Mittwoch, 01. Februar 2023

Archiv

Filmfestspiele Cannes
#MeToo an der Croisette

Die 71. Filmfestspiele von Cannes sind eröffnet. Das Festival an der Croisette steht dieses Jahr ganz im Zeichen von #MeToo. Filmproduzent Harvey Weinstein, der die Debatte entfachte, war hier Stammgast. Rund um das Festival geht es auch um Geschlechtergerechtigkeit.

Maja Ellmenreich im Gespräch mit Antje Allroggen | 08.05.2018

    Klare Anweisung auf Handzetteln in Cannes: "Lasst uns nicht die Feier verderben! Stoppt Belästigungen!"
    Klare Anweisung auf Handzetteln in Cannes: "Lasst uns nicht die Feier verderben! Stoppt Belästigungen!" (Deutschlandfunk / Maja Ellmenreich)
    Die 71. Filmfestspiele von Cannes eröffnen mit einem Psychothriller des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. In den Hauptrollen Penelope Cruz und Javier Bardem. Same procedure also: großes Staraufgebot auf dem roten Teppich.
    Doch der 71. Cannes-Jahrgang ist auch das Jahr eins nach den Enthüllungen um US-Produzent Harvey Weinstein. Er war jahrelang Stammgast beim wichtigsten Filmfestival der Welt; und auch dort, an der Croisette, soll er sexuell übergriffig geworden sein und seine Macht rücksichtslos ausgespielt haben. Thierry Frémaux, der langjährige Festivalchef von Cannes, hat die Weinstein-Enthüllungen als "Erdbeben" bezeichnet. Die Welt werde danach nicht mehr so sein wie sie war, so Frémaux.
    In Cannes bleibt es bislang bei Handzetteln, die verteilt werden, darauf die Nummer einer Hotline, an die man sich wenden kann bei Übergriffen und Belästigungen. Eine schwarze Fliege, wie sie hier zum Dresscode gehört, ziert diesen Zettel. Und dazu der Spruch: Lasst uns nicht die Feier verderben! Stoppt Belästigungen!
    Schweden als Quoten-Vorbild in der Filmindustrie
    Mit dem Thema "Geschlechtergerechtigkeit" beschäftigt sich eine Reihe von Veranstaltungen – zum Teil sind die schon Tradition hier in Cannes, aber erst jetzt, in #MeToo-Zeiten, werden sie richtig wahrgenommen. Zum Beispiel lädt das "Schwedische Filminstitut" zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion ein: Da wird die französische Kulturministerin Francoise Nyssen mit der schwedischen Kultur- und Demokratieministerin Alice Bah Kuhnke darüber sprechen, was gegen ungleiche Chancen und ungleiche Behandlung in der Filmindustrie unternommen werden kann. Die Schweden teilen schon seit einigen Jahren ihre Filmförderung paritätisch auf.
    Das Festival selbst ist von Geschlechtergerechtigkeit weit entfernt: Mit nur drei Regisseurinnen in einem Wettbewerb, der 21 Filme umfasst, ist das in der Tat ein lausiger Schnitt. Aber Frémaux betont immer wieder, er sei für "positive Diskriminierung" nicht zu haben. Kein Film einer Frau werde in den Wettbewerb genommen, nur weil er von einer Frau sei. Seiner Meinung nach bilde Cannes nur die Verhältnisse der Branche ab: Damit appelliert er an die Filmhochschulen, die Studios, die Produzenten.
    Cate Blanchett wünscht sich mehr Frauen im Wettbewerb
    Aber er klopft sich auf die Schulter für seine weiblich-dominierte Wettbewerbsjury in diesem Jahr: mit 5 Frauen und vier Männern. Und an der Spitze die australische Schauspielerin Cate Blanchett, eine prominente Stimme der "Time's Up"-Bewegung – die sich für Gleichheit im Filmgeschäft stark macht und Spenden sammelt für betroffene Frauen, um sich Rechtsbeistand zu holen. Ob sie sich also mehr Frauen im Wettbewerb wünsche? Absolut.
    Zudem gibt es neue Regeln in Cannes: Es gibt keine Vorab-Pressevorführungen mehr, die insbesondere den Zeitungskritikern den nötigen Zeitvorsprung verschafft haben, damit ihre Rezensionen nicht völlig verspätet erst in gedruckter Form erscheinen. Alle – Gala-Gäste und Journalisten – schauen zur selben Zeit einen Film. Das soll der Gala wieder mehr Glanz verschaffen und vermeiden, dass über schlechte Filme schon bereits gesprochen wird, während die Filmcrew noch über den roten Teppich geht. Das ist natürlich der Versuch, die Twitter-Schnelligkeit unserer Tage auszubremsen. Ein fragwürdiges Unterfangen – so wie ja auch der diesjährige Knatsch und letztendlich Ausschluss von Netflix als ein Zeichen zu deuten ist, dass Cannes die Augen verschließt vor den Neuerungen der modernen Welt, insbesondere der Kinowelt.
    Lars von Trier darf wieder nach Cannes kommen
    Der Wettbewerb selbst ist gewohnt vielfältig. Mit Spannung wird sicherlich der Film von Jafar Panahi erwartet, der in Teheran trotz Berufsverbot einen neuen Film gedreht hat. Und die Arbeit von Kirill Serebrennikow, der im Moskauer Hausarrest seinen neuen Film geschnitten hat. Ob die beiden nach Cannes kommen können, ist mehr als fraglich. Natürlich wird auch Lars von Trier mit großer Neugier erwartet – allerdings läuft sein Film außer Konkurrenz. Von Trier hatte ja sieben Jahre lang sozusagen "Hausverbot", trug den Titel "persona non grata", nachdem er bei einer Cannes-Pressekonferenz erklärt hatte, er "sympathisiere ein bisschen mit Hitler". Sieben Jahre später ist Lars von Trier also wieder zurück.