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StartseiteCampus & Karriere"Es müsste langfristigere Stellen geben"01.03.2016

Frauen in der Wissenschaft"Es müsste langfristigere Stellen geben"

Nur ein Fünftel der Professuren in Deutschland sind weiblich. Nach Ansicht von Miriam Tariba Richter, Professorin für Pflegewissenschaften, seien viele Frauen immer noch zu wenig selbstbewusst und trauten sich bestimmte Aufgaben nicht zu. Vor allem in der Wissenschaft müsse man Frauen bestärken, Herausforderungen anzunehmen, sagte sie im DLF.

Studentinnen in einem Hörsaal (Jan Woitas / picture alliance / ZB)
Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer, die oberen Sprossen der Karriereleiter erklimmen sie aber selten. (Jan Woitas / picture alliance / ZB)
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Manfred Götzke: In Deutschland machen mehr Mädchen als Jungens Abitur, mehr Frauen als Männer studieren, und sie promovieren auch fast genauso häufig wie die Männer – die Frauen – mittlerweile. Nur die oberen Sprossen der wissenschaftlichen Karriereleiter, die erklimmen nach wie vor vor allem Männer. Nur ein Fünftel der Professuren in Deutschland sind weiblich. Die Politik, die hat das schon vor acht Jahren als Problem identifiziert und ein Bund-Länder-Professorinnenprogramm aufgelegt. Prinzip: Die Uni kriegt Geld, wenn sie sich doch mal für eine Frau auf dem Lehrstuhl entscheidet. Insgesamt 300 Millionen Euro ist das Programm schwer. Ja, und es wirkt. Heute wurde die 500. Frau berufen, die auf diesem Ticket eine Professur bekommen hat. Sie heißt Miriam Tariba Richter und ist Pflegewissenschaftlerin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Frau Richter, hätten Sie die Professur auch ohne das Programm bekommen?

Miriam Tariba Richter: Wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht mit Sicherheit sagen, also das wäre jetzt rein hypothetisch. Aber tatsächlich ist es schon so, dass das Professorinnenprogramm eine ausgezeichnete Möglichkeit ist, Frauen in der Gesellschaft zu fördern, weil sie da halt immer noch unterrepräsentiert sind.

Götzke: Es studieren ja schon seit Jahren mehr Frauen als Männer, der Anteil der Doktorandinnen ist ähnlich hoch wie der Anteil der Doktoranden – warum wirkt sich das bis heute immer noch nicht auf die Professur aus?

Richter: Ja, also bei uns im Fach der Pflegewissenschaft ist es ein ganz klein bisschen anders, wir haben auch in der Studentenschaft noch annähernd wie in der Pflegepraxis auch so 80 Prozent Frauenanteil, aber sobald man dann weiter höher guckt, also der akademische Grad auch höher wird, kehrt sich das Verhältnis relativ schnell um. Unter den Spitzenpositionen sind dann halt auch wieder mehr Männer.

Frauen werden immer noch anders sozialisiert

Götzke: Wobei es ja dann bei Ihnen noch schlimmer ist, wenn man das so nennen möchte, also bei einem Anteil von 80 Prozent weiblicher Studierender ist das ja noch ein viel größeres Problem. Was ist der Grund dafür?

Richter: Ich glaube, dass implizit immer noch die gesellschaftliche Sozialisation eine Rolle spielt, also dass Frauen in der Kindheit anders gefördert werden. Ich kann mich so bei meiner Generation noch sehr deutlich daran erinnern, dass häufig so das Argument war: Du wirst ja später sowieso für Haus und Familie sorgen, was willst du jetzt Karriere machen oder einen Beruf wählen, der dich dann voranbringt. Ich glaube auch, dass das Thema Frauen in Spitzenpositionen für manche Männer auch problematisch noch ist – das wandelt sich, glaube ich, jetzt auch politisch etwas –, und ich denke auch, dass es ein Problem ist, wenn in einer Gesellschaft sich hauptsächlich Frauen noch um den Nachwuchs kümmern. Also wenn das nicht als eine gemeinsame Aufgabe angesehen wird, ist es doch immer so, dass einer der Partner, und meistens dann die Partnerin, auch ausgebremst wird im beruflichen Werdegang.

Götzke: Das heißt, Sie würden sagen, auch in Ihrem Bereich, in den Pflegewissenschaften, gibt es dann in den Spitzenpositionen Männernetzwerke, die sich gegenseitig fördern.

Richter: Ja, wobei das liegt, glaube ich, auch am Auftreten der Frauen. Viele Frauen sind häufig noch zu wenig selbstbewusst und trauen sich bestimmte Aufgaben auch zu wenig zu, und das hat sicherlich auch was mit der geschlechtsspezifischen Sozialisation zu tun. Also Männer treten häufig in Bewerbungsverfahren viel offensiver auf, bewerben sich auch auf andere Jobs, sehen das als Herausforderung. Viele Frauen denken, ah, kann ich das denn wirklich auch managen, diesen Job, krieg ich das auch hin mit meiner Kompetenz, also sind einfach viel unsicherer auch in dem, was sie häufig tun.

Götzke: Haben Sie denn gehadert, sich auf eine Professur zu bewerben, oder war das für Sie klar, dass Sie das unbedingt wollen?

Richter: Ich hab schon gehadert, doch. Ich hab schon auch überlegt, kann ich mir das zutrauen, bin ich dazu fähig, Mensch, das ist ja auch eine Verantwortung, die damit einhergeht. Ich denke auch, dass es normal ist, dass man Respekt hat vor einer Aufgabe, aber natürlich ist es auch wichtig, dass Frauen bestärkt werden, solche Aufgaben und solche Herausforderungen auch anzunehmen.

Gleiche Chance für alle

Götzke: In der Wirtschaft gibt es ja jetzt bereits die Quote für Aufsichtsräte, bräuchte es so was auch in der Wissenschaft?

Richter: Ja, das ist eine strittige Frage. Auf der einen Seite scheint es in unserer Gesellschaft nicht anders zu funktionieren, dass Benachteiligung, gesellschaftliche Benachteiligung nur dadurch behoben werden kann, dass bestimmte Quoten eingerichtet werden, also sei es für Menschen mit Behinderung oder auch für Frauen. Auf der anderen Seite würde ich mir aber eher eine Gesellschaft wünschen, in der so was eigentlich keine Rolle mehr spielt – also woher jemand stammt, welchen finanziellen oder sozialen Hintergrund man hat, welches Geschlecht man hat und so weiter. Es wäre eigentlich schön, dass Gesellschaft so funktionieren könnte, dass alle Menschen eine gleiche Chance haben, und es würde aber auch in der Konsequenz heißen, dass sie individueller von vornherein schon gefördert werden, um überhaupt die gleiche Chance zu haben.

Götzke: Das ist aber momentan eben nicht der Fall, also die Quote.

Richter: Genau, das ist momentan nicht der Fall. Also die Quote alleine würde es auch nicht ausrichten, meiner Ansicht nach, es müsste viel früher ansetzen.

Götzke: Nachwuchsforscher machen auch die prekäre Situation in der Wissenschaft dafür verantwortlich, dass sich weniger Frauen für eine akademische Karriere entscheiden, auch weil Wissenschaft mit Familie schwer vereinbar ist. Würden Sie das ähnlich sehen?

"Man hechtet nur von einem Projekt zum anderen"

Richter: Ja, auf jeden Fall. Also gerade im Mittelbau ist es so, dass man häufig nur von einem Projekt zum anderen sich hechtet, das mal drei Monate dauert, mal ein halbes Jahr, wenn man Glück hat anderthalb Jahre, also man sozusagen in einem Projekt schon immer damit beschäftigt ist, sich auf das nächste Projekt zu bewerben oder die nächste Förderung zu bekommen. Und das ist natürlich sehr unattraktiv für Menschen, die auch eine gewisse Sicherheit brauchen, sei das jetzt eine standortgebundene Sicherheit oder auch eine finanzielle Sicherheit. Häufig sind das halt dann auch Projekte, die nicht zur Vollzeitbeschäftigung führen, sondern teilweise 25 Prozent oder nur 50 Prozent Arbeitszeit verbrauchen sozusagen. Also das ist natürlich ein großes Problem. Es müsste mehr 100-Prozent, also mehr Vollzeitstellen geben, es müsste langfristigere Stellen geben und insbesondere auch für Frauen.

Götzke: Wird sich das Problem mit der Zeit lösen, weil eben immer mehr Frauen studieren und sich auch immer mehr für eine Promotion entscheiden?

Richter: Ja, das ist die Frage, also was beeinflusst da was. Also wenn, ob es die Frauen dann sozusagen, die dann eine Promotion haben oder auch neue Wege sozusagen gehen, dann das System beeinflussen, also es muss grundlegend sich was ändern im System Wissenschaft. Diese prekäre Arbeitssituation mit diesen befristeten Jobverhältnissen, die muss sich ändern, und dann würde ich auch sagen, dass mehr Frauen auch in der Wissenschaft weiter gehen würden.

Götzke: Sagt Miriam Tariba Richter, die 500. Frau, die über das Professorinnenprogramm an einen Lehrstuhl berufen wurde und heute mit ihrem Job angefangen hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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