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Drunter und drüber

Illyrien ist nicht Kukanien. Das Traumland Shakespeares in seiner Komödie "Was ihr wollt" ist nicht das historische Albanien, kein Schlaraffenland, aber ein Land anderer Ordnung. Matthias Hartmann hat an der Wiener Burg Shakespeares Komödie inszeniert.

Von Sebastian Fleischer | 23.12.2010

    Willkommen in Illyrien - einem Staat, der das Chaos zum höchsten Prinzip erhoben hat, dessen Herrscher nicht regieren, sondern sich in hoffnungsloser Liebe verzehren, in dem Narrheit zur Tugend erhoben und das Streben nach Ordnung und sozialem Aufstieg gnadenlos bestraft wird. Die Besucher der Burgtheater-Inszenierung erwerben vor Beginn der Vorstellung kein Programmheft, sondern einen Reiseführer Illyriens, in dem im besten Touristen-Jargon die Sehenswürdigkeiten, Kultur und Nachtleben, Essen und Trinken, Land und Leute angepriesen werden.

    Eine derartige Orientierungshilfe scheint durchaus angebracht, denn in Matthias Hartmanns Version von "Was ihr wollt" strandet Viola tatsächlich in einem Reich absoluter Sinnfreiheit. Wo andere Regisseure in dieser Shakespeare-Komödie einen Spagat zwischen Slapstick und Melancholie suchen, hat sich der Burgtheater-Direktor kompromisslos dem Slapstick verschrieben. Auf der Bühne herrscht spielerisch großartig umgesetztes Chaos. Ein Käfig voller Narren - freilich auch, was den Transgender-Aspekt des Stücks betrifft. Katharina Lorenz ist eine Viola mit herbem Charme, die sich nach dem Schiffbruch vor Illyrien als Mann ausgibt, um dem Herzog Orsino als Bote dienen zu können. Auch dieser wirkt wie ein androgynes Wesen: Mit langem glattem Haar, in einem weißen Mantel und Plateauschuhen kommt Fabian Krüger als Orsino daher, der in Liebe zur Gräfin Olivia dahin schmilzt.

    Auch das übrige Starensemble gibt sich einer fast schrankenlosen Spiellust hin. Nicolas Ofczarek brilliert als dauerbetrunkener Sir Toby Rülp und schafft es, als nobel-ernsthafter britischer Adeliger rüberzukommen, obwohl er kaum ohne Hilfe gehen und verständlich sprechen kann. Michael Maertens gibt überzeugend den jämmerlichen Ritter und Sir Tobys Saufkumpanen Andrew Bleichenwang, ein vor Angst schlotterndes Bürschchen in Ritterrüstung. Am wenigsten narrhaft, sondern eher unheimlich wirkt da der singende Hofnarr, verkörpert von Sven-Eric Bechtolf, der im ganzen Stück seinen eigenen Tonverstärker hinter sich herzieht. Großartig auch Maria Happel als intrigenspinnende, schräge wie bösartige Zofe Mary.

    Die Glanzleistungen des Ensembles quittiert das Publikum immer wieder mit Szenenapplaus und lautem Gelächter. Die Shakespeare-Komödie als Nummernrevue: ein Eindruck, den das Bühnenbild von Stéphane Laimé noch verstärkt. Ein übergroßes Porträt, offensichtlich von der Gräfin Olivia, dominiert neben einem großen bunten Vorhang aus Pappe, im Hintergrund findet sich eine Wand aus Rosen: Illyrien, eine Varietébühne. Dass dem Werk hier keine Metaebene übergestülpt wird, stört allerdings nicht zwangsläufig - höchstens dann, wenn es Hartmann mit seinem Klamauk übertreibt.

    All das humorige Chaos bekommt freilich dann seine schaurige Wendung, wenn Olivias Verwalter Malvolio seinem Schicksal zugeführt wird. Joachim Meyerhoff gibt einen von Anfang an lächerlichen Puritaner, der sich erdreistet, die Feierlaune im Hofstaat zu stören.

    Der humor- und wohl auch kunstfeindliche Bürgerliche, der nur auf seinen eigenen Aufstieg bedacht ist, wird bei Shakespeare gnadenlos bestraft. Zuerst durch eine Intrige lächerlich gemacht, wird er für verrückt erklärt und dann in einer Kiste lebendig begraben - eine Anspielung Hartmanns auf den aktuell im Kino laufenden Gruselfilm "Buried".

    Hier macht die brachialkomische Deutung des Werks plötzlich Sinn: Wo keine Ordnung herrscht, gibt es auch keine Regeln der Menschlichkeit. Die anarchistischen Narren werden damit schnell zu grausamen Sadisten. So überzeugt Hartmanns Konzept am Ende doch. Wie übrigens auch die Musik von Karsten Riedel. Seine auf Shakespeare-Sonetten beruhenden wunderschönen Pop-Balladen tragen das Stück wesentlich mit.