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Digitale Bewerbung auf dem Vormarsch

In der Studie "Recruiting Trends 2007" wagt das Online-Karriereportal Monster Wordwide gemeinsam mit den Universitäten Bamberg und Frankfurt einen Ausblick auf die Einstellungspolitik deutscher Unternehmen fürs kommende Jahr. Laut der Untersuchung ist das Internet inzwischen das wichtigste Instrument, um offene Stellen zu besetzen.

Von Anke Petermann | 29.12.2006

" Zwei von drei Einstellungen in deutschen Großunternehmen resultieren aus Online-Anzeigen. Die Tendenz ist auf jeden Fall steigend. Sowohl der Anteil der auf den Unternehmens-Websites oder in den Internet Stellenbörsen veröffentlichten Stellenanzeigen als auch der Anteil der Einstellungen - der Trend ist ganz klar: es wird immer digitaler, "

konstatiert Tim Weitzel, Professor für Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen an der Uni Bamberg. Alexandra Güntzer lag mit ihrer Bewerbung im Trend. Vor einigen Monaten wollte sie den Job wechseln. Bis dahin war sie Sprecherin der Deutschen Börse in Frankfurt am Main.

" Ich habe das große Glück gehabt, dass ich dadurch, dass ich schon sichtbar war am Markt, nachgefragt wurde. Am Ende des Tages aber ist es eine Online-Bewerbung vom reinen Formular her gewesen. Das heißt: Ich habe meine Fähigkeiten, meine ganzen Angaben in ein Online-Formular eingepflegt und an meinen jetzigen Arbeitgeber übermittelt. Und mein jetziger Arbeitgeber ist Monster, und ich bin die Pressesprecherin von Monster. "

Der Automobil-Hersteller Audi stellt seit fünf Jahren ein Online-Bewerbungsformular zur Verfügung. Die gute Nachricht dabei, so Marcus Fischer, zuständig für Personalmarketing bei den Neuen Medien:

" Für die potentiellen Bewerber wird das Geschäft der Bewerbung erstmal wesentlich einfacher. Das hört sich vielleicht erstmal etwas verwirrend an, wenn man darüber nachdenkt, dass man ein Formular ausfüllen muss, was eine Stunde dauern kann, wo wir einfach die Dinge erfahren, die wir für die Entscheidung brauchen. Und das ist für mich der größte Vorteil des Formulars: mit einer E-Mail oder einer schriftlichen Bewerbung sagt uns der Bewerber, was er meint, was wir wissen müssen. Im Formular sagt er uns definitiv sicher das, was wir wissen möchten. Und deshalb ist das ein Arbeitsaufwand, der sich für ihn lohnt - gerade auch im Hinblick darauf, dass das Profil was er uns dort gibt, auch für eine zweite Bewerbung nutzen kann, denn es klappt ja nicht immer gleich beim ersten Versuch. "

Das expandierende Karriere-Portal Monster Deutschland nutzt die eigene Stellenbörse, um die Besten zu gewinnen. Es beschäftigt vier Mitarbeiter ausschließlich fürs Recruiting, arbeitet mit Personalberatern und Zeitarbeitsfirmen zusammen, sagt Firmenchef Davide Villa, gebürtiger Italiener. Dennoch sei es schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden, denn die müssten nicht nur kompetent sein, sondern auch mit der Unternehmenskultur harmonieren und eine hohe Bereitschaft zeigen, sich weiter zu entwickeln.

" Um ein Potential zu identifizieren - es geht um Soft-Skills um psychologische Neigungen, die auf Papier nicht zusammenzufassen sind -. die Recruiter werden immer öfter gefragt: wir brauchen die richtige Person für heute, aber noch wichtiger - die richtige Person für in zwei Jahren. "

Doch welchen Raum bieten die von vielen Firmen inzwischen bevorzugten Online-Formulare, die eigene Persönlichkeit zu präsentieren, Visionen und Ziele auszubreiten? Marcus Fischer von Audi:

" Genau das ist ja eines der Vorbehalte gegenüber so einem online- Formular, dass das eine Kartei ist, in der ich strukturierte Daten eingebe. Nein, wir legen schon Wert darauf, dass er das seine Persönlichkeit einbringt, und - um dem Vorurteil zu begegnen: er hat seinen Freiraum, beispielsweise für jeden seiner Ausbildungsgänge hat er Freitextfelder, wo er beschreiben kann, wo liegen Schwerpunkte, warum ist dieser Studiengang besonders wichtig besonders toll, und dasselbe gilt für Arbeitsstationen, für Praktika. Er kann sich überall einbringen. Und er hat genügend Raum, im Motivationsschreiben seine Motivation darzulegen, warum er sich für diese Stelle bewirkt. "

Davide Villa, Chef von Monster Deutschland, sagt:

Sehr oft verursacht Internet, dass Bewerber nur ein E-Mail mit zwei Wörtern schicken: "Ich bin verfügbar, schöne Grüße", und das ist nicht ideal als Bewerbung, sagen wir so.

Denn Lebensläufe ähneln sich immer mehr, beobachtet Villa. Das Anschreiben ist um so wichtiger, um sich unverwechselbar zu machen. Tim Weitzel rät seinen Wirtschaftsinformatik-Studierenden in Bamberg außerdem zur "Passivbewerbung", das heißt:

" Dass sie auf jeden Fall ihren Lebenslauf, ihr Profil in Stellenbörsen posten sollen, weil sie damit findbar sind. Unabhängig davon, was sie sonst tun, ist es auf jeden Fall die richtige Strategie, sichtbar zu sein für die künftigen Arbeitgeber, den Firmen die Chance zu geben, sich bei einem selbst zu bewerben. "

Außerdem sind Zeitarbeitsfirmen nicht mehr nur für Putzkolonnen interessant, sondern auch für Akademiker, vor allem junge Berufseinsteiger:

" Weil man ja sonst kaum die Gelegenheit hat, in verschiedenen Firmen, verschiedenen Projekten, mit verschiedenen Menschen die ersten Jahre Berufserfahrung aufzubauen und sich dann ein Portfolio an Skills anzueignen - das ist auf jeden Fall eine Alternative, die es vor wenigen Jahren so noch nicht gab und die ich jetzt zum Überprüfen empfehlen würde. "