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Freital"Es gibt keinen Aufschrei der Anständigen"

Die sächsische Gemeinde Freital ist durch ihre zahlreichen rassistischen Angriffe auf Asylunterkünfte zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Inzwischen geht die Polizei gegen Aktivisten der rechtsorientierten "Gruppe Freital" vor. Doch sind diese nicht die Einzigen mit rechtem Gedankengut. Das sieht die CDU, die den Oberbürgermeister stellt, allerdings anders.

Von Bastian Brandau | 12.05.2016

Ein Aufkleber "Asyl-Wahn Stoppen - Nein zum Heim - Wutbürger" klebt am 23.06.2015 an einem Laternenmast in unmittelbarer Nähe des Leonardo-Hotel in Freital (Sachsen).
Zur Erstaufnahme von Flüchtlingen nutzt Sachsen vorübergehend ein Hotel in Freital bei Dresden - dagegen gibt es Proteste. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Von seinem Küchenfenster blickt Michael Richter auf den Tatort. Ende Juli wurde vor dem Haus sein Auto in die Luft gesprengt – mutmaßlich von den Mitgliedern der "Gruppe Freital", die von der Generalbundesanwaltschaft als terroristische Vereinigung eingestuft werden. Im November wurden die drei mutmaßlichen Anführer verhaftet, vor einigen Wochen holte die GSG 9 fünf weitere mutmaßliche Unterstützer morgens aus ihren Freitaler Betten.
"Nichtsdestotrotz ist das Gedankengut ja da. Wie sich das in Anschlägen äußert, müssen wir einfach mal beobachten. Die asylfeindlichen Schmierereien sind dennoch weiterhin da und es werden auch weiterhin neue gemacht."
Auch angepöbelt werde er weiterhin, erzählt Richter. Auf der Straße, im Supermarkt, im Internet sowieso. Das Gedankengut der sogenannten Gruppe Freital – es scheint bei nicht wenigen in der Stadt tief verwurzelt. Richter sieht Pöbeleien als Bestätigung für seinen Einsatz für Geflüchtete, für Menschlichkeit. Aber er fordert klare Zeichen von der Stadtverwaltung:
"Es ist sehr, sehr nötig, dass der Stadtrat geschlossen sagt, wir wollen in dieser Stadt keinen Rassismus. Und ein Oberbürgermeister an vorderster Front sagt: Wir sind eine friedfertige Stadt und wir wollen eine friedfertige Stadt und wir tun alles, damit diese Rassisten und Neonazis und andere Gruppen in dieser Stadt nicht willkommen sind."
Problematisch ist die schweigende graue Masse
Im Stadtrat von Freital ist auch die NPD mit einem Sitz vertreten. Richter rechnet vor: Etwa 500 Menschen müssten also für die NPD gestimmt haben. Dann gibt es noch die Gruppe Freier Wähler, die teilweise aus dem Freundeskreis von Pegida-Chef Lutz Bachmann besteht. Das Problem seien aber nicht nur die Extremisten und Radikalen.
"Eigentlich haben wir eine viel zu große graue Masse, die schweigt. Das ist denen glaub ich relativ egal, solange es denen einigermaßen gut geht. Werden die auch nichts sagen. Das ist eigentlich das größere Problem: Dass es keinen Aufschrei der Anständigen gibt in dieser Stadt."
Tatsächlich scheint es den meisten Freitalern zwischen Schlosscafé und Supermarkt darum zu gehen, dass einfach wieder Ruhe einkehrt.
"Das waren nur drei, vier, die das verrückt gemacht haben. Aber dass immer nur Freital im Fernsehen ist, so ist es nicht."
"Naja, Politik ist nicht meine Sache, aber ich würde sagen, dass man auch ein bisschen mehr für die Ausländer sprechen könnte."
Wie tief verankert ist das Problem der Freitaler mit Rassismus, Rechtsextremismus? Oberbürgermeister Uwe Rumberg von der CDU habe keine Zeit für ein Interview, sagt seine Mitarbeiterin. Er könne aber Fragen schriftlich beantworten. Da klingt dann alles ganz einfach:
"Migranten leben hier seit Jahren friedlich mit Deutschen zusammen und haben auch viel Gewerbe aufgebaut, das nicht Ziel von Angriffen wird."
CDU spricht von kleinen rassistischen Gruppierungen
Oberbürgermeister Rumberg wählt lieber den Schriftverkehr, sein Parteifreund Candido Mahoche ist sofort zu einem Interview bereit. Mahoche sitzt für die CDU im Stadtrat. Er kam in den 1980ern aus Mosambik, heiratete eine Freitalerin. Er ist Fußballtrainer, organisiert Turniere mit auch mit Geflüchteten. Kürzlich postete die Freitaler CDU ein Zitat von ihm, wonach Mahoche in 30 Jahren in Freital nie Rassismus oder Übergriffe erlebt habe. Schaut er nicht hin, wenn schon seine Partei wegschaut, lässt er sich einspannen, damit wieder Ruhe nach Freital kommt? Mahoche räumt Fehler auch seiner Partei ein, möchte aber lieber über Erfolge sprechen:
"Wir haben unsren vietnamesischen Freund, einen Kubaner. Ich habe auch Landsleute, die aus Mosambik sind. Und die haben auch alle Arbeit. Und deswegen sage ich, es ist für mich nicht zu erkennen, dass hier ein Rassismus ist, aber kleine Gruppierungen von eins, zwei oder drei Personen wird es immer geben, das bleibt. Aber die Mehrheit der Freitaler möchte gerne miteinander in Frieden leben."
Es gab heftige Kritik als Reaktion auf den in Mahoches Namen verfassten Tweet. Nur zwei Klicks entfernt wird im Internet mit Freital-Bezug weiter gehetzt. In einschlägigen Foren werden die mutmaßlichen Freitaler Terroristen als Pollenböllerbande verharmlost. Freitaler, die sich für Flüchtlinge einsetzen, werden namentlich beschimpft. Der Schriftzug "Stolz, aus dem Schandfleck zu sein", ist ein beliebtes Profilbild in diesen Kreisen, in denen sich auch die mutmaßlichen Terroristen der Gruppe Freital bewegten. Ende April verurteilte das Amtsgericht Dresden einen von ihnen zu einer Bewährungsstrafe. Nach einer Demonstration vor der Freitaler Asylunterkunft im vergangenen Juni war der Busfahrer Timo S. an einer Verfolgungsjagd beteiligt. Er und zwei Mittäter haben ein Auto von Pro-Asyl-Aktivisten bedrängt. An einer Tankstelle schlug ein Komplize mit einem Baseballschläger auf das Auto ein, eine Scheibe ging zu Bruch. Die Tat: Ein Fanal für alles, was danach in Freital an Gewalt und Terror stattgefunden hat. Der Anwalt von Timo S., Michael Bürger, sagte vor Prozessbeginn:
"Mein Mandant sieht das Ganze als eine Riesendummheit und ärgert sich darüber, dass es überhaupt so weit kommen konnte."
Eine Riesendummheit: Diese verharmlosende Bezeichnung scheint für die Gesamtsituation in ganz Freital zu stehen:
"Das Image unserer Stadt wieder herzustellen ist ganz sicher eine große Herausforderung",
Lässt Oberbürgermeister Rumberg auch noch schriftlich wissen. Dabei geht es hier ganz offensichtlich nicht ums Image, kritisiert die Stadträtin der Grünen Ines Kummer. Auch sie setzt sich für Geflüchtete ein. Mit ihrem Pflegesohn aus Ghana erlebe sie in Freital regelmäßig rassistische Beschimpfungen.
"Was in Freital passiert ist, das haben Freitaler selbst verantwortet, selbst verursacht. Und deshalb müssen wir Freitaler auch zusammen daran was ändern. Und das heißt, wir müssen an unserem Zusammenleben was ändern. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir in Zukunft zusammen leben, und das wird ein langer Weg."
Ein Weg, den ihr Pflegesohn wohl nicht mitgehen wird. Sobald er mit der Schule fertig ist, will er unbedingt weg aus Freital.