Samstag, 26. November 2022

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"Die Zofen" am Broadway
Ein Spiel von Macht und Unterwerfung

Als die Herrin aus dem Haus ist, rasten die beiden Zofen (dargestellt von Cate Blanchett und Isabelle Huppert) regelrecht aus. Mal spielt die eine die große Dame im Prachtkleid, mal die andere. Bei diesem bizarr-schönen Wechselspiel schont Regisseur Benedict Andrews das Publikum nicht; er schockiert es.

Von Simone Hamm | 18.08.2014

    Rote Damen-Lackschuhe
    Für ein paar Stunden tauchen zwei einfache Dienstmädchen in die Welt des Luxus ein. (Jens Kalaene / dpa)
    Die gnädige Frau ist ausgegangen und ihre Zofe Claire ist in deren Rolle geschlüpft. Sie trägt deren silbernen Stilettos und deren blutrotes Kleid. Cate Blanchett ist ganz die große Dame: herrisch, hysterisch. Claires Schwester Solange ist die zweite Zofe der gnädigen Frau. Solange, dargestellt von Isabelle Huppert ist devot und scheu. Zwei Weltstars in den Hauptrollen. Und sie sind alles andere als schön.
    "Die Zofen" beruht auf einer wahren Geschichte, die sich 1932 in Le Mans zugetragen hat. Die Zofen Christine und Léa Papin erstachen ihre Herrin und deren Tochter, schälten ihnen die Augen aus dem Kopf, als sie noch lebendig waren. Der heimkommende Ehemann fand die mörderischen Schwestern nackt in einem Bett. Diese Morde beschäftigten ganz Frankreich. Zwei ausgebeutete Frauen aus der Unterschicht hätten sich gewehrt, versuchte Jean Paul Sartre sie zu erklären.
    Jean Genet, der in seinen Romane und Stücken immer von den Ausgegrenzten, den Randerscheinungen, den verlorenen Existenzen erzählte, brachte diese Zofen auf die Bühne. Bald wechseln Blanchett und Huppert die Rollen, mal ist die eine die Herrin, die andere die Dienerin, mal ist es umgekehrt. Sie rivalisieren darin, wer stärker, wer grausamer, wer nobler, wer kriecherischer sein kann.
    Ein fast inzestuöses Verhältnis
    Ein Spiel von Macht und Unterwerfung. Sie bauen sich gegenseitig auf, sie ziehen einander herunter. Neid und Eifersucht bestimmen ihr beinahe inzestuöses Verhältnis.
    Fast wie ein Voyeur kommt man sich vor und kann doch keine Sekunde wegschauen, so ergreifend, so intensiv ist das Spiel von Isabelle Huppert und Cate Blanchett. Die ungeheure Wandlungsfähigkeit der beiden Weltstars wird unterstrichen dadurch, dass sie von einer Kamera gefilmt werden, die ihre Gesichter auf eine große Leinwand überträgt. Das sind gnadenlose Close-ups in eiskaltem Licht. Jedes Zucken um die Mundwinkel, jedes Härchen am Kinn, jede Falte ist zu sehen. Mut zur Hässlichkeit. Ein Leben, wie es die Zofen führen, macht aus den schönsten Schauspielerinnen die hässlichsten Figuren. Regisseur Benedict Andrews schont das Publikum nicht, er schockiert es.
    Meisterliche Wandlungen im Sekundentakt
    Überlebensgroß sind die Lippen Cate Blanchetts, die sie mit einem mohnroten Chanel-Lippenstift grotesk übermalt. Cate Blanchett ist gerade noch die arrogante Dame aus der Oberschicht gewesen. Von einer Sekunde auf die andere wechselt sie den Ausdruck, wirkt verzweifelt, überfordert, zerbrechlich. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Gerade noch will man sie in die Arme nehmen, den scheußlichen roten Mund abschminken, da wird sie wieder eine andere: ungestüm, fast animalisch fällt sie im Bett der gnädigen Frau über ihre große Schwester her. Isabella Huppert als Solange springt wie ein Wirbelwind über die Bühne, ist ein bizarrer, trauriger Clown. Sie überzieht, ist fast die Karikatur einer Zofe. Und dann ist sie wieder ganz kühl. Kalt überlegt sie, wie sie ihre Herrin töten, was sie ihr alles antun wird.
    Huppert und Blanchett spielen nicht nur gnädige Frau und Zofe, sie spielen auch mit den Emotionen des Publikums. In New York werden die Zofen in einem riesigen Würfel aus Glas aufgeführt. Hinter der Glasscheibe die Kamera und die eine Kamerafrau. Benedict Andrews bricht "Die Zofen", zeigt ihr Spiel aus mehreren Blickwinkeln und macht es dadurch spannend und neu.
    Im Hintergrund des Glaswürfels hängen an einer langen Kleiderstange unendlich viele Kleider und Pelzmäntel. Ein Bett, ein Schminktisch, eine Couchgarnitur. Der Würfel ist voll von Blumen. Er gleicht einer Leichenhalle eher als einem Appartement. Der Tod ist immer anwesend und er ist unausweichlich. In ihren Fantasien töten die Zofen die Herrin. Immer und immer wieder.
    In der neuen Übersetzung der "Zofen" von Benedict Andrews und Andrew Upton ist die Sprache derb, knapp, obszön, bisweilen pornografisch. Die Symbole des Reichtums tragen ein zeitgenössisches Gewand. Die silbernen Schuhe sind von Christian Louboutin und das rote Kleid ist von Alexander MacQueen.
    Kurz bevor die gnädige Frau zurückkehrt, ziehen sich Blanchett und Huppert ihre schwarzen Kleider wieder an und binden sich die weißen Schürzchen um. Jetzt sind beide wieder Zofen. Zuvor waren sie in großer Robe, seidenen Morgenmänteln oder halb nackt, einander mit Blicken verzehrend, zu sehen. Sie spucken sich und ihr Spiegelbild an, denn die Tropfen der Spucke, so sagen sie, seien die Brillanten der einfachen Leute.
    Elisabeth Debicki spielt die gnädige Frau. Sie ist so zurecht gemacht, dass sie Paris Hilton zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Herrinnen des 21. Jahrhunderts sind die "It girls". Sie suhlt sich in Selbstmitleid. Sie macht Geschenke, die sie sofort wieder zurücknimmt. Elisabeth Debicki ist 23 Jahre alt und Cate Blanchett und Isabelle Huppert durchaus ebenbürtig. Dass die Herrin gerade halb so alt ist wie ihre Zofen, ist ein kluger Schachzug des Regisseurs Benedict Andrews. So ist die Herrin noch grausamer, noch brutaler, denn sie hat die Macht der Jugend. Eine Macht, die letztlich niemand zerstören kann.