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Erdgas trifft Senfgas

Über eine Strecke von 1200 Kilometer soll das deutsch-russische Prestigeprojekt schlechthin, die Gas-Pipeline durch die Ostsee, auf dem Meeresgrund verlaufen und in der Nähe von Greifswald enden. Der Bau der Wassertraße ist nicht ganz ungefährlich: Denn in der Ostsee liegen noch immer 300.000 Tonnen chemische Kampfstoffe, die nach dem Zweiten Weltkrieg versenkt wurden.

Von Isabella Kolar | 09.12.2005
    Erdgas trifft Senfgas. Das deutsch-russische High-Tech-Rohr auf dem Grund der Ostsee kreuzt in gefährlichen Gewässern, weiß Alexandra Koroleva von der Umweltgruppe Ecodefense in Kaliningrad:

    "Von Juni bis Dezember 1947 hat die sowjetische Regierung in der Ostsee 35.000 Tonnen erbeutete Chemiewaffen auf einem Gebiet von 2400 Quadratkilometern versenkt. Und das in zwei Gebieten: nördlich der dänischen Insel Bornholm 30.000 Tonnen und 5000 Tonnen 65 bis 70 Meilen entfernt südwestlich des lettischen Hafens Liepaja. Die chemischen Waffen sind verstreut, die Grenzen dieses Gebietes liegen nicht fest. "

    Insgesamt sollen 300.000 Tonnen chemische Kampfstoff-Munition und -bomben aus deutschen Wehrmachtsbeständen von den Siegermächten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee versenkt worden sein. Fliegerbomben, Granaten, Artilleriegeschosse, ganze Container gefüllt mit Giftstoffen wie Arsen, Phosgen oder Senfgas. Professor Jan Harff, Marine-Geologe am Institut für Ostseeforschung in Warnemünde.

    "Es gibt die Deponiegebiete, von denen wir genau wissen, dass diese Munition dort liegt und das Risiko ist relativ gut abschätzbar, aber man kann eben nicht ausschließen, dass auch an anderen Bereichen so etwas über Bord gegangen ist und man kann es nur dann ausschließen, wenn man wirklich sehr genau und gründlich diese Route, wo diese Pipeline verlegt werden soll, sich noch mal anschaut. "

    Die russische Petergas, ein Tochterunternehmen des vom Kreml gelenkten Gasprom-Konzerns leitet diese Untersuchungen. Zuständig für die Genehmigung von deren Ergebnissen auf deutscher Seite ist das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Dort heißt es, man werde die russischen Ergebnisse was die deutschen Gewässer betreffe gegebenenfalls noch einmal überprüfen. Denn Misstrauen ist angebracht, findet Alexej Grigoriev von der internationalen sozial-ökologischen Union in Moskau:

    "Ich habe als Gutachter an einer ganzen Reihe staatlicher ökologischer Expertisen für große Projekte teilgenommen. Das System der staatlichen ökologischen Expertise in unserem Land ist ruiniert und korrumpiert. Es ist ganz klar, dass es das Recht der Öffentlichkeit auf ehrliche und objektive Information nicht sicherstellt. Die Entscheidungen dieser Kommissionen werden sehr oft offen manipuliert. "

    Professor Emelyan Emelyanow vom Institut für Ozeanologie in Kaliningrad, der noch vor drei Jahren entschieden vor den Gefahren durch die C-Waffen gewarnt hatte, stellt heute fest, dass die Ostsee eines der saubersten Meere weltweit sei. Petergas hat ihn beauftragt, die geoökologischen Untersuchungen des Bodens entlang der geplanten Trasse durchzuführen.

    "Unsere Aufgabe ist es festzustellen: gibt es entlang der Trasse Gefahren oder nicht. Ohne unsere Expertise können sie gar nicht anfangen zu bauen. Wir haben alle einhundert Meter Wasser- und Bodenproben genommen und analysieren sie jetzt auf mögliche Verschmutzung durch chemische Kampfstoffe, daraufhin ob es Normabweichungen gibt oder nicht. "

    Die Untersuchungen haben gerade erst begonnen und laufen bis Mitte Februar, doch Emelyanow ist bereits jetzt überzeugt, dass man entlang der Pipeline-Trasse nichts finden wird. Auch deshalb fordern nicht nur russische Umweltschützer internationale Kontrolle und Zusammenarbeit. Jan Harff vom Institut für Ostseeforschung:

    "Wir müssen doch mit jeder Art Katastrophe rechnen bei solchen Dingen. Sie müssen auch mit dem Bruch der Leitung rechnen und man muss dann entsprechende Pläne aufstellen für solche Katastrophenfälle. Das Problem ist: es werden unterschiedliche nationale Interessen berührt. Das Ganze startet in Russland, kreuzt dann die finnischen Gewässer geht in die schwedischen, von den schwedischen in die dänischen und dann in die deutschen. Und aus meiner Sicht müsste eine internationale Abstimmung erfolgen der betroffenen Länder und man müsste sicherlich auch diejenigen mit einbeziehen, deren Länder jetzt durch die Trassenführung nicht direkt betroffen sind, aber die für den Schadensfall sicherlich betroffen wären: das sind die baltischen Staaten und das ist auch Polen. "

    In einem Jahr beginnt nach dem heutigen Start der Landtrasse der Bau der Wassertrasse der Ostseepipeline. Die beteiligten Wissenschaftler glauben und die Umweltschützer hoffen, dass beim Graben fürs Erdgas kein Senfgas austritt. Überraschungen inklusive.