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Fußball
Die Copa América vor dem Hintergrund des FIFA-Skandals

Bei der Südamerika-Meisterschaft überschattet der FIFA-Korruptionsskandal das Geschehen auf dem Platz. Schließlich kommen die meisten der verhafteten Funktionäre eben aus Lateinamerika, wo die Selbstbereicherung im Fußball traditionell besonders bizarre Blüten trägt.

Von Anne Herrberg | 14.06.2015
    Bei der Copa América in Chile spielt Südamerika seinen Kontinentalmeister aus.
    Bei der Copa América in Chile spielt Südamerika seinen Kontinentalmeister aus. (afp / Yuri Cortez)
    Traumstart für den Gastgeber der Copa América. Chiles Rote schlagen Ecuador im Eröffnungsspiel am Donnerstag 2:0 - das Nationalstadion von Santiago im Freudentaumel. Außerhalb des Spielfeldes herrscht bei dieser Copa dagegen ziemlich dicke Luft: Abgesehen von Smogalarm und Studentenprotesten, wirft der FIFA-Korruptionsskandal dunkle Schatten über das Turnier, was Natalia Riffo, der chilenischen Sportministerin im Vorfeld ziemliche Bauchschmerzen bereitete: "Jeglicher Korruptionsfall beunruhigt uns sehr, diese Dinge müssen aufgeklärt werden, das ist sehr wichtig."
    Auf der Tribüne am Donnerstag musste sie dann ausgerechnet neben Sergio Jadue stehen, Chef des chilenischen Verbandes ANFP. Laut US-Behörden ist er verantwortlich für einen Deal, der zu 110 Millionen Dollar Schmiergeldern an Fifa-Funktionäre führte - wobei er dabei selbst mit rund drei Millionen belohnt worden sein soll. Jadue bestreitet das, will kooperieren. Trotzdem, die Copa América spielt eine zentrale Rolle im aktuellen Skandal. Sportjournalist Alejandro Casar von der argentinischen Tageszeitung "La Nación": "Die Copa América ist das älteste Nationenturnier der Welt und die wichtigste Meisterschaft in Südamerika, und das ist ja das Epizentrum des Fußball-Korruptionsskandals derzeit. Hier kommen ja die meisten Hauptverdächtigen her. Und dabei geht es vor allem um Bestechungsgelder für die TV- und Vermarktungsrechte der Copa."
    Millionen für die Copa-Vermarktungsrechte
    Bereits seit den 90er Jahren soll das Unternehmen "Traffic Brasil" Millionen an Bestechungsgeldern für die Copa-Vermarktungsrechte gezahlt haben. 2010 kamen argentinische Geschäftsmänner und wollten mitfeiern -Traffic aber den Posten nicht räumen. Im März 2013 regelte man den Konflikt unter Gentlemännern: Eine gemeinsame Vermarktungsfirma wurde gegründet - Datisa. Sie erhielt die Rechte für die drei kommenden Turniere sowie ein Extra-Geschenk: die Copa América Centenario, zum 100-jährigen Jubiläum soll sie 2016 in den USA stattfinden.
    "Datisa wird Alleinverantwortliche für Logistik, Vermarktung und Übertragungsrechte, wie immer gibt es dabei kein Vergabeverfahren sondern es fließt Geld. Laut US-Justiz 100 Millionen US-Dollar Schmiergelder an den südamerikanischen Kontinentalverband Conmebol. 20 Millionen für Vertragsabschluss und jeweils 20 pro Turnier. Dazu kommen zehn Millionen an Funktionäre des nördlichen Ablegers Concacaf wegen der Jubiläums-Meisterschaft in den USA. Das heißt, die Copa América spielt eine zentrale Rolle."
    Die Ereignisse überschlagen sich
    Paraguays Regierung in Asunción, Verbandsitz der Conmebol will dem Verband nun die diplomatische Immunität entziehen. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse. Am Dienstag hat sich in Italien Alejandro Burzaco der Justiz gestellt. Der argentinische Geschäftsmann war als ehemaliger Kopf des Sportvermarkters TyC einer der drei Anteilseigner von Datisa - eine zentrale Figur in der Schattenwelt des amerikanischen Fußballs. Ebenso wie der Ex-Traffic-Chef, der bereits mit den Behörden in den USA kooperiert.
    Victor Hugo Morales, einer der angesehensten Sportjournalisten der Region: "Wenn Burzaco nun auch geständig wird und auspackt, dann löst das hier ein weiteres Erdbeben aus. Doch wie weit kann er dabei gehen? Er und seine ganze Familie sind seit Generationen eng verwoben in die Politik, mit den großen Medienkonzernen, mit dem Telekommunikationsmarkt. In Bereiche der Macht, die gefährlich werden können, wenn man sie aufscheucht."
    Diese Wochen der Copa América müssen für Reformdiskussionen genutzt werden, fordert Morales: Der nun ans Licht gekommene Skandal sei ein Spiegelbild der Krise im südamerikanischen Fußballs, Casar betont aber auch: "Ans Licht gekommen ist bisher die Spitze eines Eisberges. Ich bin mir sicher, dass Afrika und Europa genauso Dreck am Stecken haben wie Lateinamerika, das alles wird uns noch mindestens bis Ende des Jahres beschäftigen."