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Dopingprävention: Im Zweifel war’s der Sportler

Einzelfälle, wohin man sieht: Wenn Doper auffliegen, stehen sie am Pranger. Das System Leistungssport wird selten kritisiert. Auch die deutsche Dopingprävention fokussiert sich auf den einzelnen Sportler. Der Sport stiehlt sich aus der Verantwortung. Das ist möglich, weil er selbst bestimmt, was in der Dopingprävention geschieht.

Von Daniel Drepper | 27.04.2012
    Man muss sich zu Beginn vielleicht noch einmal klar machen, dass Dopingprävention kein nettes Hobby für Gutmenschen ist, das eigentlich keiner braucht. Im Gegenteil: Wenn es überhaupt eine Chance gibt, Doping einzudämmen, dann durch Prävention. Studien gehen davon aus, dass ein Viertel bis die Hälfte aller deutschen Spitzensportler schon einmal gedopt hat. Doch bei der NADA sind nur wenig mehr als ein halbes Prozent der Kontrollen positiv.
    Der Soziologe Karl-Heinrich Bette hat für den Deutschen Leichtathletik Verband die Dopingprävention in Deutschland analysiert, vor Kurzem ist seine Studie als Buch erschienen. Das Ergebnis: Der Betrug wird mit Moralkampagnen bekämpft, mit der Aufklärung einzelner Sportler. Über die Doping fördernde Struktur des Sports spricht niemand.

    "Wenn Sie mal schauen: Nach welchen Kriterien bekommen Sportler ihre Gelder? Dann werden Sie schnell feststellen, dass sie nur nach Medaillen und Rangplätzen ihre Gelder bekommen. Und das führt natürlich in eine klassische Beziehungsfalle. Einerseits sollen sie Doping bekämpfen und das auch als Teil ihrer Identität ausweisen. Andererseits sollen sie aber international erfolgreich sein und das in einem Sport, in dem ja nachweislich wie die Skandale ja immer wieder zeigen, viel gedopt wird. Das führt dann zu der klassischen Entkopplung von Reden und Tun. Auf der Vorderbühne sagt man, was man gegen Doping tut und auf der Hinterbühne schaut man weg, was in der Szene passiert."
    Der DOSB bekennt sich auf Anfrage zur Aufklärung von Sportlern, zum Kampf gegen die Dopingmentalität. Die strukturellen Zwänge versuche er zu mildern, indem er Sportlern dabei helfe, Ausbildung und Sport zu verbinden. Stichwort Duale Karriere. Dopingexperten wie Andreas Singler reicht das nicht. Singler hat sich im vergangenen Jahr mit der Dopingprävention in Rheinland-Pfalz beschäftigt. Auch Singler kritisiert die deutschen Präventionsversuche.

    "Also die Verantwortung dafür, wie das Dopingproblem zu lösen ist, wird komplett an den einzelnen Athleten, vielleicht noch in sein Umfeld ausgelagert. Die Verantwortung ist damit weg, der Schwarze Peter sozusagen beim einzelnen Akteur, aber nicht bei der Sportorganisation oder bei der Sportpolitik."

    Warum kommt der Sport damit durch? Bis 2010 finanzierte das Innenministerium die Dopingprävention der NADA mit 300.000 Euro. Seitdem gibt es den Nationalen Dopingpräventionsplan, der Projekte besser aufeinander abstimmen soll. Nun darf sich jeder auf das Geld des Präventionsplanes bewerben. Auf den ersten Blick ein Fortschritt. Aber: Es gibt nicht mehr Geld. Die NADA hat deshalb einige ihrer Projekte gekürzt, ein Großteil der frei gewordenen Mittel gehen jedoch an den DOSB. Externe Antragsteller sind verärgert: In den vergangenen zwei Jahren waren mehr als drei Viertel der geförderten Aktionen von DOSB und NADA selbst. Der DOSB erklärt das damit, dass wenige Anträge von außen gestellt werden.
    Eine Steuerungsgruppe schlägt vor, für welche Projekte Geld fließen soll. In der Gruppe sitzen: NADA, Deutscher Olympischer Sportbund, die Länder und das Bundesinnenministerium.

    Was gefördert wird, entscheiden am Ende Bund und Länder. Also genau die, die sich selbst thematisieren müssten. Einmal im Jahr gibt es einen runden Tisch: Ein paar Dutzend Wissenschaftler, Sponsoren und Funktionäre kommen jeweils im September zusammen und werden informiert. Einfluss haben sie keinen. Der Nationale Dopingpräventionsplan ist ein politisches Instrument, das sich selbst blockiert, klagen Insider.

    Wer mehr wissen will, wird abgeblockt. Niemand kann überprüfen, wie das Geld verwendet wird. Der Deutschlandfunk will seit gut 16 Monaten die Fördersummen der einzelnen Projekte einsehen. NADA und DOSB hätten offenbar nichts gegen eine Veröffentlichung, doch das Innenministerium lehnt immer wieder ab. Am Donnerstag will die Steuerungsgruppe noch einmal über Transparenz sprechen. Es ist unwahrscheinlich, dass das Innenministerium seine Blockadehaltung aufgibt.

    Der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon hat selbst schon ein Projekt beim Runden Tisch beantragt. Die Art der Vergabe schadet dem Kampf gegen Doping, findet Simon.

    "Das wär auch gleich mein erster Kritikpunkt. Die Mentalität, sich da selbst zu bedienen, wenn dem jetzt so ist, dass eben DOSB und NADA dort ihre eigenen Projekte fördern, halte ich auch nicht für besonders sinnvoll. Sondern grade solche Gelder kann man dafür verwenden, den Horizont im Anti-Doping-Kampf zu erweitern, also ganz bewusst auch Leute zu integrieren, die mal querschießen."

    Das ist unwahrscheinlich, so lange das Innenministerium das Geld vergibt. Wer kritisiert sich schon gerne selbst? Wäre es besser, das Geld für Prävention würde ohne den Einfluss von BMI und DOSB vergeben? Karl-Heinrich Bette hätte jedenfalls schon ein paar Ideen, was mit dem Geld gemacht werden könnte:

    "Dass Geld fließt für Dopingprävention finde ich sehr vorteilhaft, allerdings warte ich auf die Studien, dass auch diejenigen thematisiert werden, die in Sachen Doping in irgendeiner Weise beteiligt sind, auch in der Bekämpfung. Also ich würde mir wünschen, dass beispielsweise Studien dann auch initiiert werden über die sozialen Bedingungen der Sportförderung in Deutschland, über die Gelder, die fließen, über die Autonomie der NADA und ähnliche Fragen, das wäre extrem spannend."

    Der DOSB hält die Zusammensetzung der Steuerungsgruppe für optimal. Der Sport selbst habe schließlich ein tiefbegründetes Eigeninteresse, Doping zu bekämpfen. Lösungen könnten nur dann funktionieren, wenn sie auf den Strukturen des Sports aufbauen.
    Der Präventionsplan läuft in seiner jetzigen Form noch bis Ende 2013. Bis dahin soll der Plan evaluiert werden. Einige Beteiligte hoffen auf eine radkikale Reform. Sie wünschen sich weniger politischen Druck und Bürokratie, mehr Arbeit an konkreten Projekten und deutlich mehr Geld.