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Er wusste es

Den Fußballweltverband Fifa holen die Korruptionssünden der Vergangenheit immer wieder ein. Nun gerät Fifa-Boss Joseph Blatter in Erklärungsnot, nachdem das Schweizer Bundesgericht überraschend schnell die Veröffentlichung brisanter Akten verfügt hat.

Von Thomas Kistner | 12.07.2012

    Jetzt könnte es auch diese Salamitaktik sein, die die Fifa seit Jahren im Umgang mit der ISL-Affäre pflegte, über die Blatter stürzt. Völlig absurd wirkt er in der Causa. Die Freigabe der ISL-Einstellungsverfügung, in der neben den schmutzigen Geschäften seines Amtsvorgängers Joao Havelange und des langjährigen brasilianischen Fußballbosses Ricardo Teixeira auch seine eigene Rolle beleuchtet wird, nannte die Fifa am Mittwoch erfreulich.

    Da wähnte sich Blatter, der in dem Dokument als Person "P 1" anonymisiert ist, offenbar noch in Sicherheit. Am Donnerstag, als erste Hinweise durch die Medien geisterten, dass Blatter in dem Figur als die anonymisierte Person "P 1"klar identifizierbar sei, suchte die Fifa hastig erneut die Offensive und publizierte ein Fünf-Fragen-Interview mit dem Boss. Ja, er sei P1, räumte Blatter ein, und beharrte trotzig darauf, dass Bestechung damals ja nicht strafbar gewesen sei. Das zeigt, dass Blatter Bestechung bis heute verharmlost, dass er bis zuletzt korrupte Funktionäre geschützt hat und die Fifa damit in eine strafrechtlich dubiose Rolle trieb, weshalb sie schließlich eine Wiedergutmachungszahlung von 2,5 Millionen Schweizer Franken zahlen musste. Ob dies alles "zum Wohle des Spiels" war, die das Fifa-Motto lautet, muss nun Fifa-Chefreformer Mark Pieth überprüfen.

    Der Basler-Compliance-Experte ist selbst unter Druck wegen des Versuchs, die Organisation unter Regie jenes Mannes ethisch zu erneuern, der sie seit Jahrzehnten durch die Affären führt. Für Sylvia Schenk von Transparency International ist Blatter nicht mehr tragbar. Sie sagte am Donnerstag, sie sei "regelrecht geschockt von Blatters Aussagen". Hier ginge es nicht um Strafrechtsfragen, sondern darum, dass sich Ehrenamtliche Millionen zugeschanzt hätte - "mit Blatters Wissen". Auch sei Korruption schon in den Neunzigerjahren "zivilrechtlich nicht in Ordnung" gewesen. Der Ball liegt nun bei Mark Pieth.