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Fluglärm-Demos gehen unvermindert weiter

In den Ferien fielen die Mahnwachen am Frankfurter Flughafen kleiner aus, doch nun ist der Protest gegen die zehn Monate alte Nordwest-Landebahn wieder voll entbrannt. Zur 29. Montagsdemonstration versammelten sich rund 2000 Gegner in der Abflughalle.

Von Anke Petermann | 14.08.2012

    "Über den Dächern, ja da krachen die Flugzeuge rein ..."

    Dass die Männer vom Flörsheimer Volksliederbund von 2000 Mitsängern und Bongos begleitet werden, kommt selten vor. Für ihren Auftritt auf der ersten Montagsdemo am Frankfurter Flughafen haben sie den Reinhard Mey-Chanson umgetextet, "über den Dächern" heißt er jetzt,

    "Ja, da krachen die Flugzeuge rein, / machen Angst und machen Sorgen, / wecken um fünf Uhr morgens, / denn dann fliegen tief sie von Westen herein, / und die Nacht ist vorbei."

    So erlebt es Manfred Heibel in Flörsheim am Main – in der Einflugschneise der neuen Nordwest-Landebahn. Bei Ostwind donnern die Flieger in 240 Metern Höhe über sein Haus – ab fünf Uhr Früh im Anderthalb-Minuten-Takt bis 23 Uhr.

    "- "Vor einigen Wochen habe ich ein Herzproblem gehabt und musste ins Krankenhaus – mit dem Lärm hat das zusammengehangen."
    – "Wer sagt das?"
    - "Die Ärzte sagen das, ich kann's ja nicht sagen, ich weiß es ja nicht.""

    Nicht unbedingt ursächlich sei der Fluglärm für sein Herzproblem, meinten die Mediziner, er trage aber dazu bei, es zu verschärfen. Der Flörsheimer Manfred Heibel singt gegen den Stress an, die Frankfurterin Monika Plottnik marschierte eines Morgens nach einer tagelangen Westwind- gleich Fluglärm-Phase auf die Sachsenhäuser Polizeiwache und erstattete Anzeige gegen den Chef der Flughafenbetreibergesellschaft Fraport. Wegen Körperverletzung. Ob sie ein Attest vorweisen könne, fragte der Polizist nur. Ja, das könne sie.

    "Bei mir wurde ein akuter B 12-Mangel festgestellt, und das Vitamin B 12 ist ein wichtiges Vitamin für die Nerven und den Schlaf und die Erholung. Und wenn man Stress hat, geht eben dieser Pegel nach unten, was wohl damit zusammenhängen kann, dass ich durch den Fluglärm einfach nicht genügend Schlaf bekomme, denn das Oropax verrutscht gegen Morgen. Und um fünf Uhr bin ich wach und sitze im Bett und habe Mühe, wieder einzuschlafen. Abends ist es genau das gleiche, also vor 23 Uhr ist an Schlaf nicht zu denken. Und sechs Stunden Schlaf sind zu wenig. So kann das nicht bleiben, meine Gesundheit ist extrem beeinträchtigt."

    Carola Gottas, Mutter von zwei Mädchen im Alter von Zwei und Fünf, bewohnt in Hochheim am Main eine Dachwohnung und überlegt, mit ihrer Familie wegzuziehen. Demnächst fährt sie mit den Töchtern erstmal an die Nordsee.

    "Wir haben im Frühling eine Kur beantragt wegen Fluglärm, weil wir in der Einflugschneise wohnen. Und die wurde von der Krankenkasse genehmigt. Wenn alle 90 Sekunden ein Flugzeug kommt, dann wird man wahnsinnig. Man merkt einfach, man hat Schlafstörungen, man wird aggressiv, man kann sich nicht mehr konzentrieren, man hat Kopfschmerzen. Es lässt einen einfach nicht in Ruhe. Und wir brauchen einfach Ruhe. Und deshalb fahren wir in Kur, um einfach wieder Energie zu sammeln, zur Ruhe zu kommen und dann zu entscheiden, wie wir weitermachen."

    Fluglärm macht krank – für Tausende von Demonstranten aus dem Rhein-Main-Gebiet steht das längst fest. N90 Ärzte der gesamten Region und 70 Bürgerinitiativen protestieren deshalb dagegen, dass das vom Land Hessen getragene Umwelt- und Nachbarschaftshaus eine weitere medizinische Studie in Auftrag gegeben hat. Kosten: sieben Millionen Euro. Es sei absurd, schreiben die Ärzte in einem offenen Brief, wenn Lärm- und Abgasbelastung trotz wissenschaftlich längst belegter Gesundheitsrisiken erst rücksichtslos gesteigert werde, um das anschließend in einer Studie zu erfassen, die zudem wirksamen Schutz weiter verzögere. "Grundlagenforschung dazu brauchen wir nicht mehr", stellt von der Linke klar. Er nennt die beiden konkreten Fragen, die das Bündnis der Bürgerinitiativen mit Blick auf eine halbe Million Menschen im Einzugsgebiet des Rhein-Main Flughafens gern beantwortet hätte.

    "Wie viele Leute werden durch den Lärm am Frankfurter Flughafen krank? Und wie viele werden, wenn sich der Lärm verstärkt durch die neue Landebahn, zusätzlich krank?"