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Friedrich Nietzsche, Franz und Ida Overbeck: Briefwechsel

Am 8.Januar 1889 kommt es in Turin, in der Unterkunft Friedrich Nietzsches nahe der Piazza Carlo Alberto, auf der er wenige Tage zuvor im Wahn zusammengebrochen war, zu einer "fürchterlichen" Wiederbegegnung. Franz Overbeck, Nietzsches Basler Freund, nach einem alarmierenden Brief Nietzsches an den Basler Kollegen Jacob Burckhardt unverzüglich angereist, berichtet:

Ludger Lütkehaus | 21.08.2000
    "Ich erblicke Nietzsche in einer Sophaecke kauernd und lesend ...entsetzlich verfallen aussehend, er ...stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig, mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus".

    Mit Hilfe eines Begleiters gelingt es Overbeck, Nietzsche nach Basel zu überführen. Am 10. Januar 1889 wird er in die Basler Psychiatrie eingeliefert. Eine Woche später trifft Nietzsches Mutter in Basel ein. Sie bringt den Sohn in die Jenaer Nervenklinik. Ein Jahr später erhält sie die Erlaubnis, ihn in ihre Naumburger Wohnung zu nehmen, wo sie ihn bis zu ihrem Tod 1897 hingebungsvoll pflegt.

    Dann aber bemächtigt sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die Witwe des militanten Anti-Semiten Bernhard Förster, des inzwischen berühmt gewordenen Bruders. In der Weimarer "Villa Silberblick" läßt sie den "lieben Kranken" pflegen. Und sie verwaltet sein Werk. Sie schreibt, stilisiert, mystifiziert seine Biographie. Sie, die er einst auf das Kosewort "Lama" getauft hat, ohne schon soviel Böses zu ahnen, spuckt gegen ihre Feinde Gift und Galle. Sie fälscht seine Schriften und Briefe. Sie ist der böse Dämon Friedrich Nietzsches, der sein Werk zum Unglück für die Deutschen, zur Wegbereitung des Dritten Reiches macht.

    Aber nicht bei allen hat die Schwester Erfolg, schon gar nicht kann sie alle überzeugen, am wenigsten Overbeck. Er stört sich an ihrer Nietzsche-Vermarktung, ihrem Nietzsche-Kult. Ihre Zeitgeistpropaganda ist ihm zuwider, vor allem ihr verhängnisvoller Antisemitismus, der aus dem Anti-Antisemiten Nietzsche schließlich einen NS-Propheten macht. Sie ist die "Unglücksschwester", eine "geradezu gefährliche" Frau. Und Overbeck hat recht mit dieser Einschätzung.

    Aber er hat auch eine große Schwäche: Er scheut den öffentlichen Konflikt. Die Auseinandersetzung findet fast ausschließlich in den privaten Notizen Overbecks statt.

    Indessen ist das ve rständlich, Weil Overbeck in erster Linie persönlich berührt ist. Durch die Schwester nämlich fühlt er nicht nur das Bild Nietzsches, sondern auch seine Freundschaft zu Nietzsche bedroht, die er das "Hauptereignis seines Lebens" nennt. Es ist eine postume innere Tragödie, die sich hier ereignet - ein Kampf um Nietzsche, während sich zugleich öffentlich der Herold des Übermenschen, der Heros des "Willens zur Macht" zu Tode siegt. Zwei Bücher geben jetzt Einblick in diesen Kampf um Nietzsche und die Geschichte der Freundschaft zwischen Overbeck und Nietzsche: die nachgelassenen Aufzeichnungen des ersteren und der Briefwechsel zwischen Nietzsche und Franz und Ida Overbeck. Beide Bände, editorisch sorgfältig betreut, sind ein herausragendes biographisches, psychologisch-philosophisches und wirkungsgeschichtliches Dokument.

    Mit gerade 24 Jahren war der noch nicht einmal promovierte Nietzsche 1869 auf den Lehrstuhl für griechische Sprache und Literatur an der Universität Basel berufen worden, 1870 dann Overbeck, obwohl bekennender Nicht-Christ, auf den Lehrstuhl für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte. Overbeck bezog eine Wohnung im selben Haus wie Nietzsche, der "Baumannshöhle". Bald entwickelte sich eine stabile Freundschaft, eine echte Lebensfreundschaft. Nietzsche unterzeichnet einen seiner Briefe: "Dein Freund und Bruder FN." Im Rückblick notiert er: "'Mitten im Leben war ich vom en Overbeck umgeben' - vielleicht hätte sich sonst der andre Gefährte eingestellt - Mors".

    Overbeck wiederum äußert zwei Jahre nach Nietzsches Tod: Nietzsche ist der Mensch, in dessen Nähe ich am freiesten geathmet und demgemäss auch meine Lungen überh. für den Gebrauch im Bereich menschlichen Daseins ...am erfreulichsten geübt habe. Ich habe den lebendigen Menschen lieb gehabt."

    Overbeck war sieben Jahre älter als Nietzsche. Doch das behinderte die Freundschaft nicht, verhinderte nur beizeiten, daß Overbeck vom bewundernden Freund, der er auch war, zum "Adepten" und Jünger wurde.

    Die Freundschaft überstand auch eine erste größere Irritation, als Nietzsche ohne Vorwarnung im Frühsommer 1875 aus der Baumannshöhle auszog und mit der nach Basel gekommenen Schwester als Haushälterin zusammenzog. Overbeck heiratete wie zur Replik ein Jahr später. Nietzsches Beziehung zu Ida Overbeck, die eine unabhängige Frau war, blieb distanziert, war aber durchaus beiderseits wohlwollend.

    1876 beginnen mit Nietzsches Beurlaubung die Jahre seiner unablässigen Wanderschaft. Jetzt wird Overbeck, vollends in der Rolle des treuen Freundes und Vertrauten, zum entscheidenden Basler Relais. Mit einem Porträt von Stefan Zweig gesagt:

    "Er ist der Postmeister, der Kommissionär, der Bankier, der Arzt, der Vermittler, der Nachrichtenüberbringer, der ewige Tröster, der sanfte Beruhiger." Er weiß, in welchem Maß Nietzsche lebensunfähig ist und der Fürsorge bedarf."

    Der Briefwechsel wird zum entscheidenden Lebenszeugnis für Nietzsches einsames Wanderleben. Immer wieder ist der Nomade Nietzsche auf seinen Odysseen durch Mittel- und Südeuropa, durch Frankreich, Italien und die Schweiz, auf der Suche nach einem Ort, an dem es sich für ihn, den Augen-, den Magen-, den Migräne-Kranken, den an Herz und Kopf Leidenden, endlich, endlich leben ließe - und immer wieder vergeblich. Im Gegensatz zu den magischen Beschwörungen seiner Philosophie der Ewigen Wiederkunft des Gleichen ist dieses Leben eine einzige Nicht-wiederkehr. Nur in Sils-Maria, bedingt in Genua, Vnedig und Nizza, findet Nietzsche eine etwas dauerhaftere Bleibe. Erst der Wahn wird ihn buchstäblich "stationär" machen. Der dunkle "basso continuo", seines Leidenslebens ist eine unablässige Klage. Passion und Pathos sind darin untrennbar verbunden. Anders als bei Overbeck, der die lauten Töne meidet, häufen sich in den Briefen Nietzsches wie in seinen Werken die doppelten, ja dreifachen Unterstreichungen. Wer sich als "Dynamit" fühlt und "mit dem Hammer" philosophieren will; wer auf sich ungeheure Probleme, das Schwergewicht von Jahrtausendentscheidungen lasten fühlt, kann naturgemäß nicht leise sein. Overbeck über die "Genealogie der Moral":

    "Auch war ich empfindlicher als ich es vielleicht sonst gewesen wäre für das durchgängige Fortissimo des Vortrags."

    Aber Overbeck hält auch die größten Zumutungen von Nietzsches Größenwahn aus, der seit der "Zarathustra"-Zeit keinen Zweifel mehr daran hat, daß er "die Geschichte der Menschheit in zwei Hälften spaltet." Und Overbeck akzeptiert auch, daß Nietzsches Leidensleben den heftigsten Ausdruck braucht, wenn es nicht vor der Zeit enden soll.

    Womit könnte es enden? Es gehört zu den tragischsten Ironien des Briefwechsels, daß die Möglichkeit, wahnsinnig zu werden, öfters thematisiert wird, um ebensooft verneint zu werden: "Meine Gefahr ist in der That sehr groß, aber nicht diese Art Gefahr".

    Doch der Todeswunsch und die Möglichkeit der Selbsttötung sind unaufhörlich präsent: "Ich befinde mich auf dem Punkte der Verzweiflung. Der Schmerz besiegt Leben und Willen. O, was habe ich für Monate, was für einen Sommer gehabt. Fünfmal bereits habe ich als Arzt den Tod gerufen und hoffte, der gestrige Tag sei der letzte gewesen ich habe es vergebens gehofft...Leb wohl, mein Freund!"

    Wenn Nietzsche in seinen Werken den "großen Mittag" feiert, das "Ja- und Amen-Lied" auf das Leben in allen seinen Formen singt, da capo, noch einmal, noch einmal, ja, die Welt "verklärt" und das Leben geradezu heilig spricht, so geben diese Briefe den Kommentar dazu: "Nein! Dieses Leben! Und ich bin der Fürsprecher des Lebens!"

    Kein anderer großer Philosoph hat so in extremis, kein anderer so fortwährend am Rande der Selbstauslöschung gelebt. Ist nach einer prägnanten Formel Nietzsches Lehrer Schopenhauer "der Selbstmörder, der am Leben blieb", so Nietzsche der Selbstmörder, der nur um den Preis des Wahnsinns am Leben b 1 e i b t .Overbeck: "N. hat in einer Art von continuierlichem Selbstmord gelebt - ich selbst habe oft genug an den Selbstmord als das ihm beschiedene Ende gedacht".

    Overbeck quält sich selber mit dem Vorwurf einer verpaßten Sterbehilfe, dem Gedanken, "daß es ein weit echterer Freundschaftsdienst, als den Armen dem Irrenhause zuzuführen, gewesen wäre, ihm das Leben zu nehmen, wie ich denn jetzt keinen anderen Wunsch habe, als daß es ihm bald genommen werde."

    In den Jahren nach dem Zusammenbruch korrespondiert und kooperiert Overbeck mit Nietzsches Mutter. Nach ihrem Tod und der Machtergreifung der Schwester beginnt die zweite, die postume innere Tragödie des Kampfes um Nietzsche. Für Overbeck liegt alles daran, das "Andenken" an den Freund nicht anfechten zu lassen. Er muß sich aber bald eingestehen, "dass diess Frauenzimmer es allmählich fast fertig gebracht habe, mich in meinem ganzen Verhältniss zu ihrem Bruder zu erschüttern und sein Bild in mir heillos zu trüben."

    Overbeck diagnostiziert nun auch die philosophischen Mängel Nietzsches klarer als zuvor. In der menschlichen Einschätzung des Freundes wird er ambivalenter: "Nie.war kein im eigentlichen Sinne grosser Mensch."

    Nichtsdestoweniger gilt: "Nie. war mir bald der ausserordentlichste Mensch, der mir auf meinem Lebenswege vorgekommen war, und das blieb er mir auch..."

    Die entscheidende Krisis kommt, als Overbeck aus einem in der Biographie der Schwester zitierten Brief des Bruders an sie erfahren zu müssen glaubt - in Wahrheit ist der Brief selber keineswegs so abschätzig - ,dass "Nietzsche seine Freundschaft mit Rée zusammen mit der mit mir...zu den für ihn sozusagen natürli. unmöglichen Verhältnissen gestellt habe, die ihm nur als zeitweilige 'Verstecke' für sich auf seiner Lebensbahn gedient haben und ihm auch in der Erinnerung nur entsprechenden Nachgeschmack (Beschämung) hinterlassen haben".

    Das wäre in der Tat Freundschaftsverrat gewesen. Und doch hält Overbeck noch an diesem Tiefstpunkt an der "Schattenlosigkeit" der lebendigen Beziehung fest.

    Er ist der eigentliche Held dieses Briefwechsels: statt des "Übermenschen" der Freund als Inbegriff des menschlichen Menschen, statt des Willens zur Macht Zuneigung und Vertrauen, statt des "Amor fati" der "Amor amici" und in der Spanne eines ganzen Menschenlebens wiederkehrend jenes unverbrüchliche Gefühl, mehr: jene Haltung, die man getrost "Treue" nennen darf. Sie befähigt Overbeck, auch den fürchterlichen Anblick des wahnsinnigen Nietzsche auszuhalten. Er drückt sich vor dem Zerbrechen dieses Bildes nicht.

    Wenn Overbeck freilich auch noch die Besuche Adolf Hitlers im Weimarer Nietzsche-Haus hätte erleben müssen, bei denensich der schwesterliche Wille zur Macht mit dem rassistischen und politischen verband - er hätte sich im Geist des Freundes abgewandt. Doch immerhin dieser Anblick blieb Overbeck erspart. Fünf Jahre nach Nietzsches Tod, fast 17 Jahre, nachdem Nietzsche auf der Turiner Piazza Carlo Alberto zusammengebrochen war, ist Franz Overbeck am 26. Juni 1905 in Basel gestorben. Seine Frau Ida Overbeck hat die Machtergreifung Nazi-Deutschlands in Weimar und anderwärts noch erlebt.