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Elementarteilchen

Vormweg: Monsieur Houellebecq, während Ihrer Lesereise durch Deutschland, waren da die Reaktionen auf Ihren Roman "Elementarteilchen" anders als in Frankreich?

Christoph Vormweg | 26.11.1999
    Vormweg: Monsieur Houellebecq, während Ihrer Lesereise durch Deutschland, waren da die Reaktionen auf Ihren Roman "Elementarteilchen" anders als in Frankreich?

    Houellebecq: Im Grunde nicht. Die Deutschen interessieren sich in diesem Buch in etwa für diesselben Dinge wie die Franzosen, das heißt sehr für den Sex, aber auch für die Fragen der 68er-Generation und der Genetik. Die Zentren des Interesses sind also in etwa dieselben, die Reaktionen [in Deutschland] waren aber weniger stürmisch, weniger leidenschaftlich.

    Vormweg: Ihre Protagonisten, die Halbbrüder Bruno und Michel, sind extreme Charaktere: ein Sexmaniker und ein autistischer Wissenschaftler. In welcher Weise sind sie Ihrer Meinung nach repräsentativ für die Situation des Individuums in der westlichen Welt?

    Houellebecq: Sie symbolisieren viele Gegensätze, so auch den zwischen wissenschaftlicher und literarischer Kultur, der in Frankreich sehr stark ist, weil ziemlich früh zwei praktisch unversöhnliche Denkweisen herausgebildet werden. Und es stimmt, daß sie auch zwei Einstellungen zur Sexualität versinnbildlichen: die erste besteht darin, sie - trotz allem - zu suchen, die zweite, sie aufzugeben. Zu beobachten sind diese beiden Einstellungen bei Männern um die vierzig.

    Vormweg: Sie beschreiben vor allem Verlierer, Häßliche, Alte, emotinal Zerstörte. Anders als in Ihrem ersten Roman "Ausweitung der Kampfzone" gibt es in "Elementarteil-chen" aber Spuren von Hoffnung. Bruno erlebt intensive Momente mit einer neuen Geliebten, Michel trifft seine Jugendfreundin wieder. Doch letztlich scheitert alles. Ist die Liebe heute nur noch eine armselige Illusion?

    Houellebecq: Nein, nein, die Tatsache, daß das scheitert, ist weniger wichtig als die Tatsache, daß es hätte gutgehen können. In meinem ersten Roman sieht man in der Tat überhaupt nicht, was werden könnte. Im übrigen gibt es da keine wirkliche Frauengestalt. Und die Tatsache, das sich vielleicht etwas abspielen könnte, ist wichtiger als das, was letztlich geschieht. Gewiß, die Dinge scheitern, aber sie scheitern nur knapp. Also, ich glaube nicht, daß die Liebe eine Illusion ist.

    Vormweg: Im Figaro haben Sie gesagt, ein Romancier müsse "richtig gemein" sein, um "wahr" zu sein, er müsse "den Finger auf die Wunde legen" und "drücken, so fest es geht". Könnten Sie diese Haltung erklären?

    Houellebecq: Jedes Mal, wenn man auf etwas zu sprechen kommt, das niemand hören will, spürt man, daß das gut ist. Es gibt Dinge, über die jeder mehr oder weniger Bescheid weiß, ohne sie zum Ausdruck zu bringen. Aber dadurch, daß man sie nicht zum Ausdruck bringt, sind sie einem schließlich nicht mehr bewußt. Es bildet sich also eine Art Schizophrenie heraus. Und es stimmt, daß es zum großen Teil Aufgabe des Romanciers ist, diese Schizophrenie zu zerstören, das heißt den Lesern Dinge klar zu machen, die sie nicht wahrnehmen wollen. In vielem ähnelt das Tun des Romanciers dem der quälerischen Mönche, die ständig verkündeten: Erinnere dich, daß du sterben wirst. Unangenehme Dinge zu sagen, gehört also untrennbar zu seiner Arbeit.

    Vormweg: Es gab vor allem Kontroversen über das Ende Ihres Romans, wo Sie das Klonen des Menschen und das freiwillige Verschwinden der Menschheit am Ende des 21. Jahrhunderts beschreiben. Die Eugenik - Sie merken es im Roman selbst an - ist ein heikles Thema, vor allem in Deutschland. Befürwortern der Eugenik - die Diskussion um den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk hat es gezeigt - wird automatisch eine rechte, ja eine totalitäre Einstellung vorgeworfen. Haben Sie diese Reaktion erwartet?

    Houellebecq: Nein, nicht wirklich. Ich weiß nicht, aber es ist doch eigenartig, denn an sich ist die genetische Verbesserung der menschlichen Spezies doch eher ein fortschrittliches als ein reaktionäres Vorhaben. Aber die Leute unterscheiden nicht genug zwischen positiver und negativer Eugenik.

    Vormweg: Welchen Nerv haben Sie bei den Lesern mit dem Ende des Romans getroffen? Warum all die erregten Reaktionen, vor allem von Seiten derjenigen, die mit den Ideen von 68 sympathisieren?

    Houellebecq: Ich glaube nicht, daß das so viele 68er-Sympathisanten sind, das ist etwas Aktuelleres, eine Art fundamentalistischer Ökologismus, der sich heimlich, still und leise ausgebreitet hat und dessen Ausgangsidee ist, daß das Natürliche überlegen ist und nicht verändert werden darf. Man soll das Biotop nicht verändern, man soll keine genetisch veränderten Organismen herstellen. [...] Aber das ist später als 68, das hat vor kurzem in den angelsächsischen Ländern angefangen. Es gibt in unserer Gesellschaft eine anti-technologische Bewegung mit wachsendem Einfluß, die mir beunruhigend erscheint.

    Vormweg: Es gab Kritiker, die das Ende Ihres Romans als eine quasireligiöse Erlösungsphantasie interpretiert haben, als eine letztlich inhumane Phantasie. Was meinen Sie dazu?

    Houellebecq: In Wirklichkeit ist der Begriff der menschlichen Natur nicht sehr klar. Seit ihren Anfängen hat sich die Menschheit verändert, das heißt, sie kann sich weiter verändern. Alles in allem mag ich Nietzsche nicht sehr, doch wenn er sagt, daß die Menschheit die einzige Gattung sei, deren Typus noch nicht festgelegt ist, dann finde ich das richtig, und es schockiert mich nicht sonderlich, das zu hören. Es gibt keinen wirklichen Grund, die Evolution der menschlichen Natur zu stoppen, und das will letztlich auch niemand. Es spricht für mich nichts dagegen, eine genetische Evolution in Betracht zu ziehen. Wenn man der Opposition zu dieser Idee auf den Grund geht, offenbart sich ein neuer, quasi-religiö-ser Terror, der auf einer Art Religion der Natur basiert.

    Vormweg: Zu welchem Zeitpunkt haben Sie die Idee gehabt, die Perspektive des 21. Jahrhunderts in den Roman aufzunehmen, eine Perspektive, die typisch für die Science-Fiction-Literatur ist?

    Houellebecq: Ziemlich spät, glaube ich. Übrigens hätte ich Prolog und Epilog beinahe verworfen. Der Roman hätte auch so sehr gut standgehalten. Doch es schien mir interessant, eine Perspektivierung der Menschheit im Vergleich zu anderen möglichen Menschheiten zu wagen.

    Vormweg: Hat die Polemik der Medien Ihre Haltung gegenüber den Medien geändert?

    Houellebecq: Nicht so sehr, nein, ich bin vielleicht blasierter. Es gab immerhin Leute, die sehr hart waren. Niemand will gerne hören, daß er frauenfeindlich ist, faschistisch oder was weiß ich noch alles. Aber man gewöhnt sich daran, es kann einem Schlimmeres im Leben passieren. Gut, manchmal ist es unangenehm, aber man gewöhnt sich daran. Im übrigen bin ich verteidigt worden, das heißt, eine gute Polemik in den Medien spielt sich nicht zwischen mir und den Medien ab, sie spielt sich zwischen verschiedenen Vertretern der Medien ab. Das ist eher so abgelaufen. Offen gesagt, ist das nie wirklich unerträglich gewesen. Im Vergleich zu einer Polemik in den Medien ist eine körperliche Bedrohung, zum Beispiel eine Fatwa, viel schwerwiegender. Schriftsteller sein ist aber ein gefährlicher Beruf. Dessen bin ich mir seit einiger Zeit mehr oder weniger bewußt. Also mit einem Wort: es gibt Schlimmeres.

    Vormweg: In welcher Weise hat Sie der Erfolg befriedigt?

    Houellebecq: Nur in einer Weise. Denn jetzt muß ich nicht mehr zurück ins Büro. Das ist der wichtigste, sehr weit zurückreichende Punkt.

    Vormweg: Sehen Sie eine Ähnlichkeit zwischen sich und dem amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis, der in seinem Roman "American Psycho" mit der Beschreibung westlicher Dekadenzerscheinungen ja auch einen großen Skandal provoziert hat?

    Houellebecq: Ja, ich finde, es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten. Gut, wir leben in zwei verschiedenen Ländern, das heißt, die Vereinigten Staaten sind doch ein viel brutaleres Land und ein Land, wo Jugend und Schönheit viel obsessiver sind als in Westeuropa. Aber Westeuropa nähert sich den Vereinigten Staaten in vielen Punkten immer mehr an.

    Vormweg: In Ihrem ersten Roman "Ausweitung der Kampfzone" sagt der Erzähler, daß ihm das Schreiben praktisch keine Erleichterung bringe. Was Brunos Schreibversuche angeht, benutzen Sie das Wort "Ersatzhandlung". Welche Rolle spielt das Schreiben in Ihrem Leben?

    Houellebecq: Das befriedigt mich als Betätigung an sich, aber ich kann nicht sagen, daß es mich ändert.

    Vormweg: Ihr Porträt des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist bitter und mitleidlos. Gibt es in diesem Porträt eine Tendenz zur Satire, zum Beispiel gegen den vielzitierten Bildungsroman?

    Houellebecq: Meinen ersten Roman habe ich ironisch als Roman der Lehre bezeichnet, aber der des Überdrusses. Diesmal ist das Vorhaben weiter gefaßt. Letztendlich lernen die Figuren in meinen Büchern sicher nichts dazu. Oft entwickeln sich die Menschen in ihrem Leben nicht. Ihre Persönlichkeit bleibt wie eine Art unbehauener Block.

    Vormweg: Aber Sie haben schon etwas Neues in Planung?

    Houellebecq: Nein, nicht wirklich.

    Vormweg: Und Sie leben jetzt halb in Irland, halb in Paris?

    Houellebecq: Nein, im Moment bin ich ständig auf Achse. Ich habe den Eindruck überall und nirgends zu leben.