Dienstag, 04. Oktober 2022

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Dokumentarfilmer Stephan Lamby
"Viele Politiker versuchen uns zu umgehen"

Brexit, Trump, AfD in elf Landesparlamenten - der Journalist Stephan Lamby findet: Wir leben in einer nervösen Republik, in der Politiker und Journalisten bedroht sind. Im Deutschlandfunk sagte er, verbale Gewalt in sozialen Medien würde manchmal auch in reale Gewalt umschlagen.

Stephan Lamby im Gespräch mit Isabelle Klein | 19.04.2017

    Autor und Journalist Stephan Lamby, SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, CDU-Generalsekretär Peter Tauber, Moderatorin Anne Will, AfD-Vorsitzende Frauke Petry und Sahra Wagenknecht, Linke-Fraktionschefin im Bundestag (r-l.), sitzen am 29.03.2017 in Berlin nach der Premiere des Films "Nervöse Republik" im Kino Babylon bei einer Diskussion zusammen.
    Nach der Premiere des Films "Nervöse Republik" im Berliner Kino Babylon im Gespräch: Autor Stephan Lamby, Katarina Barley (SPD), Peter Tauber (CDU), Moderatorin Anne Will, Frauke Petry (AfD) und Sahra Wagenknecht (Linke) (r.-l.). (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
    Klein: Für seine Dokumentation "Nervöse Republik" hat der Filmemacher ein Jahr lang Politiker und Journalisten in Deutschland begleitet. Mit ihm habe ich vor der Sendung über den Film gesprochen und ihn als erstes gefragt, warum er sich der Thematik angenommen hat.
    Stephan Lamby: Die Entscheidung fiel im Frühjahr 2016 auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise. Da hatten wir – und damit meine ich auch Redakteure des NDR – das Gefühl, dass sich das politische Klima in Deutschland dauerhaft verändern könnte, also nicht nur einen kurzen Ausschlag nach oben oder unten geben würde, sondern das würde eine strukturelle Änderung geben, und haben deshalb entschieden, für die Dauer von 12 Monaten die Ereignisse dieses Jahres aus der Sicht von einigen Politikern und Journalisten zu beobachten, ohne Drehbuch und am Ende auch ohne Kommentartext, und dann waren wir natürlich ziemlich überrascht von dem, was dann passierte – also Brexit, Trump, AfD in elf Landesparlamenten, und das Jahr hatte es wirklich in sich.
    Klein: Also sind Sie da mit einer Fragestellung rangegangen oder war das völlig offen?
    Lamby: Nein, wir sind mit einer Vermutung an die Arbeit gegangen, nämlich die Vermutung war, dass sich die Art und Weise, wie wir – damit meine ich Politiker wie Journalisten – Öffentlichkeit herstellen, dass sich das verändern würde durch die Digitalisierung von Information, durch Algorithmen, aber auch durch ganz reale Probleme wie die Zementierung von arm und reich in Deutschland, Flüchtlingskrise, Terroranschläge. Also wir hatten die Vermutung, dass das eine strukturelle Veränderung geben würde, und ich glaube, wir haben da recht behalten.
    "Da verändert sich gerade was"
    Klein: Sie haben unter anderem mit Bundesinnenminister de Maizière, mit der AfD-Vorsitzenden Petry gesprochen, und auf der anderen Seite mit Journalisten vom "Spiegel" und der "Bild". Welchen Eindruck haben Sie denn von den beiden Gruppen bekommen und ihrem Verhältnis?
    Lamby: Ich glaube, da verändert sich gerade was. Also viele Politiker versuchen uns – die klassischen Journalisten von Fernsehen, Zeitung, Hörfunk – zu umgehen, indem sie direkt mit dem Wähler kommunizieren über Facebook und Twitter. Das klingt erstmal ganz demokratisch, der direkte Kontakt, aber zum Beispiel Frauke Petry und Sahra Wagenknecht sind geradezu stolz darauf, uns, wie sie sagen, als Filter umgehen zu können. Das kann ich schon irgendwie verstehen, wenn man direkt mit, wie wir ja auch, mit unseren Zuschauern oder Lesern kommunizieren wollen, aber man muss sich doch im Klaren darüber sein, was die Filterfunktion von uns Journalisten ist: Gerade in Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien haben wir eine bestimmte Aufgabe, zu unterscheiden, was richtig und falsch ist, auch zu gewichten. Wenn diese Funktion umgangen wird, dann werden wir alle zusammen irgendwann ein Problem bekommen, wie man in den USA sehen kann.
    Klein: Sie blicken nun auf Deutschland konkret. Warum denn dieser Titel "nervöse Republik"? Ist Deutschland gerade ein Land in permanenter Erregung?
    Lamby: Na ja, es geht ja nicht nur um Deutschland. Wenn Sie sich anschauen, was die Briten im letzten Jahr entschieden haben, die Nervosität, die gerade in Frankreich vor den beiden Wahlgängen in der Präsidentschaftswahl herrscht, was in den USA passiert ist, dann ist das, glaube ich, eine globale Entwicklung, aber sie hat natürlich eine besondere Ausprägung in Deutschland, zum Beispiel durch das Aufkommen der AfD, durch Pegida. Alle Politiker, wirklich ausnahmslos, haben immer mehr sogenannte Hassmails zu lesen bekommen. Vor Jahren waren das Mails, die noch anonym abgeschickt wurden, inzwischen unter Klarnamen. Das heißt, da haben viele Bürger offenbar das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein und fühlen sich dann sicher. Also das ist die Ausprägung hier in Deutschland. Die verbale Gewalt, die schlägt manchmal auch in reale Gewalt um. Also Sahra Wagenknecht hat während der Dreharbeiten eine Torte ins Gesicht bekommen. Frauke Petry beklagt, dass ihr Auto in Brand gesetzt wurde. Katarina Barley von der SPD liest mir Drohmails vor: Nach dem Mord an Joan Cox in England, schreibt ihr da jemand, das hättest auch du sein können. Also da verändert sich ganz offenbar etwas in dem Verhältnis nicht nur Politiker und Medien, sondern auch Politiker und Bürger.
    Klein: Nachdem der Film abgedreht worden war, hat ja das Saarland gewählt Ende März und die AfD eine Schlappe von 6,2 Prozent erlebt. Wäre der Tenor Ihres Films anders ausgefallen, wäre dieses Ereignis noch in den Drehzeitraum gefallen?
    Lamby: Ich glaube, zu jeder Bewegung gibt es auch eine Gegenbewegung. Im Saarland war das ganz offenkundig so der Fall, aber man sollte aufpassen, jetzt nicht die Beobachtung dieses Films auf ein Ereignis alleine aufbauen zu können. Das kann sich auch relativ schnell wieder ändern. Sehen Sie, wir hatten danach einen Terroranschlag in Stockholm. Wir hatten den Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund. Also es gibt einen Strom von Ereignissen, der nicht abreißt, und immer wieder gibt es dann auch Ausschläge in der Interpretation von Politikern und Journalisten. Das, was ich da beobachtet habe, ist keine Entwicklung, die jetzt mal eben kommt und auch schnell wieder geht wie, sagen wir, die Flüchtlingskrise, sondern ich glaube, es ist eine strukturelle Veränderung. Also ein großes Wort: Wir erleben gerade einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, unabhängig davon, wie das Saarland wählt oder nicht.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.