Mittwoch, 29. Juni 2022

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Eat Art - erst kommt das Fressen

Die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wirkt nicht nur auf Studierende anziehend. Immer wieder sorgt sie mit spannenden Ausstellungen für Furore. Sie leistet sich dafür seit 25 Jahren eine eigene Galerie. Aus Anlass des Jubiläums wurde gestern eine Ausstellung zum Thema "Eat Art" eröffnet. Lebensmittel in vielen Variationen sind dort zu sehen - und waren gestern Abend auch zu hören.

Von Carsten Heckmann | 12.11.2004

Es war kein gewöhnliches Konzert, das gestern Abend in der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst zu hören war. Die Musiker spielten auf Instrumenten aus Gemüse. Sie flöteten auf Möhren, sie trommelten auf Kürbissen. Es klackten die Auberginen, es schmatzten die Gurken. Das Erste Wiener Gemüseorchester gab sich die Ehre. Ein passender Auftritt. Schließlich wurde eine Ausstellung eröffnet, die der Eat Art gewidmet ist, der Kunst mit Lebensmitteln. Die Galerie der Hochschule feiert damit ihr 25-jähriges Bestehen. Das Thema ist in Mode, aber beileibe nicht neu, sagt Kuratorin Christine Rink:

Ich glaube, gerade das Thema Lebensmittel oder Essen in der Kunst, das ist so uralt wie die Welt. Das spannt sich vom 6. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wobei ich dazu sagen muss, dass das 20. Jahrhundert mit einem vollkommen anderen Materialverständnis in der Kunst arbeitet und natürlich auch vollkommen neue Materialien entdeckt, um Kunst zu verarbeiten.

So zeigen junge Künstler Hefeteig in einer riesigen Mülltonne und einen Tisch aus Fruchtgummi. Altmeister Dieter Roth ist mit einer Wurst vertreten, in der ein Roman von Martin Walser steckt, zerkleinert und mit Gelatine vermischt. Gleich gegenüber ein Werk des Eat-Art-Pioniers Daniel Spoerri: Die Reste einer Mahlzeit, mit Leim und Konservierungsstoffen fixiert und mitsamt dem Tisch an die Wand gehängt. 80 Arbeiten von 35 Künstlern sind bis zum 18. Dezember zu sehen - subsumiert unter dem Brecht-Zitat "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Das Fressen gibt es in allen Facetten, die Moral soll sich jeder selbst suchen. Spektakulär geht es zu, wie immer in der Galerie. Denn für Aufsehen haben die Ausstellungen stets gesorgt, auch in der DDR, berichtet Kuratorin Rink:

Wir haben die erste Picasso-Ausstellung überhaupt gehabt. Wir haben American Pop Art gehabt. Wir haben El Lissitzky mit ersten Leihgaben gehabt, die das Puschkin-Museum überhaupt herausgegeben hat nach Deutschland. Also schon Ausstellungen, die für diese Zeit sehr spektakulär waren. Das war auch, man muss das schon sagen, eine kulturpolitische Gratwanderung, die wahrscheinlich nur so unter dem Dach der Hochschule möglich war.

Eine Hochschule, die ihren 450 Studierenden beste Bedingungen bietet. 30 Professoren unterrichten in den Bereichen Malerei, Grafik, Buchkunst, Fotografie und Medienkunst. An den hauseigenen Ausstellungen nehmen die Nachwuchskünstler immer wieder teil. So zeigt Antje Schlenker nun eine Videoinstallation, in der es um Cola geht. Die Studentin im 7. Semester weiß solche Möglichkeiten zu schätzen:

Man findet irgendwie einen Punkt, wo man zusammenkommt. Und wenn es eben so eine Ausstellung ist oder ein Projekt, wo man sagt: Ich hab dich in der Ausstellung gesehen und ich find das toll. Können wir nicht was zusammen machen? Und der studiert vielleicht was ganz anderes oder ist vielleicht bloß ein Gaststudent. Und das geht glaube ich sehr gut in so einer recht familiären Atmosphäre.

Zudem sollen die Ausstellungen die Studierenden mit der Berufswelt vertraut machen. Christine Rink nennt ihre Galerie denn auch eine Membran zwischen dem, was in der Hochschule passiert, und dem, was sich draußen abspielt. Lebendig müsse es dabei zugehen, mit kontroversen Diskussionen. Die "Eat Art" ist dafür ein geeigneter Gegenstand. Die Reaktionen der ersten Besucher zeigen das:

Das Konzept find ich sehr schön. Also dass es einfach rings ums Essen geht, da muss man erst mal drauf kommen. / Zum Teil sehr originell und auch witzig. Und zum Teil eher abstoßend. Wenn's demjenigen gefällt, der es gemacht hat - mir gefällt es nicht. Gerade eben hatte ich noch Hunger. Jetzt nicht mehr.