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Doktorarbeit mit Pioniergeist

Der Jurist und SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Doktorarbeit etwas schludrig gearbeitet, aber nicht fremde Urheberschaft als eigene ausgegeben. Das hat die Uni Gießen festgestellt und auf die Grenzen von Plagiatserkennungs-Software verwiesen.

Anke Petermann im Gespräch mit Manfred Götzke | 05.11.2013
    Manfred Götzke: Ist die Doktorarbeit von Frank-Walter Steinmeier ein Werk der Qualität à la Annette Schavan, Silvana Koch-Mehrin oder gar des Barons unter den Plagiatoren, KT zu Guttenberg? Der Dortmunder Marketing-Professor Uwe Kamenz, der hatte Ende September entsprechende Plagiatsvorwürfe gegen Steinmeier erhoben, denn dessen Plagiatssoftware hatte bei der Untersuchung der Steinmeierschen Doktorarbeit ein paar Mal rot aufgeblinkt. Steinmeier selbst, der SPD-Politiker, hielt die Vorwürfe für völlig abstrus und wollte die offizielle Prüfung der Arbeit durch seine Alma Mater, der Uni Gießen, ganz entspannt abwarten. Die hat heute entschieden: Steinmeier darf seinen Titel behalten. Anke Petermann ist für uns vor Ort in Gießen. Wie hat die Uni denn ihre Entscheidung begründet?

    Anke Petermann: Ja, die Uni hat ja zweifach überprüft. Sie hat überprüft, ob eine Täuschungsabsicht im Wesentlichen Umfang vorliegt, und ob wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt. Und für beides hat sie keine Anhaltspunkte gefunden. Also es gibt handwerkliche Zitierfehler in dieser Dissertation "Bürger ohne Obdach", aber an keiner Stelle hat Frank-Walter Steinmeier fremde Urheberschaft als eigene ausgegeben. Also er hat Quellen immer genannt, wenn auch nicht immer an der korrekten Stelle, und wo er längere Textpassagen wörtlich übernommen hat und teilweise die Anführungszeichen nicht korrekt gesetzt hat, wird doch immer klar: Da geht es um eine Auseinandersetzung mit Literatur. Die Autoren, die er verwendet, werden immer irgendwo genannt in den Fußnoten, teilweise auch im Haupttext. Und auch, wenn er eigene Gedanken verwertet hat aus früheren Aufsätzen, da fanden das die Prüfer unproblematisch. Und auch dort, wo er bei diesen früheren Gedanken einen Koautor in einer Vorveröffentlichung hatte. Denn auch den hat er immer wieder genannt, in Fußnoten, im Haupttext und im Vorwort hat er ihm gedankt. Also auch da ist Steinmeier nicht zu unterstellen, dass er da ein Gemeinschaftswerk als das eigene vereinnahmen wollte.

    Götzke: Das heißt also, Steinmeier ist von allen Vorwürfen freigesprochen.

    Petermann: Von allen Vorwürfen bis auf den, dass er ein paar handwerkliche Zitierfehler gemacht hat und teilweise etwas schludrig gearbeitet hat.

    Götzke: Die Prüfungskommission, die hat in ihrer Mitteilung auf die Grenzen von Computerprogrammen bei der Plagiatsprüfung verwiesen. Ist das als implizite Kritik an Uwe Kamenz zu verstehen, der die Vorwürfe ja ursprünglich erhoben hat?

    Petermann: Ja, also man kann natürlich sagen, dass so ein schematisiertes Programm einfach den Geist einer wissenschaftlichen Arbeit gar nicht erfassen kann. Und die Arbeit von Frank-Walter Steinmeier, die hatte Pioniergeist auf diesem Gebiet der Obdachlosigkeit. Und aus diesen standardisierten, schematischen Verfahren dann Plagiatswahrscheinlichkeiten von über 60 oder 80 Prozent abzuleiten, wie Kamenz das getan hat, das ist dann zumindest sehr gewagt - und manche sprechen da auch schon von Rufmord. Allerdings war das jetzt nicht Thema heute hier in Gießen. Da geht man sehr zurückhaltend mit dem "Prüfbericht" von Kamenz um. Aber zumindest setzt man dieses Wort "Prüfbericht" ganz deutlich in Anführungszeichen.

    Götzke: Ganz genau, da war auch immer die Rede vom sogenannten Prüfbericht. Nun hat Uwe Kamenz dennoch vor einigen Wochen damit gedroht, noch zahlreiche weitere Prüfberichte zu vermeintlich problematischen Doktorarbeiten von Politikern zu veröffentlichen. Da könnte ja eventuell noch einiges an Arbeit auf die Promotionsausschüsse der Republik zukommen. Hat sich die Uni Gießen dazu irgendwie geäußert?

    Petermann: Ja, sie haben gesagt, sie werden das gelassen abwarten. Und der Präsident der Uni Gießen, Joybrato Mukherjee, meint, er wolle einfach nicht urteilen, ob so was jetzt überflüssig sei oder nicht. Man müsse einfach eine Diskussion natürlich über diese Art und Weise, sich mit Plagiaten auseinanderzusetzen, führen. Aber generell sagt er: Wir sind die Instanz, die hier Qualitätssicherung betreiben müssen, und diese Aufgabe werden wir auch wahrnehmen.

    Götzke: Frank-Walter Steinmeier darf seinen Doktortitel behalten, das hat heute Mittag die Universität Gießen entschieden. Anke Petermann hatte die jüngsten Informationen dazu. Vielen Dank!

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.