Freitag, 01. März 2024

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Eine Lange Nacht der literarischen Cafés
Allein in bester Gesellschaft

"Habe die Ehre", wispert das Feuilleton hinüber zur Kritik; sie sitzen beide - Tag für Tag - dicht an der Tür, neben dem Zeitungsständer. Das ist der Ort der rasanten Feder. Denn jederzeit kann ein Redaktionsbote ins Refugium stürzen, um das "Express-Erdachte" zur Druckerei zu expedieren.

Von Holmar Attila Mück | 11.07.2015
    Besucher vor dem Café La Rotonde in Paris am Abend
    Besucher vor dem Café La Rotonde in Paris am Abend (imago/Herb Hardt)
    Das Drama, im hinteren Teil des Reviers Quartier bezogen, wendet sich bei diesem Akt genervt ab. Die Prosa hüstelt pikiert. Neben dem Kuchenbüffet keltert unberührt der Essay schweigend neue Erkenntnisse. Die Lyrik, vor grünen Ranken platziert, rümpft die Nase und bestellt flüsternd einen kleinen Kaffee; etwas größer darf das Glas Wasser schon sein …! Das muss oft über Stunden die Geister munter halten. Die Kellner helfen schon mal aus mit einem Verb, einem Synonym, einer Briefmarke oder Telefonmünze. Das meiste hier geht auf Kredit.
    Mitunter sitzen sie mit knurrendem Magen gebeugt über weißem Papier oder fleckigen Zeitungsrändern und entwerfen große Gedanken, Gestalten und Schicksale; einiges davon wird Weltliteratur. Diese Stammgäste kennt hier jeder: Peter Altenberg, Joseph Roth, Alfred Kerr, Stefan Zweig, Arthur Rimbaud, André Gide, Jean Genet, William Faulkner, Henry Miller, Ernest Hemingway, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Anna Seghers, James Joyce, Albert Camus, Michel Deguy, Sándor Petöfi, György Konrád, Franz Kafka...
    Die Kaffeehäuser sind ihre Wohn- und Arbeitszimmer und mache haben es zur Legende, zum Mythos gebracht: in Paris das de Flore, les Deux Magots, la Rotonde, de la Paix; in Wien das Hawelka, Central, den Herrenhof oder das Griensteidl; in Budapest das Gerbeaud, Eckermann oder Ruszwurm ... Heute sucht man dort die Dichter wohl zumeist vergeblich. Wie ein Exot wirkt, wer nach zwei Stunden immer noch am ersten Mokka nippt und auf Servietten herumkritzelt. Er erinnert aber - wie diese "Lange Nacht" - an etwas, was viele für die sympathischste Weltanschauung hielten - das Literaturcafé.
    Produktion: Deutschlandradio 2007

    Literarische Spaziergänge durch Paris
    Die Kunstszene in Paris als neue Heimat
    Wegen des geistig und kulturell äußerst lebhaften öffentliche Kulturlebens war die Stadt Paris für viele Generationen von Künstlern und Literaten aus aller Welt in verschiedenen Epochen ein großer Anziehungspunkt.
    Auszug aus dem Manuskript :
    Bonjour, Monsieur. Commet allez-vous? ruft sie mir entgegen
    Tres bien, Madam Berteaux. Merci!
    Wie soll es mir schon gehen? Ich bin in Paris!
    Es ist ein altes Ritual: Aussteigen an der Metrostation "Blanche", ein kurzer Blick nach rechts zum "Moulin Rouge", dann wenige Schritte hinüber zur Rue Lepic und langsam hinauf auf den Berg, ins Herz von Montmartre. Schöner, zärtlicher als Yves Montand hat keiner jemals die steil aufsteigende Rue Lepic, Montmartres Marktstraße, besungen.

    Bis du oben angekommen, hast du alles im Beutel: Ofenwarme Baguette, Gartenkräuter, Schnürsenkel, einen betagten Vin Rouge, Duschgel und eine Tüte mit Austern.

    Es ist vielleicht mein zehnter oder zwölfter Aufstieg. Und immer stand sie in der Haustür neben dem Blumenladen, Madame Berteaux. Die Schlüssel in der einen Hand, die Zigarettenspitze in der anderen, blickt sie streng wie ein Herbergsmutter auf die Fremdlinge, die vom Boulevard de Clichy nach oben strömen. Das hier ist ihr Reich, seit 80 Jahren.
    Als ich sie vor Jahren nach der Rue Bruant fragte, wo ich in einem kleinen Hotel Quartier nehmen wollte, war es passiert. Sie hatte ihr Opfer gefunden.
    Mit ihrer Zigarettenspitze zeigte sie erst nach links in Richtung Friedhof Montmartre: "Da lang geht es zu Stendhal und Heinrich Heine." Dann wies sie nach rechts: " ... . und da lang würden Sie an der "Place Emile Goudeau" Zola, Ver-laine, Apollinaire und Jarry finden.
    Würden wie gesagt!

    Nach zwanzig Minuten wusste ich auch, dass zwei, drei Häuser vom Blumenladen entfernt Theo van Gogh seinen Bruder Vincent aufgenommen hatte, die Rue Bruant eine Querstraße weiter ist, man seinen Kaffee, wenn man etwas von der Seele des Montmartre-Hügels, was davon noch übrig ist, erfahren will, sich unbedingt ins "Au Baroudeur" an der "Place des Abbesses" setzen muss, weil man eben dort alle treffen könne: Verlaine, Rimbaud, Toulouse-Lautrec, Picasso, den Max Ernst, Matisse, Louis-Ferdinand Celine und auch den deutschen Dichter Hermann Kesten ... Ja und Heine, wie gesagt, eben auf dem Friedhof, nur einen Katzensprung von der Rue Lepic entfernt.

    Auf seinem Grab liegt immer eine Blume!
    Madame Berteaux weiß Bescheid. Dass das so ist, verdankt sie ihrer Mutter, die ihr vis a vis in der Rue Vernon das Leben schenkte - und Ernest Hemingway.
    "Non, non, Monsieur, nicht dass die beiden ... mon Dieu!"
    Madame Berteaux kicherte verstohlen hinter der Hand. Das war nämlich so:
    In den turbulenten 60-iger Jahren sah sie, wie Hemingways Landsleute horden-artig in Paris einfielen, junge Menschen mit Blumen im langen Haar.
    Sie taumelten, alle bis dahin geltenden Normen und Werte ignorierend, auf den Spuren der wortgewaltigen Provokateure und Aussteiger: William Faulkner, Scott Fitzgerald, Hart Crane, Ezra Pound, Oscar Wilde - "The Lost Generation" nannte Gertrud Stein die illustre Dichter-Garde. Vor und zwischen den Kriegen verteilte sie sich über ein gutes Dutzend Pariser Caféhäuser.

    Natürlich waren die jungen Pfadfinder neugierig auf die mondänen, obskuren, dekadenten Quartiere, die Tauf- und Richtstätten von Ismen, Schulen, Strömungen und modischen Trends der Worte und Farben.

    Wo also hausten, schrieben, stritten, hungerten sie nach Ruhm, Geld und Liebe?
    Und warum all das in Paris? Was ist der Mythos PARIS?
    Kurzum, die Näherin Madame Berteaux war damals überfragt und holte sich, wenn sie am Abend den Kasten ihrer Nähmaschine zuklappte, die Antworten aus zahllosen Büchern der öffentlichen Bibliothek.

    "Mystisch, magisch, legendär!" - Das ist der Montmartre, "Der Berg der Märtyrer" - das ist Paris! Sagt sie und fügt mit einer zarten, aber deutlichen Geste der Beiläufigkeit hinzu: Hier oben an der "Place des Abbesses" hat der garstige Jean-Paul Marat das Benediktiner-Kloster zertrümmert und vor ihm der Baske Ignazio von Loyola den Jesuitenorden gegründet.
    Also: Wer alles über Paris zu wissen glaubt, lügt, zumindest gibt er an. Das glauben eigentlich auch immer nur Nicht-Pariser. Sie schmunzelt, schnippt die Zigarettenkippe an den Rinnstein und verschwindet summend im Hausflur.

    Noel Riley Fitch
    Die literarischen Cafés von Paris
    2003 Arche Verlag

    Auszug aus dem Manuskript:

    Die Dame hinter mir räuspert auffällig, dann klappert sie mit dem Löffel; endlich - wie kann ich ahnen, dass das Potpourri mir gilt - flüstert sie:
    "Pardon, mein Herr, kennen Sie Herrn Krzyzanowski?"
    Ich wende mich ihr zu. "Bitte?"
    Sie blinzelt über die Ränder ihrer Brille: "Otfried Krzyzanowski?
    "Nein, tut mir leid. Erwarten Sie ihn?"
    Ihr Blick wird ernst: "Herr Krzyzanowski ist tot."
    "Tut mir leid."
    "Seit 1918." Sie führt das Mokkatässchen zum Mund und murmelt beim Absetzen: " Unser täglich Gift!"
    "Nur wenn man zwei Liter pro Ta davon trinkt", beruhige ich sie.
    Sie greift konsterniert zur Zeitung:
    "Das ist der Titel eines Buches von Herrn Krzyzanowski. Er verkehrte allerdings im "Central".
    "Ach, was?"
    Damit war unser Dialog beendet. Die kleine alte Dame ging als bald, nickt mir im Vorübergehen nur stumm zu. In ihrem Blick lag etwas Mitleidiges.
    Das war im "Hawelka"
    Nach dem dritten Kapuziner habe ich das legendäre Café in der Wiener Dorotheengasse, gleich um die Ecke beim "Graben", verlassen hatte, musste ich mir die Augen reiben. War das wirklich passiert? Das da drinnen war keine Filmkulisse, das war echt, edle Patina. Es wird bald 7O - und verbirgt es nicht.
    Im "Hawelka", so scheint es, ist einfach alles so geblieben.
    Vier Jahrzehnte vor mir saß der Dichter und Meister des Dialektgedichts Hans Carl, H.C. Artmann an einem der Fenstertische und sinnierte "über Nussbeugeln und Melangen".
    Im "Hawelka", wie wir es kurz nennen, sind wahrhaftig die letzten sechs Jahrzehnte ohne die geringsten Spuren vorüber gegangen, bis auf die Espressomaschine ist alles beim alte geblieben. Die tapezierten Wände, die roten Plüschbänke, die nippfigurenbewachten Spiegel, die Marmortischerln, ja sogar ein bedeutender Teil der Gäste passten eher in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als in unsere gehetzte, mond- und raketennarriche.
    Wenn man das Café Hawelka betritt, muss man an der frequentiertesten Telefonzelle Wiens vorüber. Sie ist fast immer besetzt, läutet ansonsten fortwährend. Neben dem Telefon hängen Plakate fast aller Kunstvernissagen und Jazzkonzerte, teils gedruckt, teils handgemalt, und man wird immer am Laufenden gehalten. Ich glaube überhaupt, dass, wenn wir das Hawelka nicht hätten, vieles ungetan, ungesprochen oder von Grund aus gar nicht erdacht werden würde. Man braucht ein Zentrum, und das ist eben für uns wie für unsere Vorfahren das Kaffeehaus, das, obgleich oft totgesagt, wie eh und je floriert."

    Das Wiener Kaffeehaus.
    Mit Hinweisen auf Wiener Kaffeehäuser.
    Hrsg. v. Kurt-Jürgen Heering
    Insel, Frankfurt
    Im Kaffeehaus wurden literarische Schulen und Stile geboren und verworfen, vom Kaffeehaus nahmen neue Richtungen der Malerei, der Musik, der Architektur ihren Ausgang. Begonnen hatte es in der Zeit des Fin de siècle mit dem Griensteidl, dem Literatencafé, das Hofmannsthal und Schnitzler besuchten. Später fand die Literatur eine neue Heimat im Café Central: Hier trafen sich u. a. Peter Altenberg, Oskar Kokoschka und Karl Kraus. Nach dem Ersten Weltkrieg öffnete das Café Herrenhof: Franz Werfel, Hermann Broch, Robert Musil und Joseph Roth gehörten zu seinen Besuchern. Nach 1945 trat das Café Hawelka die Nachfolge des Literatencafés an. Einige dieser alten Kaffeehäuser sind bis heute erhalten. Ein Verzeichnis mit den wichtigsten Kaffeehäusern der Gegenwart rundet diesen Band ab.

    Literaten Cafés
    Heike Herrberg, Heidi Wagner
    Wiener Melange
    Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus.
    2014 Ebersbach & Simon
    Wien in den 1920er und frühen 1930er Jahren das steht für eine aufregende weibliche Epoche. Wie nie zuvor gestalten Frauen das kulturelle Leben der österreichischen Hauptstadt in der Ersten Republik. Zur Szenerie gehören die berühmten Kaffeehäuser "Central" und "Herrenhof", die Oper und die Salons, Treffpunkte der Wiener Boheme.
    Im "Roten Wien" sind für Frauen viele Lebensmodelle möglich noch ist die Atmosphäre kosmopolitisch, besteht ein reger Austausch mit anderen Metropolen wie Prag, Berlin, London, Paris ...
    Netzwerkerinnen der Salons
    Bertha Zuckerkandl Alma Mahler Eugenie Schwarzwald
    Tänze am Rande des Vulkans
    Grete Wiesenthal Gertrud Bodenwieser Hilde Holger Gertrud Kraus
    Star-Fotografinnen
    Madame d Ora Trude Fleischmann
    Inspiration Kaffeehaus
    Lina Loos Milena Jesenská Gina Kaus Hilde Spiel
    Bühnenzauber
    Maria Jeritza Lotte Lehmann

    Auszug aus dem Manuskript:
    Nahezu 100 Jahre bleibt das "Griensteidl" ein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte. Erst 1990 öffnet es wieder an selbiger Stelle die Türen, aber es ist natürlich nicht mehr das Griensteidl
    Es sind nur wenige Minuten vom Eck am Michaelerplatz hinunter in Richtung Central, und dann steht man ganz zwangsläufig und plötzlich vor einer Reihe verstaubter, blinder Fensterscheiben. Ist das hier das? Es besteht kein Zweifel. Hinter dieser trostlosen, grauen Häuserfront befand sich einmal eines der ungewöhnliches Dichterquartiere Wiens, nein Europas - das 1918 geöffnete "Café Herrenhof", den Wienern eigentlich mehr als "Café Größenwahn," geläufig.

    Einen Olympier fand man immer an seinem Stammtisch, seiner in seiner Loge. War es nicht Franz Blei, der in seinem Kreis klug zu brillieren wusste, dann schlich gelegentlich der stille, verbitterte Herr Musil mit seiner, wie Gina Kaus sich erinnerte, "recht hässlichen Frau" durch die Tischreihen; sein "Törleß" war wohl erschienen, aber nur mit sporadischem Lob bedacht. Er war hier auf der Suche nach Ernst Polak, der selbst nicht schrieb, aber "durch mancherlei Beistand" so manches Werk mit aus der Taufe hob.

    Auch der dickliche, sehr lebhafte Herr Werfel, zuerst noch ohne Frau Mahler am Arm, residierte nachmittags hier und analysierte hörbar seine mitunter schwankende philosophisch- ideologische Befindlichkeit. Er hasste alles Bourgeoise und schielte wohlwollend zu den Kommunisten. Es blieb allerdings bei dieser anstrengenden, etwas verzerrenden Sichtweise.
    "Hoppla, jetzt komm ich!", kommentierte ein zierliches, kleines Fräulein, eben jene Kafka-Freundin Milena, an ihrem Ecktisch den Auftritt eines recht fülligen Herrn; die Zigarette im Mundwinkel baumelnd, eine Rolle Zeitungen unterm Arm geklemmt, die dichten, dunklen Haare wild in der Stirn. Die Reportage war sein Metier. Daher wohl das Geflüster: "Der Mann, der schneller schreibt, als er denkt!" Darüber konnte er nur schallend lachen: Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter aus Prag.

    "Literaten Cafés" entstand im Zuge der Erstellung des interaktiven Lernpakets "Literatur in der Wiener Moderne" und verknüpft Teile aus dem Lernpaket mit Informationen aus AEIOU, dem österreichischen Kultur-Informationssystem des bm:bwk. "Literaten Cafés" bietet die Möglichkeit eines Spaziergangs durch einen kleinen, aber bedeutsamen Ausschnitt der Haupt- und Residenzstadt der Habsburger Monarchie. Dieser Weg verbindet traditionsreiche Cafés im Wien der Jahrhundertwende.

    Café Griensteidl
    Literarische Kaffeehäuser, Kaffeehausliteraten.
    Grenzenloses Österreich.
    Hrsg. v. Michael Rössner
    1999 Böhlau
    Von Prag bis Buenos Aires, von Zagreb bis Mexiko Stadt, von Lissabon bis Budapest und natürlich in Wien saßen zwischen der Jahrhundertwende und der Mitte unseres Jahrhunderts zahlreiche bedeutende Literaten in Kaffeehäusern, schrieben, diskutierten, lasen vor, redigierten Zeitschriften und ... tranken Kaffee. Der Kaffeehausliterat a la Peter Altenberg findet sich ebenso in Lissabon, Zagreb, Madrid, Budapest, Buenos Aires oder Rio de Janeiro. Und was man bislang in den einzelnen Städten lediglich aus Anekdotenbüchern kannte, ist nun von Forschern aus aller Welt in diesem Band im Kontext der aktuellen Kulturwissenschaften untersucht worden - ohne dabei die "Sinnlichkeit" der Kaffeehausliteratur außer acht zu lassen. Die oft gering geschätzte Kleinform der Kaffeehausliteraten erweist sich dabei als "Motor, Sprengstoff und/oder Keim" der wichtigsten literarischen Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahrhunderts. Dieser Band eröffnet nicht nur der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung neue Perspektiven, sondern bietet auch den Freunden von Pointe und "Kleinkunst", den Liebhabern der "schlampigen Genialität" der Kaffeehäuser einen Streifzug durch eine leider zum Großteil untergegangene Welt des Geistes und des Kaffeedunstes in Europa und in Übersee.

    Auszug aus dem Manuskript:
    Biedermeier Kaffee - ein großer Mokka mit Marillenlikör und Schlagobers Einspänner - gleich schwarzer Kaffee oder Mokka im Henkelglas mit Schlagoberhaube ....
    Fiaker - Ein großer Schwarzer im Glas mit viel Zucker und einem Stamperl Cognac oder Rum und einer Schlagobershaube
    Franziskaner - leichte Melange mit Schlagobers und Schokostreusel
    Kaisermelange - Mokka mit geschlagenem Eigelb und Honig oder Zucker er sprudelt oder Melange mit Eidotter oder Cognac
    Kapuziner ... Großer Mokka mit einem Schuss Milch oder Schlagobers..
    ... und so weiter. Die Wiener Kaffeelogie wird von Fremden als verhältnismäßig kryptisch empfunden; was ohne Zögern unterschrieben wird bei annähernd 25 Versionen stehen zur Auswahl. Selbst langjährige Wahlwiener haben kapituliert und wissen, dass sie mit einem Mokka oder Kapuziner, dem weltweit verbreiteten Cappuccino, kein Risiko eingehen. Aber eben an dieser Einfallslosigkeit wird der Fremde erkannt und beschmunzelt. Zu beachten ist: Der "kleine Schwarze" ist stets die Eintrittsgebühr ins Kaffeehaus. Zudem ist ratsam, den Ober nicht unbedingt nach Einzelheiten der Kreationen zu fragen. Manch einer entpuppt sich als diplomierter Historiker, und man kann seinen Pilgerplan vergessen.

    Harald Salfellner
    Prager Cafés.
    Vom Alt-Prager Kaffehaus zum modernen Jazz-Café.
    Ein Begleiter durch die 50 besten Kaffeehäuser.
    2005 Vitalis
    Es lohnt sich, die Atmosphäre der Prager Kaffeehäuser zu erkunden. Von der Alt-Prager "kaverna" bis zum Jazz-Café der musikverliebten Tschechen - jede Menge gemütlicher, guter und origineller Cafés laden ein zum Plaudern, Lesen, Schreiben oder Entspannen. Wo die besten Kaffeehäuser zu finden sind und wie viel von der oft totgesagten Prager Cafékultur lebendig geblieben ist, das will dieser Begleiter durch die Café-Szene der Goldenen Stadt bei einer Tasse Mocca oder "turca" erzählen.
    Die Prager Caféhauskultur
    "Hier im Kaffeehaus wurde diskutiert, geplant, leidenschaftlich debattiert, und die erotische Zeitschrift La vie parisienne ging von Hand zu Hand und war nach ein paar Tagen zerschlissen wie eine Regimentsfahne nach der Bataille." Jaroslav Seifert.
    Das literarische Prag der Jahrhundertwende ist ohne seine Caféhauskultur nicht denkbar. Weiterlesen: Prager Caféhauskultur
    Lenka Reinerova
    Das Traumcafé einer Pragerin
    Erzählungen.
    1996 Aufbau TB
    "Irgendwo in dem schleierhaften blaugrauen Dunst über den von Grünspan bezogenen Kuppeln Prags gibt es ein Café mit vielen Tischchen, und von jedem kann man hinunterblicken in unsere Stadt." Dort sitzen sie alle, die sie einst kannte, und erinnern sich mit ihr: Egon Erwin Kisch, Max Brod, Theodor Balk, Anna Seghers. In dieser wie in den anderen Erzählungen beschreibt Lenka Reinerová, eine der letzten Zeitzeuginnen der Emigration, Stationen ihres Lebens - das Prag der dreißiger Jahre, das Exil in Frankreich und Mexiko, den Stalinismus in den Fünfzigern und jüngste Erfahrungen. Trotz aller bitteren, furchtbaren Geschehnisse sind es menschen- und lebensfreundliche Erinnerungen, weise und wehmütig.
    Klaus Thiele-Dohrmann
    Europäische Kaffeehauskultur
    1997 Artemis & Winkler

    Auszug aus dem Manuskript :

    Die Poesie gehört zu Ungarn wie Paprika, Palinka und Pörkölt ... !
    Das hat alles etwas mit der "Insel Ungarn" zu tun. Nahezu trotzig hockt es inmitten Europas, ist mit keinem, nimmt man mal die etwas mehr als zeitweilige Zwangsvermählung mit Österreich aus, richtig verwandt. Man wird nur von wenigen verstanden. Diese Isolierung hatte oft tragische Folgen, aber bot den Ungarn auch Chancen. Sie mussten sich Europa hineinholen. Ungarns Dichter hatten dabei natürlich den größten Anteil.
    Ich vermute, dass kein Land mehr fremde Literatur in die eigene Landessprache übersetzt hat - und es immer tun wird - als Ungarn.
    "Ich glaube, die Ungarn haben ein viel, viel sensibleres und ein viel stolzeres Verhältnis zu ihrer Sprache und dann auch zu den Spitzenproduktionen dieser Sprache, zur Literatur als es die Deutschen haben.

    Das Wahrnehmen ihrer eigenen Literatur ist, glaube ich, hier viel, viel intensiver. Die Klassiker haben hier stärkere Präsenz und die Lyrik hat eine ganz, ganz wichtige Bedeutung, sie spielt häufig in der Entwicklung der Seele, der Herzen eine viel größere Rolle. Da ist das ein fester Baustein, ein Fundamentstein der eigenen Identität. Das sind dann in Deutschland schon mehr der Grenzgänger.

    Diese zehn oder fünfzehn Millionen Ungarn auf der Welt sind im Grunde auch gezwungen das ernst zu nehmen, weil das eigentlich die Speerspitze ihrer Identität ist. Und dadurch gib es ein erstaunlich waches literarisches Bewusstsein trotz aller Tendenz, die es natürlich auch in Budapest gibt, dass man nur noch im Internet herum liest und ernsthaft eigentlich keine Bücher mehr liest. Trotzdem hat es die Literatur in Ungarn noch erstaunlich gut - auch unter den jungen Leuten gut."
    Sagt Wilhelm Droste. Er lehrt Germanistik an der Budapest Universität und ist parallel - mit gleicher Hingabe - Chef des "Kaffeehauses "Eckermann", in der Raday utca, im Erdgeschoss des Goethe-Instituts.
    Es war wohl eine meiner besten Ideen bei dieser Kaffeehaus-Tour durch Budapest diesen Mann zu besuchen, der zu dem Thema mit das Beste geschrieben hat und seit zwanzig Jahren allen hier - und sehr konsequent - auch ein wenig "ein Kaffeehausdasein" vorlebt.

    Das Kaffeehaus.
    von Rodgers, Rick;
    Gschicht'n und 120 unwiderstehliche Originalrezepte für Torten, Gebäck und Mehlspeisen.
    2006 Christian Kaleidoskop
    Das Hawelka in Wien, das Gerbeaud in Budapest, das Café Slavia in Prag - drei berühmte Beispiele einer Kultur, die seit den Zeiten Maria Theresias bis heute besteht. Das Buch erzählt Anekdoten und Geschichten aus der Blütezeit des Kaffeehauses, vor allem aber bietet es 120 Originalrezepte der Süßspeisen, so üppig und unwiderstehlich, wie sie schon die k.u.k. Gesellschaft liebte.

    Auszug aus dem Manuskript:
    Mit Gábor Görgey traf ich damals im "Café Grasham" in der Nähe vom Roosevelt-Platz. zusammen. Es zählte nicht unbedingt zu den bedeutenden, renommierten Literaten-Cafés. Heute ist es nicht wieder zu erkennen in seiner Eleganz und scheint auf Gäste zu reflektieren, die mindestens mit dem Pulitzerpreis gekrönt sind. Görgey, Kossuthpreisträger und kurzeitig ideenreicher Kultusminister seines Landes nach der Wende, war Ende der Sechziger Jahre schon ein arrivierter und ebenso unbequemer Dramatiker und Lyriker sagt heute: "Wenn an in einem Lager lebt und wenn man in einem Lager die glücklichste Baracke sein kann, das ist doch eine großartige Sache. Wir haben es erworben, wir haben etwas daraus gemacht. Wir haben daraus schließlich eine Freiheit Ungarns gemacht."
    Görgey, hat seine Landsleute vor allem mit Paul Celan und Nelly Sachs bekannt gemacht. Sein eigenes graues Schicksal, die bitteren Nachkriegsjahre für die ungarische Aristokratie, hat er erst sehr spät thematisiert, zum Gegenstand seines großen epischen Werkes - "Letzter Bericht von Atlantis" - gemacht.

    Die Begegnung mit diesem originellen Dichter und Dramatiker habe ich an das Ende meiner Budapest-Visite gestellt. Er - im Gegensatz zu einem ganzen Bataillon von Autoren zu denen auch der junge György Konrad zählte auch nicht d e r passionierte Kaffeehausautor.
    Kossuth - und Karlspreisträger György Konrad - profilierter Erzähler und geschätzter Soziologen - unterhält sich jetzt auch lieber in der Stille seines spartanisch eingerichteten Arbeitszimmers im Souterrain seines Hauses. Es liegt in einer weniger turbulenten Straße in Buda.

    Der kritischer Geist und Kosmopolit reinster Prägung hat seine große Kaffeehausphase längst hinter sich, weiß aber um den Reiz, die soziologische Bedeutung des Kaffeehauses und die Motive, die den Autor dort hintreiben.
    György Konrad: "Wenn man eine Stadtsoziologie macht, dann könnte man sehr unterschiedliche Gedanken haben. Man geht ins Caféhaus, wenn man keine Wohnung hat oder in der Wohnung gibt es keine Heizung im Winter. Aber man geht dahin, weil ... man hat eine Stimmung, die inspirierend ist; zum Beispiel ich habe ein Buch von mir DER BESUCHER das war mein erster Roman, meistens im Caféhäusern geschrieben. Und das Geräusch habe ich so eliminiert, dass ich von Wachs solche Ohrstöpsel gehabt, und dann habe ich nur gesehen, aber nichts gehört. Pecs das ist eine Provinzstadt, aber eine hübsche Stadt ... am berühmten Caféhausfenster konnte ich den Hauptplatz beobachten und dort habe ich mich sehr wohl gefühlt, dort habe ich sehr gut gearbeitet.

    Ich schäme mich ein wenig zu sagen, dass es ist auch damit verbunden, man hat bessere Wohnungsbedingungen, ich habe mein Büro und auch den Computer ist auch die Ursache ...
    Es ist schön und es ist klassisch mit der Hand und Stift oder einem Füllhalter zu schreiben, aber man will doch diese Möglichkeit von Korrektion haben, die der Computer anbietet. Mit dem Computer geht man nicht so gerne in ein Caféhaus."
    Ich denke, auch für Budapest kann man ähnlich wie in Paris und Wien ein so genanntes "Heiliges Dreieck" der Kaffeehäuser bestimmen: Es ist das "Central", das "New York" und das "Vörosmarty", also "Gerbeaud".
    Aber schon höre ich Protest hageln. Die einen werden das "Müvesz" , das Künstlercafé und so genannte kleine "Gerbeaud" in der Adrassy-Straße, die anderen das "Eckermann" in der Ráday utca, wieder andere das "Ruszwurm" auf der Burg oder das versunkene "Japan", das "Philadelphia" oder das berühmte Espresso "Bambi" vermissen und bevorzugen. Die "Literatenkaffeehäuser" existieren nicht mehr. Aber was bleibt, sind solche Gedichte wie Jenes von Endre Ady:
    Gib du mir deine beiden Augen,
    Dass ich sie in mein Antlitz grabe,
    Damit ich selbst mich lieber habe.
    Gib du mir deine beiden Augen,
    Den blauen Blick, der immer traut -
    Verzeiht, verschönt, was er schaut.
    Gib du mir deine beiden Augen,
    Die töten, segnen, die sich sehnen,
    Die Augen, die mich prächtig wähnen.
    Gib du mir deine beiden Augen
    Mich selber lieb´ich, lieb´ich dich,
    Und um dein Aug´ beneide´ ich dich.