Montag, 27. Juni 2022

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Film "Night Moves"
Psychogramm des Öko-Terrorismus

Von Christoph Schmitz | 09.08.2014

Die amerikanische Filmregisseurin Kelly Reichardt ist bekannt für ihren ästhetischen Minimalismus. Der ist allerdings nicht stilisiert. Er ist nicht unmittelbar spürbar, ein ausgesprochener Kunstwille wird nicht gleich sichtbar. Alles wirkt vielmehr normal, verstörend normal, auch in ihrem jüngsten Film "Night Moves". Statt von Minimalismus würde man deswegen besser von einem Normalismus sprechen, der aber sehr genau und bis ins Detail inszeniert ist.
Normale Menschen treten in "Night Moves" auf, junge Erwachsene in einer bewaldeten Hügellandschaft in Süd-Oregon. Josh wohnt in einer tipiartigen Hütte auf einem Bio-Bauernhof. Eingefleischte alternative, freundliche, ruhige, reflektierte Menschen leben hier in einer Genossenschaft zusammen. Dena arbeitet in einer Wellness-Oase in naturnahem Design. Mit den Bildern, die Kelly Reichardt für die Hof-, Sauna- und Naturszenen wählt, könnte man auch eine schliche Provinzgeschichte erzählen, und doch lauert in jeder Szene eine unterschwellige Bedrohung, etwa wenn Josh eine tote Hirschkuh von der Straße zieht und feststellt, dass sie trächtig ist und das Junge wohl noch lebt, oder wenn bei einer Bootsfahrt die abgestorbenen Bäume am Stauseerand in den Blick kommen.
Mit der Staumauer und dem gigantischen Abflussrohr setzt Kelly Reichardt gleich zu Beginn ihres Films ein deutliches Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt und Schlimmes zu erwarten sein könnte. Dünne und immer stärkere Wasserstrahlen sprühen aus dem rostigen Rohr hervor, schließlich eine gewaltige Fontäne, und oben am Geländer steht Josh und schaut mit verschlossener Mine zu. Irgendwann weiß man, was sich hier entwickelt, ein Terroranschlag ökologischer Fanatiker, wie dieser Josh einer ist und seine Kumpanin Dena.
Schuldgefühle und Panik zeigen sich in der Mimik
Mit Harmon im Bunde ziehen sie die Aktion durch, sprengen die Staumauer und nehmen den Tod Unschuldiger in Kauf. Die spektakuläre Sprengung und die Überflutung zeigt Kelly Reichardt allerdings nicht. Streng bleibt sie bei ihrem Normalismus. Kein einziger Toter, keine Tierkadaver, keine verwüsteten Landschaften oder Siedlungen sind zu sehen. Den Thriller vermittelt Reichardt subkutan. Um das Spektakel geht es in keiner Sekunde. Bei ihr dreht sich alles um die Attentäter Josh, Dena und Harmon. Den Schock angesichts ihrer Tat liest man zunehmend in ihren Gesichtern, vor allem bei Josh und Dena. Schuldgefühle, die Angst davor, entdeckt und verurteilt zu werden, und Panik zeigen sich in ihrer Mimik und in ihren Bewegungen. Sie können die brodelnden Emotionen nicht mehr kaschieren. Aber auch hier bleibt der Film sehr distanziert. Dass Dena in höchstem Maße irritiert ist, zeigt sich auf ihrer Haut. Der Ausschlag an Hals und Armen wird immer stärker.
Dena wird zum Sicherheitsrisiko für die Terrorbande. Der nette Josh greift zum letzten Mittel. Kelly Reichardt zeigt die Entwicklung ihrer Protagonisten psychologisch äußerst genau und entwirft das Porträt von Menschen, deren Weg in die Selbstzerstörung führt. Dass ihre Taten inakzeptabel, dumm und zwecklos sind, muss der Film nicht groß diskutieren. Joshs Nachbarn in der Bio-Genossenschaft haben den Irrtum mit wenigen Dialogen schnell entlarvt. Kelly Reichardt ist mit "Night Moves" ein intensives Kammerspiel gelungen und zugleich das Psychogramm eines Provinz-Terrorismus samt seiner monströsen Folgen.