Montag, 06. Dezember 2021

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Folk-Rock von den Lumineers Musik machen aus allem, was einem passiert

Mit dem Song "Hey Ho" hat die Band The Lumineers 2012 einen großen Erfolg gelandet. Nun hat das Trio aus Denver/Colorado ihr zweites Album "Cleopatra" veröffentlicht. Die beiden Jugendfreunde Wesley Schultz und Jeremiah Fraites plus Cellistin Neyla Pekarek erzählen in ihren reduziert klingenden Songs vom Leben - und vom Sterben.

Von Bernd Lechler | 02.04.2016

Die Lumineers spielen ein Konzert in Cincinnati, Ohio
2012 veröffentlichten The Lumineers ihr erstes Album. (imago)
War schon ganz charmant, der Hit. Aber er passte so gut ins Format der Popradios, dass er einem einfach zu oft über den Weg lief. The Lumineers. Hübsch harmlose Truppe offenbar. Dann liest man, der Bruder ihres Pianisten Jeremiah Fraites (und gleichzeitig bester Freund ihres Songwriters Wesley Schultz) sei mit 19 an einer Überdosis gestorben. Und dieser Schicksalsschlag habe zur Gründung der Band geführt. Das sei etwas verkürzt, lacht Jeremiah trocken. Aber auch nicht ganz falsch. Jeremiah:
"Hätte ich die Musik nicht, ich wäre sehr selbstzerstörerisch und wütend auf die Welt. Die Musik war mir eine Religion ohne Kirche. Man kann die ganze Wut und Traurigkeit uminterpretieren. Und es verbindet einen mit Leuten, die das hören und vielleicht etwas Ähnliches erlebt haben. Von daher haben wir keine Angst, über den Tod zu singen oder über andere unschöne Seiten des Lebens."
"Krankenhaushemden sitzen immer schlecht. Wir schrien die Schwester an, das half auch nichts. 'Mehr Morphium', waren deine letzten, gestöhnten Worte. Immerhin wusste ich, du warst nicht weit weg von zu Hause."
"Long Way From Home" heißt ein Song auf dem neuen Album über das Sterben von Wesleys Schultz’ Vater. Mit dem formalen Reiz, sagt der Sänger, dass (nach Dylan’schem Vorbild) die Strophen mit immer derselben Formulierung enden - die aber jedes Mal etwas anderes bedeutet. Die Lumineers haben nicht nur was zu erzählen, sie können es auch richtig gut. Auch im "Gun Song". Wesley:
"Mein Vater ist 2008 gestorben, und kurz danach brauchte ich mal schwarze Socken, die waren Pflicht bei meinem Job als Kellner. Also griff ich in die Kommode meines Vaters - und fand eine Pistole, die ich noch nie gesehen hatte. Ich war spät dran, also nahm ich nur ein paar Socken und hetzte zum Auto und dachte: 'Großer Gott!' Der Mann, den ich liebte und bewunderte - er hatte offenbar Geheimnisse, von denen ich nichts ahnte."
Verschworenes Duo
Wesley Schultz und Jeremiah Fraites sind ein verschworenes Duo. Jugendfreunde in New Jersey, Schicksalsschläge zusammen erlebt, gemeinsam nach Denver gezogen - das dürfte für die wortkarge Dritte im Bunde nicht leicht sein: Cellistin Neya, die sie durch eine Annonce fanden. Aber sie winkt ab.
"Wir verbringen so viel Zeit zusammen, dass sich die Dynamik verändert hat. Am Anfang war ich schon vorsichtig mit dieser engen Freundschaft - aber die gewaltigsten Veränderungen in unseren Leben haben wir zu dritt erlebt, und darüber können wir uns auch mit niemand anderem wirklich austauschen", sagt sie.
Es ist bemerkenswert, wie konsequent reduziert die Songs auch auf dem neuen Album wieder klingen. Viel Platz in den Arrangements schafft umso dichtere Atmosphäre. Als prägende Einflüsse nennen sie den Alternative-Country der 90er - und ewige Klassiker:
"Ich weiß noch wie ich Jeremiah 'Exile On Main Street' von den Stones vorspielte und sagte: 'Guck mal, da waren wir noch zu jung.' Oder wie wir die Felice Brothers gehört haben. Und Bright Eyes. Und Ryan Adams. Diese Songs brachten uns zu einer Musik, die ganz und gar ohne Schnörkel war. Und menschlich."
Denkbar schnörkellos fiel auch ihr vermutlich lukrativster Song aus. Für den Science-Fiction-Film "The Hunger Games", also "Die Tribute von Panem" sollten sie einen Liedtext aus der Romanvorlage vertonen. Die meisten Bands würden sich die Hände reiben und schon mal das Video drehen. The Lumineers weigerten sich stattdessen, "The Hanging Tree" selbst zu singen, und überließen den Hiterfolg Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence. Jeremiah:
"Es wäre natürlich naheliegend gewesen, den Song selber zu singen und dann zu promoten wie blöde. Aber man muss aufpassen, dass man dann nicht 'die Hunger-Games-Band' wird. Als Künstler will man ja für alles, was man macht, anerkannt werden. Ich fand das super, denen den Song rüberzuschicken und es aus der Ferne zu genießen."
Das Leben verarbeiten
Jetzt dürfen sie nur auch nicht "die Ho-Hey-Band" bleiben. Dafür sorgt hoffentlich dieses Album. Was war anders als beim ersten? Anfangs ein bisschen Erfolgsdruck, sagen sie. Mehr Budget, sechs Monate schickes Studio. Aber letztlich geht’s darum nicht. Eher darum, das Leben zu verarbeiten und Musik zu machen aus allem, was einem passiert. Wesley:
"Ich hab dadurch auch nochmal begriffen, wie toll dieser Beruf Songwriter ist. Man teilt etwas und denkt: Dafür werden sie dich hassen. Stattdessen ist es befreiend. Zu sagen: Hey, ich bin ein Mensch. Ich war egoistisch in dieser Situation. So-und-so sah es in mir aus. Und ich werde das jetzt nicht beschönigen."