Donnerstag, 30. Juni 2022

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Emil Nolde und Dänemark

Zu den großen und erfolgreichen Malern der Klassischen Moderne zählt der Expressionist Emil Nolde. Seine Aquarelle zählen zu den ausdrucksstarken Gemälden dieser Kunstrichtung. Ab 1934 war er aber auch bekennender Nazi. In Aalborg wird das Verhältnis des Malers zu Dänemark gezeigt.

Von Marc-Christoph Wagner | 03.02.2010

Es entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie, dass Noldes Bilder in Kopenhagen ausgerechnet in einem Museum gezeigt werden, das dem französischen Impressionismus gewidmet ist. Denn als Nolde 1934 der nationalsozialistischen Bewegung beitritt, tut der 67-jährige dies nicht zuletzt in der Hoffnung, endlich als nationaler, quasi urdeutscher Künstler anerkannt zu werden.

"Meine hohen Ideale waren und sind grundsätzlich die gleichen, für die der Nationalsozialismus gekämpft hat - meine ganze Haltung ist von Liebe zu Deutschland und seinen Idealen geprägt. Heil Hitler."

Drei Jahre später werden Noldes Hoffnungen herb enttäuscht. Der Parteigenosse wird vom Regime geächtet. Von keinem anderen Künstler werden so viele Bilder aus öffentlichen Sammlungen als entartet entfernt. Wiederum vier Jahre später wird Nolde - Zitat - jede berufliche, auch nebenberufliche, Betätigung auf den Gebieten der Bildenden Künste untersagt.

Dass Nolde ein großer Künstler ist, wie es die Direktorin des Ordrupgaard-Museums Anne-Birgitte Fonsmark formuliert, gegen diese Einsicht haben sich viele Dänen lange gewehrt. Denn nördlich der Grenze wurden Noldes Avancen an das nationalsozialistische Regime aufmerksam registriert. Als dieser 1946 dem Staatlichen Museum in Kopenhagen acht Bilder vermacht, um an seine just verstorbene dänische Frau Ada zu erinnern, sträubt sich das Haus lange, diese anzunehmen - zu frisch ist die Erinnerung an die deutsche Besatzung. Zwischen Dänemark und dem Grenzkind Nolde hatte sich ein tiefer Graben aufgetan.

"Ich wünsche mir, dass man das Werk eines Künstlers anerkennen kann, auch wenn er politisch gefehlt hat. Werk und Biografie muss man voneinander trennen können, denn Ersteres ist das, was bleibt."

Und so kann auch das Kopenhagener Publikum nun die künstlerische Entwicklung Noldes mit eigenen Augen nachvollziehen. Das Ordrupgaard-Museum hat sich für eine chronologische Hängung der Werke entschieden - von den frühen Bildern der Jahrhundertwende, die deutlich skandinavische Einflüsse aufzeigen, ja, in ihrer gräulichen Melancholie etwa an einen Vilhelm Hammershøj erinnern, über Noldes farbenfrohe Experimente der Brückejahre bis hin zu seinen religiösen, grotesken, am Ende ungemalten Bildern aus der verfemten Zeit. Die Schau macht deutlich, wie sehr Nolde von seinem Aufwachsen im gottesfrommen Grenzland geprägt ist, wie die Landschaft zwischen Nord- und Ostsee ihn immer wieder gelockt hat. Auch unterstreicht die Chronologie Brüche und Sprünge auf Noldes Weg, sozusagen seine Suche nach dem künstlerischen Selbst.

"Meines Erachtens ist Nolde sehr weit entfernt von dem, was wir als dänische Tradition in der Malerei verstehen. In seinen Bilder liegt eine Gewalt, die wir Dänen nicht mit dem Nordischen verbinden, die lustigerweise Nolde selbst aber als nordisch betrachtete."

Der Kampf um Nolde ist noch nicht abgeschlossen, schrieb seine Frau Ada in einem Brief 1935 - und das Ende werden wir nicht mehr erleben. Noch 50 Jahre später hatte sich daran aus dänischer Perspektive nichts geändert, als der Künstler Per Kirkeby - selbst ein Grenzgänger zwischen Dänemark und Deutschland - mit den Werken Noldes rang und diesen als deutschen, jedenfalls nicht dänischen Künstler bezeichnete. Doch nur durch die Vergegenwärtigung der Fremdheit der Kunst hat man die Möglichkeit, sich ihr zu nähern, schrieb Kirkeby damals. Und insofern dürfte die Kopenhagener Schau den Prozess der Annäherung zwischen Nolde und seiner zweiten Heimat befördern. Nicht schlecht für ein Haus, das sich eigentlich den französischen Impressionisten widmet.