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Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis "Die Jury hat sich einstimmig für Adonis erklärt"

Noch nie wurde um eine Nominierung für den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis so gestritten wie dieses Jahr: Dem syrischen Lyriker Adonis werfen einige Landsleute eine zu große Nähe zum Assad-Regime vor. "Das ist eine schlichte Verleumdung", sagte Jury-Mitglied Johano Strasser im DLF. Adonis stehe für einen säkularen, demokratischen Rechtsstaat in Verbindung mit der arabischen Kultur.

Johano Strasser im Gespräch mit Beatrix Novy | 23.09.2015

Der syrisch-libanesische Dichter Ali Ahmad Said, genannt Adonis.
Der syrisch-libanesische Dichter Ali Ahmad Said, genannt Adonis. (dpa / picture alliance / Jesus Ochando)
Beatrix Novy: "Mein Thema ist der Mensch dieses Jahrhunderts, die Frage der Humanität" – ein Satz von Erich Maria Remarque und das Leitmotiv für den nach ihm benannten Friedenspreis, den seit 1991 die Stadt Osnabrück vergibt. Der erste Preisträger war Lew Kopelew. Der Friedenspreis ging seither an Historiker, Publizisten, Menschenrechtler, Schriftsteller. Aber noch nie wurde so um eine Nominierung gestritten wie dieses Jahr, um den syrischen Lyriker Adonis. Syrische Landsleute werfen ihm eine untragbare Nähe zum Assad-Regime vor und zerpflücken seinen Ruf als Verfechter einer arabischen Aufklärung, als Demokraten und Emanzipationsbefürworter, ein Ruf, für den er ja den Preis in Osnabrück bekommen soll am 20. November.

Johano Strasser ist Mitglied der Jury, die Adonis gewählt hat. Frage an ihn: Was hat die Jury denn bewogen, Adonis für den Friedenspreis zu küren? Dass er ein Syrer ist, das kann ja nun die ganze Begründung nicht sein.
Johano Strasser: Nein, natürlich nicht. Die Jury hat einstimmig sich für Adonis erklärt, weil er jemand ist, der die Auffassung eines säkularen, demokratischen Rechtsstaats, wie er in der Moderne sich im Westen herausgebildet hat, mit der arabischen Kultur verbindet. Das was manche ihm nachsagen, dass er angeblich ein Parteigänger des Assad-Regimes sei, ist völlig falsch. Ich habe hier ein Interview von ihm vom 13. 9. 2011. Da sagte er: "Ich missbillige Gewalt in all ihren Formen, wie auch immer sie von denjenigen, die sie anwenden, begründet wird. Ich ertrage sie weder von Seiten des Regimes, noch von Seiten der Gegner dieses Regimes. Ich bin für den friedlichen Widerstand, den Widerstand nach Art von Gandhi." Das ist sein Punkt und er hat sehr früh auch beim Arabischen Frühling gefragt, was ist denn eigentlich eure Alternative, und als er sah, wie erstens die USA, zweitens Länder wie Katar und Saudi-Arabien, also schwarze Despotien sich in diesen Konflikt einmischten auf Seiten der Aufstandsbewegung, da war er sehr skeptisch. Es ist eine schlichte Verleumdung zu behaupten, dass er auf Seiten der Despotien steht.
Novy: Aber was Adonis' Angst vor dem Islamismus betrifft, da hat Sadiq Al-Assam in der "FAZ" neulich behauptet, schon Anfang der 80er habe er sich für die Theokratie Irans begeistert. Und Yassin al-Haj Saleh, der jetzt im Kölner "Stadtanzeiger" geschrieben hat, wirft ihm vor, dass er eine verschwommene Sprache, einen bequemen Obskurantismus pflege, der sich hinter unklaren Formulierungen verberge. Was sagen Sie zu diesen Angriffen?
Strasser: Das ist alles ganz sicher falsch. Er sagt, Religion als führende Institution im Staat bedeutet immer Tyrannei. Er ist gegen die Religion als eine Machtinstitution, und da er auch gegen den Islam als Machtinstitution ist, ist er bei sehr vielen, die den Islam verkörpern, nicht wohlgesonnen, weil sie nur einen Islam nach ihren eigenen Machtgelüsten wollen - sehr viele. Und es ist eine ganz klare säkulare Position. Er ist für den säkularen, religiös neutralen Staat.
"Seit mehr als 50 Jahren hat er sich gegen diese Diktatur gewandt"
Novy: Kann man sagen, er ist ein Opfer der Antagonismen, die jetzt im Bürgerkrieg aufgekommen sind?
Strasser: Das kann man wohl sagen. Man muss aber auch dazu sagen, er gehört zu den wenigen Scharfsinnigen - und da würde ich auch sagen, dass ich selbst das nicht am Anfang so klar gesehen habe -, die nicht von Anfang an gejubelt haben, als der Arabische Frühling sich ausbreitete, weil er von Anfang an sah, welche Kräfte etwa in Ägypten da beteiligt waren, die Muslimbrüder, und er wusste, worauf das hinausläuft, nämlich auf eine andere Form von Despotie.
Novy: Aber es gibt Vorwürfe, die objektiv nachzuvollziehen sind, zum Beispiel, dass er keine Gräueltat des Assad-Regimes zur Sprache gebracht hat in den letzten Jahren, aber sehr wohl auch schon mal für Assad gesprochen hat. Es ist nicht das erste Mal, dass darauf bestanden wird, auch die politische von der künstlerischen Person zu trennen. Aber geht das in einer Situation, in der ein Land in Flammen steht?
Strasser: Glaube ich nicht! Tut er auch nicht. Seine oppositionelle Haltung zum bestehenden Regime in Syrien ist ja schon sehr, sehr alt. Er hat sich immer gegen diese Diktatur gewandt, seit mehr als 50 Jahren. Er musste das nicht immer noch mal neu betonen. Nur er hat immer davor gewarnt, was sind die Alternativen, und das ist ihm übel genommen worden, weil man, wie das häufig so ist in solchen historischen Situationen, eine schlichte, einfache Parteinahme will und nicht eine kritische Haltung gegenüber beiden Seiten.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.