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Ein verändertes Land

In Kopenhagen stehen vier schwedische Muslime wegen eines geplanten Terroranschlags auf die Redaktion der Zeitung "Jyllands-Posten" vor Gericht. In dem Blatt waren 2005 Mohammed-Karikaturen erschienen, die in der muslimischen Welt für einen Proteststurm gesorgt hatten.

Von Marc-Christoph Wagner | 13.04.2012

Auf den ersten Blick hat sich kaum etwas verändert. Entspannt laufen die Passanten durch die Kopenhagener Innenstadt. Auf dem Rathausplatz stehen erste Caféstühle in der noch schwachen Frühjahrssonne. Und doch ist Dänemark nicht mehr, was es einmal war:

"Wir sind ängstlicher geworden, haben Angst vor Terror. Und ja, das ist die Schuld von 'Jyllands-Posten', weil sie diese Mohammed-Karikaturen veröffentlichten."

Das Verlagsgebäude von "Jyllands-Posten" am Kopenhagener Rathausplatz ist seit Monaten eine Baustelle. Seit dem vereitelten Anschlagsversuch im Dezember 2010 wird das einst offene Haus in eine Festung verwandelt - inklusive Panzerglas und Sicherheitsschleusen im Zugangsbereich. Maßnahmen, die an den hier arbeitenden Journalisten nicht spurlos vorübergehen:

- "Es ist einerseits erschreckend, andererseits ist die Angst unser tagtäglicher Begleiter - dass es Leute gibt in der Welt, die es auf uns abgesehen haben."

- "Ich selbst sitze im Sicherungsausschuss unseres Hauses, das ja inzwischen zu den am besten bewachten Kopenhagens zählt. Wir Journalisten müssen darauf vertrauen, dass die Sicherheitsleute ihren Job gut machen - und das sehen wir ja, jedes Mal, wenn wir rein und rausgehen, 24 Stunden am Tag."

"Jyllands-Posten" - einst ehrgeiziger Vorkämpfer für die Meinungsfreiheit - schlägt inzwischen leisere Töne an. Zwar behält man sich das Recht vor, die Karikaturen des Propheten Mohammed erneut zu veröffentlichen, doch will man unnötige Provokationen nun vermeiden. Chefredakteur Jörn Mikkelsen:

"Wir müssen erkennen - die Gewalt wirkt. Die vielen Anschlagsversuche auf unser Haus gehen nicht spurlos an uns vorbei. Sicherlich haben sich unsere journalistischen Grundwerte nicht verändert, aber wir müssen auch Rücksicht nehmen auf die Sicherheit unseres Haues, die ja eine geradezu absurde Dimension erreicht hat."

Kurt Westergaard, inzwischen pensionierter Zeichner von "Jyllands-Posten", der den Propheten Mohammed mit einem zur Bombe umgeformten Turban abbildete und rund um die Uhr unter Polizeischutz lebt, ist fassungslos über die Konsequenzen der Karikaturen, aber er bedauert sie nicht:

"Was passiert ist, konnte niemand vorhersehen. Und ich meine, unser Anliegen war legitim."

In dieser Frage allerdings scheinen die Dänen gespalten - und der Riss zieht sich selbst durch manche Familien, wie hier durch Mutter:

"Wir hätten nicht so provozieren sollen, das ist meine Haltung. Provozieren, wie wir es mit den Karikaturen getan haben."

Und Tochter:

"Andererseits haben wir Meinungsfreiheit, haben eine freie Presse, jeder kann denken, was er will. Ich finde es schockierend, dass es so weit gekommen ist - dass das Leben von Kurt Westergaard bedroht wird, dass "Jyllands-Posten" mit Bombendrohungen leben muss, ja dass im Grunde alle Dänen gefährdet sind."

Und das wird auch in absehbarer Zukunft so bleiben, wie der Chef des dänischen Verfassungsschutzes Jakob Scharf erst kürzlich bestätigte:

"Die Terrorgefahr in Dänemark ist real und sie ist ernst. Auf den Wunschzetteln vieler islamistischer Terrorgruppen stehen wir nach wie vor ganz oben - und daran wird sich in den kommenden Jahren kaum etwas ändern."