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Erzwungene Abtreibung

Chinas Ein-Kind-Politik steht seit Jahren in der Kritik. Denn immer wieder kommt es vor, dass Schwangere zu Abtreibungen gezwungen oder Paare gegen ihre Willen sterilisiert werden. Nur selten setzen sich die Betroffenen öffentlich zur Wehr.

Von Ruth Kirchner | 25.04.2009

Ein einfaches Haus in einer ruhigen Seitenstrasse von Qian'an, einer Kleinstadt in der Provinz Hebei. Im Hausflur stapeln sich Kohlköpfe; im Innenhof befindet sich eine Gemeinschaftstoilette - für alle Hausbewohner.

In einer winzigen, unbeheizten Einzimmerwohnung im Erdgeschoss wohnen Jin Yani und ihr Mann Yang Zhongchen. Von hier aus führen die beiden seit Jahren einen Kampf - sie wollen sich wehren, gegen das, was ihnen angetan wurde. Vor mehreren Jahren war Jin schwanger. Die junge Frau freute sich auf die Geburt ihres Kindes, ein kleines Mädchen, das sie Yang Ying nennen wollte. Doch dann, kurz vor der Geburt, wurde ihr Traum von einem glücklichen Familienleben für immer zerstört.

"Es war am 7. September, abends. Ich war bei meinen Schwiegereltern und hatte mich bereits hingelegt, als wir ein Geräusch am Tor hörten. Meine Schwiegermutter ging nachschauen. Auf einmal waren lauter Leute im Zimmer. Jemand schrie mich an: 'Wer hat dir erlaubt, ein Kind zu bekommen?' Dann wurde ich zu einem Minibus geschleift. Ich wusste nicht, wohin man mich bringen würde. Ich kannte niemanden von diesen Leuten."

Sie sei zur örtlichen Familienplanungskommission gebracht worden, erzählt Jin weiter. Dort habe sie dann eine Spritze bekommen, die ihr ungeborenes Kind tötete.

"Ich wurde in ein Behandlungszimmer gezerrt, mehrere Leute in Arztkitteln hielten mich fest und verpassten mir eine Spritze. Zuvor hatte ich auf Knien darum gebettelt, mein Kind behalten zu dürfen. Ich sagte, ich wolle Mutter sein und ein Kind haben. Ich sagte, ich würde jede Strafe zahlen, 10.000 oder 20.000 Yuan, aber sie sagten..."

Jins "Vergehen" war eigentlich nur eine Lappalie: Ihr fehlte ein Formular, das sie zur Geburt eines Kindes berechtigt hätte. Das Formular aber hatte sie nicht bekommen, denn zum Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft war sie noch keine 20, damit noch nicht berechtigt, zu heiraten. Nach der Hochzeit, als Jin dann schon im vierten Monat war, gelang es dem Paar trotz vieler Bemühungen nicht, die Schwangerschaft wie sonst meist üblich nachträglich legalisieren zu lassen.

Ihr Fall wirft ein Schlaglicht auf die manchmal brutale Praxis der Geburtenkontrolle in China. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber Menschenrechtsgruppen gehen davon aus, dass Zwangsabtreibungen und andere Zwangsmaßnahmen vor allem in abgelegeneren, ländlichen Regionen immer noch vorkommen.

Dort herrschen vielerorts Willkür und Vetternwirtschaft. Beamte stehen unter Druck. Se müssen die vorgegebenen Geburtenraten einhalten - und das fördert den Missbrauch. Denn Fälle, wie den von Jin und Yang, dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben, sagt Familienplanungsexperte Wu Cangping von der Volksuniversität in Peking.

"Es ist verboten, schwangere Frauen zu Abtreibungen zu zwingen. Ja, es kommt manchmal vor, vielleicht in einem von tausend oder in einem von hundert Fällen. China ist groß. Keiner kann alles kontrollieren. Aber Zwangsabtreibungen sind gesetzlich verboten."

Das Gesetz hat Jin und Yang nicht geschützt. Zwei Tage nach der Spritze musste sich Jin einer brutalen Prozedur unterziehen, bei der das tote Baby entfernt wurde. Jin kann vermutlich keine Kinder mehr bekommen. Und obwohl das Recht auf ihrer Seite ist, kämpfen sie und ihr Mann seit nunmehr acht Jahren um Entschädigung und eine Bestrafung der Verantwortlichen.

Was also nützt ein Verbot von Zwangsabtreibungen, wenn ein Verstoß gegen bestehende Gesetze nicht geahndet wird?

Immerhin gelang es dem Ehepaar, die örtlichen Behörden zu verklagen. Jahrelang hatte Yang dafür in Peking Eingaben gemacht, bis das örtliche Gericht in seinem Heimatort den Fall annehmen musste. Als das Paar in der ersten Instanz verlor, gingen sie in Berufung und schrieben damit in China Rechtsgeschichte. Denn, so weit wie sie, hatte es noch niemand mit einer Klage gegen die Familienplanungspolitik gebracht. Bis heute aber warten sie auf ein Urteil. Yang will nicht aufgeben.

"Jeder Mensch auf der Welt will eine Familie gründen und ein normales Leben führen. Das liegt in unserer Natur. Aber sie haben unsere Familie zerstört. Das können wir nicht akzeptieren. Es gibt Ungerechtigkeiten im Leben, die ich hinnehmen kann, aber nicht diese. Warum dürfen andere Menschen Kinder haben, aber wir nicht? Ich glaube daran, dass alle Menschen gleich sind. Ich habe auch Rechte. Aber die haben sie uns genommen. Schau uns doch an: Wir haben kein Kind, meine Frau ist krank, wir sind keine normale Familie und wir haben keine Gerechtigkeit erfahren."

Doch Yang weiß auch, wie heikel es sein kann, sich mit den Behörden anzulegen. In der Nachbarprovinz Shandong hatte der bekannte blinde Aktivist Chen Guangchen vor einigen Jahren zahlreiche Fälle von Zwangsabtreibungen dokumentiert und betroffenen Frauen juristischen Beistand geleistet. Seit 2006 sitzt er im Gefängnis - verurteilt zu einer vierjährigen Haftstrafe wegen, so die offizielle Begründung, "vorsätzlicher Behinderung des Straßenverkehrs".

Chinesische Experten verteidigen unterdessen die Geburtenkontrolle. So wie Professor Wu von der Volksuniversität in Peking. China habe nur begrenzte natürliche Ressourcen, sagt er, sein Land müsse schon von daher den Bevölkerungszuwachs kontrollieren. Ohne strikte Familienplanung wäre seiner Meinung nach der wirtschaftliche Aufstieg Chinas auch nicht möglich gewesen:

"Ich denke, die Politik war sehr erfolgreich. Andernfalls hätte China heute 400 Millionen Menschen mehr zu versorgen. Ohne den Rückgang der Geburtenrate hätte es China nie geschafft, die Werkbank der Welt zu werden oder so vielen Menschen eine bessere Bildung zu ermöglichen. Viele Menschen hätten nicht in die Städte ziehen können, um dort zu arbeiten. Die Frauen hätten auf dem Land bleiben müssen, um die Kinder aufzuziehen."

Professor Wu betont, dass die Ein-Kind-Politik schon längst gelockert sei. So dürfen Paare auf dem Land ein zweites Kind haben, wenn das erste ein Mädchen war.

Die "liberalere" Handhabung kennt indes Grenzen. Immer wieder kommt es zu Zwangsmaßnahmen. Erst im November war in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang der Fall einer jungen Frau publik geworden. Sie sollte zur Abtreibung ihres dritten Kindes gezwungen werden. Erst auf internationalen Druck hatten die Behörden dann von ihrem Vorhaben abgelassen.

Ein anderes Beispiel: Im südchinesischen Guangxi war es vor zwei Jahren zu Ausschreitungen gekommen. Tausende von Bauern randalierten vor dem Gebäude der örtlichen Familienplanungskommission. Rund 60 Frauen sollen dort zuvor zu Spätabtreibungen gezwungen worden sein. Immerhin: Mehrere Beamte wurden schließlich gefeuert.

Im Fall von Jin Yani und Yang Zhongchen wurde jedoch bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen. Die beiden haben ihre gesamten Ersparnisse für die Finanzierung der Gerichtsprozesse aufgebraucht. Yang hofft auf ein Wunder.

"Wir wollen den Fall jetzt so schnell wie möglich abschließen. Meinetwegen auch mit einem Vergleich. Es zieht sich schon so lange hin. Und egal, was letztlich dabei herauskommt oder was die Zukunft bringt: Die schlimme Vergangenheit wird uns nicht mehr loslassen."
Während ihr Mann spricht, sitzt Jin Yani ernst und schweigend daneben. Dann kramt sie ihr Hochzeitsfoto hervor, auf dem sie glücklich und erwartungsvoll in die Kamera blickt. Die gerichtliche Klage, sagt sie leise, sei sie Yang Ying schuldig: der Tochter, mit der sie schwanger war - die sie nie gesehen hat und nie in den Armen halten durfte.