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Endspurt bei den Filmfestspielen VenedigEine Parade großer Frauenfiguren

In Venedig glänzten in diesem Jahr gleich mehrere Frauen in großen Rollen. Hauptsächlich in düsteren Filmen, in denen es um Gewalt, Verbrechen und Intrigen ging. Favoritin für den Darstellerpreis ist Olivia Colman. In "The Favourite" spiele sie die Königin "zum Niederknien", sagte Katja Nicodemus im Dlf.

Katja Nicodemus im Gespräch mit Kathrin Hondl | 07.09.2018

Der Palazzo del Cinema bei den 75. Filmfestsspielen von Venedig in der Außenansicht am Abend in türkisfarbenes Licht getaucht.
Der Palazzo del Cinema bei den 75. Filmfestsspielen von Venedig (sputnik Foto: Ekaterina Chesnokova/Sputnik/dpa)
"The Nightingale" ist ein "ungewöhnlicher Kostümfilm", der um 1820 herum in Tasmanien spielt - damals eine britische Strafkolonie. Hier lebt die junge Irin Claire, gespielt von Aisling Franciosi, als quasi Leibeigene eines britischen Offiziers. Der demütigt und vergewaltigt Claire. Eines Tages werden ihr Ehemann und ihre Tochter von britischen Soldaten umgebracht. Claire wird zum "Racheengel": "Und wir sehen dann trotz aller Gewalt und Brutalität - das ist schon ein ganz schönes Gemetzel - die entstehende Freundschaft zweier entmutigter Menschen", schildert Nicodemus. Die Heldin vollziehe also eine "komplexe Entwicklung": "Ihr wird klar, was die Briten den Ureinwohnern an entsetzlicher Gewalt antun". Der Film verwendet dafür visuelle Elemente des Gothic Horror: "Es gibt schwarze Baumsilhouetten vor dem Vollmond und eigentlich eine tolle Heldin, die ihre Humanität in finsteren Zeiten bewahrt".
Kostümfilm mit verwegenen Heldinnen
Jennifer Kent ist die einzige Regisseurin, die in diesem Jahr mit einem Beitrag auf dem Filmfestival in Venedig vertreten ist. Auf der Leinwand hingegen kann man von einer regelrechten Parade großer Frauenfiguren sprechen. Am meisten überzeugt hat Nicodemus hier zum einen der Kostümfilm "The Favourite" von Giorgos Lanthimos: "Ein ganz toller Film, weil er wirklich verwegene Heldinnen zeigt": Rachel Weisz und Emma Stone spielen zwei Hofdamen, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts um die Gunst der britischen Königin kämpfen, "also mit Intrigen, Mordversuchen, Sexerpressung und Täuschungen" arbeiten. Die Königin wird gespielt von Olivia Colman, "dem Star der britischen Serie The Crown". Colman spielt, so Nicodemus, diese Königin "zum Niederknien": als "infantile Regentin, gelangweilt, verwöhnt, unberechenbar, aufbrausend". Nicodemus würde deshalb den Preis der besten Schauspielerin an alle drei Schauspielerinnen dieses Films verteilen: "Sie sollen untereinander ausfechten, wer ihn bekommt, das wäre eine schöne Fortsetzung des Films."
Jolice Aparicio als Favoritin für den Darstellerpreis
Den Darstellerpreis würde Nicodemus für die schauspielerische Leistung an Jolice Aparicio vergeben. Sie spielt in dem mexikanischen Film "Roma" von Alphonso Cuarón ein indigenes Dienstmädchen in Mexiko City: "Dieser Film ist der absolute Favorit der internationalen Kritik und auch von mir." Für Nicodemus ein "sehr poetisch(er) Film, "ein Panorama der mexikanischen Gesellschaft der 70er Jahre" über den Machismo und die Niederschlagung von Studenten-Unruhen.
Die Gegenwart durch die Vergangenheit verstehen
Viele Filme, die in diesem Jahr in Venedig gezeigt worden sind, spielen in der Vergangenheit. Nicodemus zufolge hat es auf diesem Festival noch nie "einen so hohen Anteil" an historischen "oder sagen wir mal rückblickenden Filmen" gegeben wie in dieser Ausgabe. Sie sieht darin einen Versuch der Regisseure, "die Gegenwart immer wieder durch die Vergangenheit zu verstehen": So erinnere die despotische infantile Königin in "The Favourite" an "einen anderen launenhaften infantilen unberechenbaren Regenten unserer Zeit": "Nur muss der sich eben nicht über Depeschen mit Wachssigeln" äußern, sondern tue dies über Twitter. Auch der deutsche Beitrag "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck werfe die Frage auf, ob man die deutsche Geschichte jenseits aller Schuldfragen heute "mit einem künstlerischen Erlösungsbegriff behandeln kann" und zeige ebenfalls den gegenwärtigen Umgang mit unserer Vergangenheit.