. So heisst es in dem Buch etwa:

Manfred Loimeier | 21.03.2000

    "Die Männer, die uns aus unserer Verzweiflung führen sollten, waren, als sie auf der Bildfläche erschienen, so fett und zynisch, als hätten sie seit Jahrhunderten von einer Macht gefressen, für die sie nie gekämpft hatten, sie waren alt, bevor sie die Macht erlangt hatten, und eigentlich nur fürs Grab zu gebrauchen. Auch die, welche unsere Führer sein wollten, auch die unterstanden den Weißen, und was sie für ihre weißen Herren und unsere weißen Herren empfanden, war Dankbarkeit und Vertrauen. Es ist entsetzlich anzusehen, wie ein Schwarzer mit allen Kräften versucht, der dunkle Schatten eines Europäers zu sein, aber genau das konnten wir in jenen Tagen beobachten.”

    Auch gut dreissig Jahre nach der Erstveröffentlichung sowie gut zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen in einem schweizer Verlag hat dieser Roman nichts von seiner Aktualität und seiner literarischen Vorrangstellung eingebüßt.

    Man mag es bedauern, dass Armahs Kritik an den Politikern Afrikas nach wie vor zutrifft, muss aber anerkennen, dass sein Roman sogar nach mehreren Jahrzehnten noch Maßstäbe setzt und unvermindert die Aufmerksamkeit ganzer Heerscharen von Literaturwissenschaftlern auf sich zieht. Deshalb ist die Neuveröffentlichung dieses Erstlings zu begrüßen, zumal sie Anlass dafür gab, Hugo Loetschers und Franz Küttels Übersetzung aus dem Jahr 1979 zu überarbeiten. Die Lektorin Gudrun Honke hat dabei darauf geachtet, die Sprache Armahs zu versachlichen und verharmlosende, blumig-flüssige Formulierungen in die ursprüngliche Nüchternheit und Klarheit zurückzuversetzen. Im Mittelpunkt des Romans steht ein namentlich nicht benannter Held mittleren Alters, der als Angestellter in der Eisenbahnverwaltung versucht, der allgemeinen Korruption zu widerstehen. Wegen seiner Untadeligkeit wird der Mann von seiner Ehefrau gescholten und von seinem Schulfreund, der zum Minister avancierte, nicht ganz ernst genommen. Und doch wird dieser Schulfreund nach einem Putsch bei eben jenem kleinen Angestellten um Unterschlupf bitten. Der unbestechliche Bürger weist schließlich dem abgesetzten Minister den Weg in die Freiheit, indem er ihn durch die Kanalisation ans Meer und zu einem Boot führt, das ihn über die Grenze bringt.

    Diese Fluchtszene verdeutlicht den Sturz des Politikers von den Höhen der Macht in den Schmutz der Kloake. Während der abgesetzte Minister besudelt außer Landes flieht, schwimmt der integre Helfer ans Ufer zurück und wird im Meer von den Exkrementen reingewaschen.

    Doch an dieser Stelle warnt Armah vor zuviel Zuversicht. Denn obwohl die neuen Machthaber vorgeben, die Korruptheit des alten Regimes zu bekämpfen, finden sich Beispiele unverminderter Bestechlichkeit. Auf der Rückseite eines Busses, der ihn während des Heimwegs überholt, liest der Mann nämlich die Aufschrift, die dem Buch den Titel gab: Die Schönen sind noch nicht geboren. Dazu der Text:

    "Ein Kleinbus, der mit seinem grünen Anstrich neu und sauber aussah, hielt vor der Sperre. Einer der Polizisten hielt ihn beiläufig an. Sich seiner Würde sehr bewusst, betrachtete der Polizist lange und nachdenklich den Führerschein und das, was darin steckte. Mit seiner Linken zog er das Geld heraus, rollte die Note und verbarg sie in der geballten Hand. Gleich darauf ging er zum Bus, warf einen flüchtigen Blick hinein und gab dem Fahrer das Zeichen, weiterzufahren.”

    Der 1939 geborene Armah studierte nach einer kurzen Tätigkeit beim ghanaischen Rundfunk von 1959 bis 1963 in den USA. Anschließend arbeitete er in Algerien als Übersetzer, danach wieder in Ghana als Drehbuchautor für das Fernsehen. In den Jahren 1967 und 1968 gab er in Paris die Zeitschrift "Jeune Afrique” heraus, und 1970 schloss er in den USA sein Literaturstudium ab. In den folgenden Jahren führten Lehraufträge Armah nach Kenia und Tansania, nach Lesotho und den USA. Seit Beginn der achtziger Jahre lebt Armah mit seiner Familie als Übersetzer, Publizist und Unesco-Berater in der senegalesischen Hauptstadt Dakar.

    Unermüdlich erneuert Armah seine Kritik an den Machthabern in Afrika, wie er sie in "Die Schönen sind noch nicht geboren” erstmals geäußert hatte. In seinen fünf folgenden Romanen und in zahlreichen Essays - vor allem für das Magazin "West Africa” - beklagt der Autor, dass sich Afrikaner in ihrer Unmündigkeit eingerichtet hätten.

    1995 veröffentlichte Armah seinen bisher jüngsten Roman "Osiris Rising”. Darin behauptet der Schriftsteller, dass die Sklaverei bis in die Gegenwart fortdauere. Die Schuld dafür weist der Autor Afrikanern zu. So, wie einst afrikanische Zwischenhändler ihresgleichen an die Weißen verkauften, würden heute afrikanische Regierungen den Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds zustimmen. In der Zeitschrift "West Africa” erläutert er:

    "Ich denke nicht, dass so viele afrikanische Regierungsführer deshalb für Strukturanpassungsprogramme votieren, weil sie sie lieben. Manche von ihnen hassen sie. Versuchen sogar, sie zu umgehen. Sie kommen aber an den Strukturanpassungsprogrammen nicht vorbei, wenn sie mit afrikanischen Modellen alternativer Wirtschaftspläne gescheitert sind. Ich vergleiche Sklaverei und Strukturanpassungsprogramme insofern, als wir beides nicht wollen, uns aber nicht dazu in der Lage zeigen, zu schaffen, was wir wirklich wollen und brauchen. So lange wir unkreativ denken, keine für uns praktikablen Wirtschaftssysteme entwickeln, so lange werden wir zu leiden haben.”

    Armahs Position entspringt keinem Afro-Pessimismus oder Utopieverlust. Sie drückt die Forderung nach einer afrikanischen Identität aus, nach einem Selbstbewusstsein, das sich nicht in die von Europa oder den USA vorgegebenen Strukturen fügen muss.

    Armah geht weit zurück in die Geschichte Afrikas, um ein Beispiel für ein solches Selbstwertgefühl zu geben. In seinem Roman "Osiris Rising” erinnert er an den alt-ägyptischen Osiris-Kult und verweist damit auf die Thesen nicht allein afrikanischer Anthropologen, laut denen das prä-islamische Ägypten der Pharaonen nur den Höhepunkt einer langen Reihe originär afrikanischer Kulturleistungen darstellt.

    Diese eigenen Errungenschaften sollten sich Afrikaner vor Augen halten, statt nach einem Lebensstil zu streben, den Armah am Beispiel des Ministers in seinem Roman "Die Schönen sind noch nicht geboren” wie folgt beschreibt:

    "Er hat einen Lebensstil, der weit bestürzender ist als das Leben, das die Weißen hier immer geführt haben. Bungalows, verletzend weiß? Autos, groß und schwer, mit Chauffeuren in der Uniform der Weißen, Jahrhunderte in der Sonne wartend. Frauen, so schrecklich jung, denen der Sinn nur nach Blusen und Parfüm aus dem Diplomatengepäck steht und nach Perücken aus echtem, vom Kopf der Leiche einer weißen Frau gekratztem Haar. Whisky, ausdrücklich für jene geschmuggelt, welche die Gesetze machen.”

    Mit dieser Haltung steht Armah nicht allein in der afrikanischen Literatur. Auch sein Landsmann Kofi Awoonor oder der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka verurteilten stets das Imitieren fremder Lebensweisen, und Kritik an korrupten Machthabern in Afrika findet sich über einen langen Zeitraum hinweg in einer Vielzahl sowohl anglophoner als auch frankophoner Romane aus Afrika.

    Weil Armah aber immer wieder die Wirksamkeit der Belletristik bezweifelte, meldete er sich seit 1979 vor allem als Journalist zu Wort. Dass vor fünf Jahren mit "Osiris Rising” erstmals seit 16 Jahren wieder ein Roman von Armah erschien, kam einer Sensation gleich.

    Den jungen senegalesischen Verlag Per Ankh, der das Buch als seinen ersten Titel publizierte, hatte Armah selbst mit organisiert. Per Ankh - der Namen bedeutet Ägyptologen zufolge "Das Haus des Lebens” - soll die Publikation und den Vertrieb afrikanischer Bücher fördern und neben einem afrikanischen Buchmarkt auch ein Bewusstsein für die Geschichte Afrikas entwickeln. Schließlich lautet eine der Thesen Armahs:

    "Diejenigen, die heute Computer und Autos herstellen - Dinge, die wir kaufen wollen und für die wir Schulden und Arbeit auf uns nehmen -, sind Leute, die ihre Geschichte kennen. Japaner kennen ihre Geschichte. Chinesen kennen ihre Geschichte, und sie bewegen sich schneller in die Zukunft, weil sie wissen, wer sie sind und wohin sie wollen.”