Dienstag, 04. Oktober 2022

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Dosenfleisch, Kaffee und Bohnen im Namen des Herrn

Job-Vermittlung, Schuldnerberatung, Darlehensvergabe: Die Kirche in Italien übernimmt immer öfter Aufgaben, die eigentlich der Staat erledigen müsste. Eine der vielen Auswirkung der aktuellen Wirtschaftskrise.

Von Thomas Migge | 21.06.2012

    Die Wirtschaftskrise trifft Italien besonders hart. Die Sparmaßnahmen der Regierung von Mario Monti führen zu immer höheren Steuern und immer weniger sozialen Hilfsangeboten. Die Kirche versucht, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

    "Dosenfleisch, Kaffee und Bohnen und andere Dinge in Konserven. Warum ich diese Sachen hierher bringen? Wir haben doch genug und wir wollen denen was geben, die zu wenig haben."

    Sagt ein Rentner aus dem römischen Stadtrandviertel Centocelle. Er bringt sechs volle Einkaufstaschen mit Lebensmitteln in die katholische Kirchengemeinde.

    "Bei uns hier im Viertel gibt es immer mehr Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn ich eine höhere Rente hätte, dann ich würde ich ja noch mehr spenden"

    Sagt diese Frau, die zwei Kartons mit Süßigkeiten für Kinder vorbeibringt.
    Vor gut einem Jahr startete Don Mauro Favara, der katholische Geistliche der Gemeinde, seine Hilfsinitiative. Er war es leid, über Diakonie immer nur zu predigen, aber nichts Konkretes auf die Beine zu stellen:

    "Die Idee, den Leuten unter die Arme zu greifen, führte dazu, dass dieser, ja nennen wir ihn, Supermarkt entstand. Der Raum sieht ja auch aus wie ein Geschäft, auch wenn man hier nichts bezahlen muss. Immer wieder rufe ich dann in der Kirche meine Gemeindemitglieder dazu auf, an ganz bestimmten Tagen ihre Lebensmittelspenden vorbeizubringen"

    Diejenigen Gemeindemitglieder von Don Mauro, die nachweislich unter das Existenzminimum fallen, in Italien sind das in der Regel bei einer Familie mit zwei Kindern weniger als 800 Euro monatlich, erhalten eine "tessera". Das ist eine Art Kreditkarte. Mit der "tessera" und ihrem Personalausweis können sich die entsprechenden Gemeindemitglieder einmal im Monat im, so der offizielle Name, "Gemeindeladen" vorstellen. Dort erhalten sie Brot und Fleisch, Nudeln, Obst und Gemüse. Alles gratis. An der Lebensmittelinitiative beteiligen sich inzwischen auch Supermärkte und Einzelhändler aus der Gemeinde. Rund 1.500 Bewohner aus Centocelle schauen regelmäßig im "Gemeindeladen" vorbei.

    Das System mit der Gratiskarte findet sich inzwischen in ganz Italien, in fast allen Diözesen. Kein Wunder, denn die Lebensumstände im Land haben sich in letzter Zeit ziemlich verschlechtert, erklärt Monsignore Enrico Feroci, Direktor der römischen Caritas:

    "Wir haben 1.300 freiwillige Mitarbeiter, die solche Projekte für sozial schwache Bürger unterstützen. In Rom leben zirka 7000 Obdachlose. Zirka 20 Prozent der Römer leben unterhalb des Existenzminimums. Tendenz steigend. Die Freiwilligen helfen in 35 Caritas-Niederlassungen"

    Die katholische Kirche leistet immer mehr Sozialarbeit. Und es sind längst nicht mehr nur Armenküchen, die die Kirche betreibt. Regionale Caritas-Niederlassungen, Bischöfe und Gemeindegeistliche lassen sich immer neue Initiativen einfallen, um ihren durch die Finanzkrise in Not geratenen Landsleuten unter die Arme zu greifen. Caritas-Direktor Enrico Feroci:

    "Wir machen Werbung für unsere Hilfsmaßnahmen, damit die Betroffenen auch wirklich davon erfahren. Wir haben neben den Gratis-Supermärkten Anlaufstellen geschaffen, in denen sich Leute ohne ausreichendes Einkommen Auskunft holen können. Es gibt Infostellen, die Schuldenberatungen anbieten. Wir bieten auch einen Service für Freiberufler an, für Geschäftsleute, die durch die Wirtschaftskrise vor Riesenproblemen stehen. Wir suchen also ständig nach Leuten, die uns bei dieser neuen Arbeit helfen".

    Die Wirtschaftskrise trifft Italien besonders hart. Die Sparmaßnahmen der Regierung von Mario Monti führen zu immer höheren Steuern und immer weniger sozialen Hilfsangeboten. Geringverdienern und Arbeitslosen macht das schwer zu schaffen. Viele Italiener wissen nicht mehr, wie sie ihre Kredite zurückzahlen sollen. Seit Anfang dieses Jahres haben sich über 50 Kleinunternehmer, die vor der Pleite standen, das Leben genommen.

    Die Kirche versucht, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Dabei engagieren sich nicht nur jene politisch eher links eingestellten Geistlichen, die schon seit Jahren etwa in Neapel oder im von der Mafia dominierten Kalabrien sozial aktiv sind. Die Krise in Italien ist so groß, dass inzwischen ganze Diözesen eigene Hilfsprojekte entwickelt haben. Allen voran die Diözese Mailand, eine der größten und reichsten Diözesen Italiens. Die Stadt habe immer mehr soziale Probleme, klagt der bis vor kurzem arbeitslose Mailänder Francesco Vitali:

    "Es stellt niemand mehr einen Arbeitslosen ein! Wir haben eine Tochter, dann die immer höheren Steuern. Zum Gluck hat mir die Diözese geholfen. Die hat vor einigen Monaten eine Jobbörse eingerichtet, denn bei uns hier in Italien gibt es keine Arbeitsämter wie in Deutschland. Und so habe ich eine Arbeit als Nachtwächter gefunden. Die Situation in Italien wird immer schlimmer. Wie soll denn hier ein Rentner mit einer Rente von 500 Euro über die Runden kommen?"

    Jobbörsen wie jene, die Francesco Vitali geholfen hat, richten nicht nur immer mehr Diözesen ein. Auch einzelne Gemeinden organisieren sie auf eigene Faust. In Kirchen in Venedig etwa hängen schwarze Bretter, an denen Geschäftsleute der Gemeinde Arbeitsplätze ausschreiben.
    Jobvermittlung, Schuldnerberatung, Darlehensvergabe, die Kirche in Italien übernimmt immer öfter Aufgaben, die eigentlich der Staat erledigen müsste. Der mache sich rar, schimpft Don Paolo Farinella, einer der kritischsten katholischen Geistlichen Italiens. Der Priester aus Genua, der dort zahlreiche Sozialprojekte organisiert, ist gleichzeitig stolz auf seine Kirche:

    "Ich glaube, dass die Regierungen gar nicht wissen, was hier los ist, wie groß die Armut der Menschen geworden ist. Die Kirche regt sich überall. Trotz aller Skandale über gewisse Enthüllungen aus dem Vatikan, die momentan die Runde machen, muss ich sagen, dass in dieser nationalen Notsituation unsere Kirche echt präsent ist. Auf allen Gebieten und mit immer mehr eigenen Finanzmitteln. So muss Kirche sein! So muss sie sich religiös und ethisch verhalten."