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Ein Verlag für alle Fälle

Books on Demand oder auch "Bücher auf Nachfrage" heißt das Zauberwort für viele, die ein eigenes Buch veröffentlichen wollen, aber keine Verlag finden. Anders ist das bei Books on demand. Dort nutzen unentdeckte Genies genauso wie Memoirenschreiber die Chance, ihr Buch zu veröffentlichen.

Von Annemarie Stoltenberg | 19.09.2011

24-Stunden-Service heißt es hier. Gearbeitet wird rund um die Uhr. In drei Turnhallen großen Werkhallen stehen digitale Druckmaschinen. Der Rundgang beginnt im Papierlager.

"Hier fängt quasi der Workflow an, wenn Sie das technisch ausdrücken möchten. Hier lagert also das Papier. Sie sehen das Lager ist recht überschaubar. Wir kriegen jedenfalls täglich Papierlieferungen."

Dr. Moritz Hagenmüller ist der Geschäftsführer bei Books on Demand. 250.000 Titel sind lieferbar, eine Zahl, die man sich kaum vorstellen mag. Pro Jahr werden etwa 10.000 neue Titel gedruckt, das heißt, in manchen Monaten kommen allein aus Norderstedt 1000 neue Buchtitel auf den Markt. Bei Anfrage lieferbar, mit sogenannter ISBN-Nummer, im Buchhandel oder im Internet bestellbar. Das geht nur, weil alles standardisiert ist. Mit den Produkten aus einem der bekannten belletristischen Verlage hat das so viel zu tun wie ein Würstchen aus dem Schnellimbiss mit einem Fünf-Sterne-Menü. Auch wenn es auf den ersten Blick kaum einen Unterschied gibt:

"90 Gramm Werkdruckpapier, was allen Anforderungen genüge leistet, würde ich sagen, für ein typisches belletristisches Buch."

Versprochen wird gern, dass die Books on Demand Titel genauso schnell lieferbar sind wie im deutschen Buchhandel üblich: also innerhalb von 24 Stunden.

"Das on demand Prinzip funktioniert natürlich auch nur mit einer extrem schnellen Auslieferung, denn der Leser soll ja nicht nur keinen Unterschied merken, von dem wie das Buch ausschaut, sondern auch von der Geschwindigkeit, in der er es geliefert bekommt. Das geht nur, wenn wir in 24 Stunden arbeiten."

Die Erfahrungen der Autoren sind anders. Ernst G. Tange bedauert:

"Ich habe es in Buchhandlungen gehört, dass es zehn Tage dauert, bis das Buch geliefert wird. Das ist ein Manko. Das dauert den Kunden zu lange, sie wollen das schneller haben. Sonst ist das Verfahren, glaube ich, ideal."

"O Welt, ich muss dich lassen. Lebensweisheiten in Todesanzeigen" heißt der Titel von Ernst Tanges Buch. Er sagt, es sei ihm eine Herzensangelegenheit gewesen, dieses Buch zu veröffentlichen. Als Handreichung und Trost für die, die bei Todesfällen in der Familie Anregungen für Formulierungen in der Todesanzeige oder der Trauerrede suchen. Tange hat auch schon etliche Zitatensammlungen in großen Verlagen veröffentlicht, aber dieses Buch wollte niemand herausbringen. Also hat er es bei Books on Demand veröffentlicht. Dort tummelt es sich in der in der Angebotspalette mit bunt gemischten anderen Buchtiteln. Gedichtbände, Familienchroniken, Familiengeschichten, Auswahlbände von Lesekreisen, im Moor gefundene Texte alter schottischer Heimatdichter, Geschichten aus dem Harz, unentdeckte Genies und Scharlatane, Memoirenschreiber und Freizeitromanciers, Abenteurer oder Wissenschaftler, sie alle nutzen die Chance, ihr Buch doch noch zu veröffentlichen. Drei Hallen bis unter die Decke gefüllt mit in diesem Leben nicht mehr bedienbaren Wünschen nach Beachtung. Wir möchten gelesen werden! Rufen alle diese Bücher, für den, der es hört. Dr. Moritz Hagenmüller sieht das nüchtern:

"Sie sehen schon, wie klein die entsprechenden Chargen sind. Ein Buch kann sich über seinen Lebenszyklen natürlich immer wieder verkaufen und wir haben Autoren, die mittlere fünfstellige Auflagenzahlen, das heißt, 15.000, 20.000 Stück und mehr verkauft haben. Aber die einzelnen Bestelllose sind, entsprechen immer tatsächlich nur dem, was aus dem Handel nachgefragt wurde. Und dementsprechend sehen Sie, dass auch viele Bücher in Auflage eins hergestellt werden. Die Kunst besteht dann darin, dass hinweg über verschiedene Ausstattungen, verschiedene Papierarten, verschiedene Formate ohne große Rüstkosten eben abbilden zu können. Das ist der eigentliche industrielle Prozess, den wir Ihnen bieten."

Vor der Erfindung des digitalen Drucks wäre das natürlich nicht möglich gewesen, dazu war schon das Einrichten der Druckmaschinen zu aufwendig. Jetzt wirkt das Prozedere wie das Durchscannen von Einkäufen im Supermarkt. Wenige Arbeitsschritte später plumpst schon wieder eine Fahne in den Auffangkorb, fertig zum Binden:

"Ein Barcode ab Geräusch um sicher zu stellen, dass der richtige Buchblock mit dem richtigen Cover verheiratet wird. Denn Sie sehen auch hier, das ist Auflage eins, kein Buch gleicht dem anderen und trotzdem wird eben hintereinander weg produziert. Die Maschine erkennt über den Barcode das richtige Format, was sie wählen muss und kann das Buch dementsprechend perfekt binden."

Danach wird es verpackt und versendet. Fertig. Der aufwendigste Teil des Weges Idee, Entwurf, Verfassen, Herstellung bis zum Buch hat vorher, zu Hause am Schreibtisch stattgefunden. Es klingt etwa so kompliziert wie das Bestellen einer Bahnfahrkarte per Internet:

"Das hier geht alles elektronisch, da ist man, wo man sein möchte. Zu Hause oder bei jedem Rechner kann man das machen. Wir haben aber auch Layout und Lektorat Dienstleistungen, die wir anbieten, also wenn man mehr Hilfe braucht, dann kann man als Autor, klassische oder traditionelle Verlagsdienstleitungen bestellen. Das hier ist eben unser Onlineprodukt, wenn man gerne alles selber erstellen möchte. Hier kann man alles angeben, was man gern haben möchte. Möchte ich in einen Buchhandlungsanschluss haben. Wenn man herausfindet: Ich möchte Hilfe haben, kann man hier die Layout-und Lektoratleistungen bestellen."

Sagt diese Mitarbeiterin, die spezialisiert ist für Kunden aus Dänemark, die auch bei Books on Demand drucken lassen. Easy Cover heißt das Programm, mit dem man sich einen Umschlag mit Bild – zum Beispiel ein Strauß Rosen- aussuchen kann. Auch eigene Bilder können als Datei geschickt werden und dann den Umschlag schmücken. Für 39 Euro bekommt das Buch eine Bestellnummer. Eine kleine überschaubare Mindestauflage wird vom Autor gekauft, der auch den Preis für das Endprodukt festlegt. Bei der Berechnung sind Preise für Korrekturlesen oder Lektorat nicht enthalten. Sie sind zusätzlich, werden nach Arbeitsstunden berechnet und bleiben freiwillig. Manche ihrer Kunden, so sagt Books on Demand, bestehen auf der Freiheit, gar keinen Lektor zu brauchen, sondern es genau so drucken zu lassen, wie sie es geschrieben haben. In der übrigen Welt der Bücher würde das als grobfahrlässig gelten, auf die Qualitätsprüfung durch ein Lektorat zu verzichten. Aber bei Books on Demand ist auch das ein bisschen anders.

Wer individuell beraten werden möchte, Grafik oder doch auch Lektoratsleistungen in Anspruch nehmen möchte, bekommt ein Leistungspaket offeriert, das ab 1300 Euro je nach Umfang aufsteigend berechnet wird. Für die schöne, brave neue Buchwelt. Kaum muss erwähnt werden, dass jedes Buch auch als E-Book vertrieben werden kann. Nur die Leser werden noch nicht digital erzeugt. Aber wir arbeiten daran.