Freitag, 12. April 2024

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Franzobel zum Umgang mit Flüchtlingen
"Eine unerhörte Gefühlskälte"

Der österreichische Autor Franzobel hat sich in seinem Roman "Das Floß der Medusa" intensiv mit der Situation von Flüchtlingen beschäftigt. Der Umgang mit ihnen wie aktuell auf dem Schiff "Lifeline" empören ihn zutiefst. Dabei zeige sich eine inhumane technokratische Geisteshaltung, sagte er im Dlf.

Franzobel im Gespräch mit Michael Köhler | 26.06.2018
    Das Floß der Medusa von Théodore Géricault.
    Das Gemälde "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault gab Franzobels Roman seinen Titel (imago stock&people)
    Michael Köhler: Wer über Seenot liest oder dazu etwas im Fernsehen sieht, ist nicht in Seenot, hat aber rasch schwankenden Boden unter den Füßen. Wir stehen am rettenden Ufer und schauen dem Drama zu. Gestern war es die "Aquarius", heute die "Lifeline", morgen ist es ein anderes Boot. Inzwischen konnte die "Lifeline" einen Hafen in Malta anlaufen.
    Der Wiener Schriftsteller und Bachmann-Preisträger Franzobel hat letztes Jahr einen Roman verfasst, der sich mit der Flüchtlingsproblematik befasst. Er trägt den Titel eines sehr berühmten Gemäldes der französischen Historienmalerei von Théodore Géricault, nämlich "Das Floß der Medusa". Es ist die Geschichte einer Havarie im nachnapoleonischen Frankreich. Die Fregatte "Méduse" war vor Mauretanien 1819 havariert. Das Gemälde war Gleichnis seiner Zeit für Grausamkeit, Verantwortungslosigkeit, Inkompetenz, Zukunftslosigkeit. Heute beobachten wir wieder ein Schiff - so wie viele zuvor – nämlich die "Lifeline". Franzobel, werden wir zu verantwortungslosen Mittätern?
    Franzobel: Es ist schon eine unerhörte Gefühlskälte, die wir da beobachten können, eine inhumane technokratische Geisteshaltung, die sich da zeigt, und wir sind nicht sehr weit davon entfernt, schon wieder fast eine Kriegsrhetorik zu verwenden. Es fehlt nicht mehr sehr viel und diese Schiffe voller Flüchtlinge werden nicht nur verbal, sondern tatsächlich torpediert. Wir nehmen das mit einer unglaublichen Kälte hin, dass da Tausende an Menschen vor unseren Augen zugrunde gehen, und das ist natürlich ein enormer Widerspruch unserer Gesellschaft, wenn man bedenkt, wie wir Himmel und Erde in Bewegung setzen, wenn irgendein Kind in einen Brunnenschacht fällt oder irgendein Millionär sich in einem Gletscher verirrt. Dann tun wir alles, um diese Leute zu retten. Und in diesem Fall ist es so, dass wir diese Leute tatsächlich wie Feinde bewerten, damit die auch nur einigermaßen eine Überlebenschance haben, und das ist natürlich in meinen Augen eine völlige Ungeheuerlichkeit.
    Der Schriftsteller Franzobel
    Der Schriftsteller Franzobel (dpa/Arno Dedert)
    "Diese Bestialität ist in uns drinnen"
    Köhler: Es zeigt am Ende auch, wie erbärmlich wir selber sind.
    Franzobel: Ja. Ich glaube schon, dass da im Menschen immer noch so ein atypischer Barbar steckt, und dass es nicht sehr viel bedarf, dass dieser Barbar an die Oberfläche kommt, dass diese dünne Fairness und Zivilisation und Bildung an Humanismus sehr schnell einbrechen kann, wenn der Demagoge sagt, diese Bevölkerungsgruppe ist schuld, und eine ganze Gesellschaft, eine funktionierende Gesellschaft schlägt sich die Schädel ein und bringt dann Leute um, weil sie einer anderen ethnischen Gruppe zugehörig sind, an eine andere Religion glauben, oder vielleicht eine andere Augenform haben oder lockiges Haar oder glattes Haar oder was auch immer. Solche Aufbrüche der Bestialität erleben wir leider immer wieder. Das hat es in Ruanda gegeben, das hat es vor nicht allzu langer Zeit beim sogenannten Jugoslawien-Krieg gegeben und das hat es am Floß der Medusa auch gegeben, wo es wirklich um das nackte Überleben gegangen ist, wo es eigentlich nur drei Tage gebraucht hat, bis durchaus zivilisierte Menschen, Menschen, die dem Humanismus verpflichtet waren, die aufgeklärt waren, dass die begonnen haben, Leichen zu essen, dass die begonnen haben, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, und das ist natürlich eine Sache, die im Menschen immer noch da ist. Da ist unsere technische Entwicklung wahrscheinlich viel schneller vorangeschritten wie diese geistige Entwicklung, und das müssen wir uns, glaube ich, immer wieder vor Augen führen. Das ist, glaube ich, auch Aufgabe der Kunst, dass man es immer wieder zeigt, dass diese Bestialität in uns drinnen ist, und man muss auch immer wieder dafür sorgen, dass das nicht zum Ausbruch kommen kann.
    "Ein Gleichnis der heutigen Gesellschaft"
    Köhler: Franzobel, zwischen dem Gemälde von Théodore Géricault, das Ihrem Buch den Namen gegeben hat, und uns heute oder auch dem Erscheinen Ihres Buches liegen ziemlich genau 200 Jahre. Aber das Ganze mutet immer noch an wie ein Stück barockes Welttheater über unsere Wirklichkeit. Sie haben es erwähnt: Kannibalismus, Grausamkeiten, wir stehen am rettenden Ufer und schauen dem Schiffbruch zu als Schiffbruch mit Zuschauer.
    Franzobel: Ja, das kann man schon sagen. Beim Floß der Medusa, das ist schon auch ein Gleichnis auf die damalige Gesellschaft, aber es ist auch ein Gleichnis auf die heutige Gesellschaft. Angeführt worden ist das Ganze von einem sehr unfähigen Kapitän, der in seinem Leben überhaupt noch nie zuvor ein Schiff kommandiert hat. Er war ein Adeliger, ist dann nach der Französischen Revolution geflohen. Dann ist er zurückgekehrt, war Zolloffizier, aber immer Monarchist, hat dann Briefe geschrieben an alle möglichen Ministerien. Er war immer auf der richtigen Partei, er hat, heute würde man sagen, immer das richtige Parteibuch gehabt, und man möge ihm doch einen entsprechenden Posten kriegen. Tatsächlich hat er dann diese Kommandantur über die Flotte bekommen, hat, weil er unfähig war, die Begleitschiffe verloren, hat alle Warnungen in den Wind geschlagen und hat diese Medusa im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt. Und so ähnlich, hat man manchmal auch in der Gegenwart den Eindruck, ist die politische Führung gegenwärtig. Die ist vielleicht auch nicht viel besser als dieser Kapitän, dieser Chaumareys, und führt uns irgendwie in einen Abgrund oder auf eine Sandbank, und da müssen wir, glaube ich, die Öffentlichkeit, die gebildete Öffentlichkeit, einfach schon schauen, dass wir nicht eine willenlose Schafherde sind, sondern schon auch mitdenken und versuchen, irgendwie uns dieser, wenn sie denn allzu abartig und allzu dumm ist, Führung ein bisschen zu widersetzen.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.