Dienstag, 09. August 2022

Archiv

Dokumentarfilme
Kultur dokumentiert sich selbst

Sommerzeit ist Festivalzeit - auch im Kino. Zwei Dokumentationen widmen sich dabei selbst zwei besonderen Kulturveranstaltungen mit Festivalcharakter: Eine zeichnet ein Porträt von Kassel und der Documenta, die andere gibt einen Blick auf Cannes, indem sich Toback und Baldwin selbst auf dem Festival filmten.

Von Rüdiger Suchsland | 09.07.2014

    Kein Platz für den deutschen Film: Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes.
    Der Film über das Festival in Cannes zeigt, dass es im Kunstbetrieb vielen heute nur noch ums Geld geht. (dpa / picture alliance / MAXPPP)
    "What are you doing in Cannes?" - "We are making our film ..."
    Sie ist eine seltsame Welt, die Welt der Kultur-Festivals. Und doch sind sie, ob Bayreuth und Salzburg, die Biennalen von Venedig und die Kasseler Documenta oder die Filmfestivals von Cannes und Berlin, Zentren des Kulturbetriebs. Sie schreiben den Fahrplan unserer Aufmerksamkeit. Künstler präsentieren dort sich und ihre neuesten Werke; Verkäufer und Einkäufer, Rechtehändler und Verwerter kommen dort hin, um Geschäfte zu machen, und um unter den ersten zu sein, bei der Suche nach einem neuen Trend, nach den Superstars von Morgen. Das normale Publikum hingegen versucht, erst einmal die Gegenwart zu verstehen - so es denn überhaupt Zugang erhält in die zum Teil sehr hermetisch abgeriegelten Hallen und Kulturweihestätten.
    Journalisten und andere Medienvertreter schließlich stehen zwischen allem: Sie befragen die Werke und die Künstler, sie vermitteln ihre Fundstücke dem Publikum, und auch sie fühlen dem Zeitgeist den Puls, suchen das Neue und das Wesentliche.
    Weil hier alle zusammentreffen, sich kennen und immerfort wiederbegegnen und zu dem zusammenfügen, was man den Kunstbetrieb nennt, sind Kulturfestivals so faszinierende, verführerische, wie schwer durchschaubare Welten.
    Der Blick auf die Kulturfestivals
    Es war längst überfällig, dass sich Filmemacher ihrer annehmen, und sie dem breiten Publikum erschließen. Gleich zwei Dokumentarfilme tun das in diesem Sommer. Und ihnen gemeinsam ist nicht nur das Thema Kulturfestival mit seinen vielen erwähnten Facetten und den verschiedenen Beteiligten, an einem konkreten Beispiel, sondern auch der Blick der Macher darauf: Liebevolle Ironie, gepaart mit kurz aufscheinendem Sarkasmus, kennzeichnet in beiden Fällen den Zugang. Offenbar kann man gar nicht anders auf dieses Phänomen blicken.
    Doku über die Documenta
    Die Documenta und das, was sie mit der Stadt Kassel macht, in der sie stattfindet, sind Anlass und Thema des Films "Arts Home is my Kassel". Gedreht wurde er von den zwei Regisseurinnen Katrin und Susanne Heinz, beide selbst aus Kassel. Sie verbinden ein (leicht lokalpatriotisch eingefärbtes) Porträt der nordhessischen Provinzmetropole mit dem der Kunstwelt, die dort alle fünf Jahre mehr einfällt, als zu Gast ist, zu einer Meditation, darüber, was Kunst eigentlich heute ist, wozu sie da ist, was sie mit den normalen Leuten zu tun hat, und was sie ihnen gibt.
    "Kunst ist was anderes, das ist Natur aber keine Kunst."
    Ihr stilistischer Kunstgriff ist, dass sie eine Taxifahrerin auf ihren Wegen bei ihrer Arbeit begleiten:
    "Der Januar ist sowieso schon schlecht, der Februar war beschissen. Das kommt jetzt erst mit dem März."
    Daneben geht es um die Macher und den Apparat der Documenta hinter den wechselnden Leitern. Und um die Besucher aus aller Welt.
    Die Kasselaner selbst nehmen die Documenta hin, sie wissen, dass sie der Stadt Wohlstand schenkt, aber sie blicken verwundert auf das, was da neben ihrer Haustüre passiert. So ergeben sich lustige, schräge mitunter skurrile Situationen, die wahlweise Schmunzeln oder Kopfschütteln provozieren.
    Doku über eine Reise nach Cannes
    "When I make a movie, all I think is profit"
    Ganz anders und doch ähnlich im Blick auf die Welt ist "Seduced and Abandonned", der auf Deutsch unter dem Titel "Verführt und verlassen", aber trotzdem in deutsch untertitelter Originalversion ins Kino kommt.
    Die Regisseure sind zwei bekannte Eigenwillige der US-Filmindustrie: Filmstar Alec Baldwin und Regie-Enfant-Terrible James Toback. Seine neueste Regiearbeit präsentiert eine Innenansicht der Realität der Filmindustrie - das Dokument eines Scheiterns, das in einen Triumph umgemünzt wurde.
    Toback und Baldwin filmten sich dabei, wie sie nach Cannes fuhren, um auf dem Markt dieses wichtigsten Filmfestivals der Welt ein gemeinsames Projekt - einen Politthriller - potenziellen Geldgebern vorstellen, um es finanzieren zu können.
    Dabei gibt der Film vor allem grundsätzlichen und präzisen Einblick in die Funktionsweisen des Filmgeschäfts. So kommen neben Geldgebern, die genau so sind, wie man sie sich vorstellt, meist in Shorts und T-Shirts champagnerschlürfend in Hotel-Nobelsuiten oder Luxusyachten residieren, auch viele bekannte Filmemacher zu Wort: Martin Scorsese, Bernardo Bertolucci und Roman Polanski.
    Oder Ryan Gosling, der von seiner Zeit als unbekannter Schauspieler erzählt:
    "You know: You are lucky to get an audition. Then you get there. You walk in a room full of guys who look just like you. Then you can hear the other guy in the other room auditioning. Then you are thinking about not doing it like him - as he is supposed to do it the way you wanna to do it. Then before you go in you hear the casting director negotiating the deal for the guy who already got the part - turns out Jared Leto already got it ..."
    Tobacks und Baldwins Film ist schnell und abwechslungsreich, zugleich witzig und ein Stück Aufklärung. Es gibt viele Interviews, und die Kamera besucht Räume, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt - wie die Suite von Francis Ford Coppola. Wer es noch nicht wusste kann es hier erfahren: Im Kunstbetrieb geht es vielen heute nur noch ums Geld.
    Das wusste man aber schon. Aber mit was für Leuten man es dabei zu tun hat, wie geredet wird, und zu welchen Selbsterniedrigungen selbst bekannte Künstler gezwungen werden - das kann man in diesem ausgezeichneten Film erfahren.