Donnerstag, 19. Mai 2022

Archiv


Erkundungen in traum- und albtraumhaften Regionen

Norbert Miller kennt keine Berührungsängste. Er hat die "Bibliotheca Dracula" betreut, aber auch Goethe und Jean Paul ediert. Zu Millers 75. Geburtstag ist im Wallstein-Verlag der Essay-Band "Paradox und Wunderschachtel" und im Hanser Verlag die Studie "Fonthill Abbey - Die dunkle Welt des William Beckford" erschienen.

Von Richard Schroeter | 14.05.2012

Wer die über vierzigseitige Publikationsliste des Berliner Literaturwissenschaftlers Norbert Miller liest, glaubt sich in einem unüberschaubaren Textlabyrinth verirrt zu haben. Doch in gewisser Weise gibt es einen roten Faden. Man könnte die unzähligen dort angeführten Aufsätze, Artikel und Bücher als Expeditionsberichte auffassen, als die Quintessenz seiner fantastische Reisen auf der Suche nach den künstlichen Paradiesen dieser Welt. Er hat della Valles und Goethes Reisen ausführlich kommentiert wie auch die fiktionalen Irrfahrten Edgar Allan Poes und Jules Vernes. Mit Vorliebe erkundet Miller die Grenzbereiche, die traum- und albtraumhaften Regionen, die sich der Ratio entziehen. Eines seiner frühen Bücher befasst sich programmatisch mit dem Zeichner und Radierer der Kerker und Labyrinthe, Giovanni Battista Piranesi. Dessen bizarre Architekturdarstellungen deutete Miller als Beitrag zur "Archäologie des Traums" wie schon der Buchtitel verrät. Wie für den Erfinder der Psychoanalyse so ist auch für Miller der Traum der eigentliche Königsweg zum Selbst, zu den tiefer liegenden Schichten des Ichs - mithin zur Kunst.

"Meine eigentlichen Interessen gelten der Herausbildung einer jeweils an der Konventionsgrenze sich weiterspinnenden Form der Erkenntnis in der Kunst, in der Musik, in der Literatur, nur am Rande in der Philosophie."

Dabei erinnert Millers Vorgehen in mancher Hinsicht an solche Autoren wie Jorge Luis Borges oder Mario Praz, die ihre Begeisterung mit prunkvollen Zitaten und philologischen Adnoten kunstvoll zu tarnen wissen. Millers Textwelt ist bunt und ausschweifend bisweilen wie der gerade im Wallstein Verlag erschienene Band mit acht von seinen Freunden und Bewunderern sorgsam ausgewählten Essays zeigt. Sie reicht von Robinson Crusoes Insel zu Jean Pauls "flimmernder Welt", von Winckelmanns Griechenlandbild bis zu Mr. Jekyll und Mr. Hyde. Von den "Freudengärten" bis zu Arno Schmidt und Reinhard Jirgl. Im Vorwort betont Millers langjähriger Freund Michael Krüger die besonderen Qualitäten dieses unter Gelehrten selten anzutreffenden wissenschaftlichen Erzählnaturells. Gemeint ist der Versuch,

"den Umgang mit dem Buch, mit dem Autor, dem Bild, mit dem Musikstück so anzugehen, dass man dessen Besonderheit und dessen Intention und dessen oft wider den Willen des Autors Gelingen in der Sache selbst beschreibt. Das heißt : der Versuch durch die natürlich einigermaßen bekannte Welle der Sekundärliteratur, der Schlachten zwischen Mätopoi, Eutopie und Utopie und was man immer an Begriffsgespenstern, an die Stellen zu gehen, wo der Werk selber greifbar ist. Für uns noch. Und das verlangt etwas Narratives."

Ein Objekt der Begierde, dem Millers Aufmerksamkeit schon seit Langem gilt, ist der spleenige und leicht größenwahnsinnige Bauherr von "Fonthill Abbey", der englische Schriftsteller und Sammler William Beckford. Der Zeitgenosse von Goethe und Schiller, der Erbe eines Riesenvermögens wollte die Welt nach seiner Façcon gestalten und um etwas noch nie da Gewesenes bereichern. Er brenne auf beiden Seiten.

In der Geschichte stößt man immer wieder auf solche zur Maßlosigkeit neigenden Gestalten, die sich mit der Gesellschaft überworfen haben und sich gegen sie verschwören.

"Das Entscheidende bei ihm ist, nämlich zu sagen: Die Welt, die ich mir vorstelle, eine Welt ganz nach meinem Gesetz, eine Welt über die ich herrsche und in die niemand eindringen kann, diese baue ich als eine der Schöpfung, der Realität entgegengesetzte Welt auf, eine Gegenwelt, was bei Baudelaire dann mit Hinblick auf solche Autoren 'Les Paradieses Artificielles' heißt, das heißt der künstlichen Paradiese, in denen die Kunst ihrer Machtvollkommenheit der Wirklichkeit und der Geschichte und der Determinierung entgegentritt. Er steht sozusagen am Anfang einer Bewegung, die sich immer wieder mittelbar auf ihn bezieht. Stephane Mallarmé hat eine der großen Ausgaben betreut und mit einem berühmten Vorwort versehen."

Größenwahn, Traum und Exzess, Utopie, Orient und Märchenwelt. Das alles beschwört Beckford in seinem legendären Roman "Vathek", der 1786 erschien. In dem Protagonisten, dem "neunten Kalifen Vathek aus dem Haus der Abbassiden" dem absolutistischen Herrscher, spiegelt der reiche aber ohnmächtige Bürger Beckford sein Begehren ins Uferlose wider. Beckfords "Vathek"-Roman ist jedoch nicht vollständig:

"Es gibt im Nachlass zweieinhalb große Episoden. Wenn man die dazu nimmt, ist es ein Roman von 500 Seiten und nicht von 200. Und wenn man alles, und wenn man einen Teil der Übersetzungen, - er war er erste englische Übersetzer, der '1001 Nacht' aus dem Original übersetzen konnte - mit achtzehn. Dazu hat er einen großen Teil von Übersetzungen geschrieben, in denen er weiter schreibt. Das zusammen, die übrigen Romane sind nicht interessant, wäre ein umfangreicher Band."

Aber Beckford hat nicht nur dieses einzigartige Buch hinterlassen.

"Es gibt von ihm mit sechzehn geschriebene hinreißende Briefe. Und es gibt eine große nie gedruckte, wohl nie gedruckt werdende Korrespondenz, die nun seine homoerotischen Lebenswelten beschreibt, die sich über viele Jahre hinziehen, die wiederum mit portugiesischen, italienischen, spanischen Einschlägen geschrieben ist. Von denen kennen wir nichts - es sind viele tausend Briefe."

Von literarischer Bedeutung sind auch Beckfords Reiseschilderungen. Er fühlte sich wie ein Verfemter und war viele Jahre unterwegs. Er bereiste Frankreich, Deutschland und Italien. Er hielt sich für längere Zeit in der Schweiz und in Portugal auf.

"Und neben dieses Werk treten seine wirklich in ihrer Weise einzigartigen Prosadichtungen, einzigartigen Reisebeschreibungen. Und das sind ihrerseits nicht einfach Reiseberichte, sondern Reisedichtungen. Alle auf Englisch geschrieben, in einem ebenfalls idiomatischen und sehr eigenwilligen Englisch, fast tausend Seiten noch einmal, ein wunderbarer früher Bericht mit dem charakteristischen Titel: 'dreams, waking thoughts, and incidents of travel', Träume, Tagesgedanken und Reiseabenteuer als eine idiosynkratische Mischung, in der jeder Satz das eine oder das andere sein kann."

Das alles ist vorhanden.

"Nicht mehr vorhanden ist nur das Schloss. Es war das größte. Der Turm, das Wohnzimmer hatte eine Scheitelhöhe von 45 Meter. Der Turm darüber war so hoch wie der Martinsdom in Landshut oder das Ulmer Münster, und dies alles ist eingefallen und ist heute kaum noch wiederherstellbar. Die Sammlungen, 178 Gemälde in der National-Gallery in London, sind aus dem Besitz von Beckford. Es ist ein seltsamer Zeitgenosse."

Nobert Miller: Fonthill Abbey - Die dunkle Welt des William Beckford.
Hanser Verlag, mit zahlreichen Abbildungen, 320 Seiten, Preis: 21.90 Euro

Nobert Miller: Paradox und Wunderschachtel - Essays.
Mit einem Vorwort von Michael Krüger und einer Bibliografie von
Timm Reimers
Herausgegeben von Markus Bernauer u. a.
Wallstein Verlag, 309 Seiten mit 7 Abbildungen, Preis: 24 Euro