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Gefährliches Spenderblut

Thrombozytenkonzentrate sind Blutprodukte, die in Deutschland circa 500.000 mal im Jahr transfundiert werden. Nun ist ein heftiger Streit über die Qualität der Präparate entbrannt. Die Arbeitsgemeinschaft der Ärzte staatlicher und kommunaler Bluttransfusionsdienste ist der Ansicht, dass die sogenannten Pool-Präparate nur in Ausnahmefällen verwendet werden sollen.

Von Michael Engel | 16.11.2010

Auslöser der Debatte ist ein Gerichtsurteil vom vergangenen Jahr. Geklagt hatte eine Krankenkasse gegen ein Krankenhaus. Die Kasse wollte nur 300 Euro für ein preiswertes Pool-Blutplättchen-Präparat bezahlen, obwohl die Klinik das Blutplättchenkonzentrat nach einem wesentlich teureren Verfahren hergestellt hatte. Dr. Walter Hitzler von der Universitätsmedizin Mainz:

"Es ist erstaunlich, dass per Gerichtsbeschluss dem Mediziner vorgeschrieben wird, welche Produkte er zu verwenden hat. Auf Grund der Kosten, die diese einzelnen Produkte verursachen. Und das ist, denke ich, etwas, was in die Entscheidungsfreiheit der ärztlichen Indikation durchaus eingreift."

Pool-Präparate, wie sie vor allem das Deutsche Rote Kreuz herstellt, werden aus vier bis fünf Vollblutspenden zusammengemischt. Das heißt, in diesem Produkt stecken die Blutplättchen mehrerer Spender. Universitätskliniken und große städtische Krankenhäuser verwenden demgegenüber ein anderes Verfahren: die sogenannte Apharese. Solche Blutplättchenkonzentrate stammen nur von einem einzigen Spender. Kostenpunkt: 500 Euro. Zwar werden alle Blutprodukte genau auf mögliche Erreger hin untersucht, zum Beispiel HIV oder Hepatitis. Nach Ansicht von Dr. Hans Gerd Heuft, Medizinische Hochschule Hannover, sind Präparate von nur einem Spender gleichwohl die bessere Wahl.

"In den vergangenen Jahrzehnten haben wir mit neuen Erregern, die vorher vollkommen unbekannt waren, in der Transfusionsmedizin schlechte Erfahrungen gemacht. HIV ist das bekannteste Beispiel. Auch das Prionenbeispiel ist mittlerweile sehr bekannt, aber es gibt noch viele andere Erreger. Wir haben im Moment in Deutschland die Situation ganz gut im Griff, das heißt aber nicht, dass das morgen und übermorgen auch noch so ist."

Das Paul Ehrlich Institut in Langen, die Zulassungsbehörde für Blutprodukte, will sich dazu nicht äußern. Nur soviel: "Eine unmittelbare Gefahr geht von den "Pool-Präparaten" nicht aus." Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren keine Infektionen bekannt geworden. Das weiß auch Transfusionsmediziner Dr. Walter Hitzler aus Mainz. Gleichwohl: Wenn sich wieder mal ein vollkommen neuer Erreger wie seinerzeit HIV über viele Jahre unerkannt ausbreiten kann, würden "Pool-Produkte" die Infektionsrate erhöhen.

"Über die bekannten Viren, die wir derzeit kennen, ist das Blut sicher. Aber es gibt Viren, die in Zukunft in die Bevölkerung eine 'stille Durchseuchung' machen können, die wir noch nicht erkennen, die wir nicht messen und testen können, und die werden und können durch ein "Pool-Präparat" naturgemäß vierfach, fünffach mehr gestreut werden als mit einem Einzelpräparat. Und das ist die Gefahr vor der wir warnen."

Pool-Präparate werden vor allem in kleinen Krankenhäusern verwendet, die keine eigene Blutbank haben. Rund 200.000 mal im Jahr. Die teuren Apharese-Blutplättchenkonzentrate dagegen, die nur von einem Spender stammen, werden vor allem von Unikliniken hergestellt. 300.000 Präparate mit Blutplättchen vornehmlich für den Eigenbedarf.

Der internationale Trend, so die Arbeitsgemeinschaft der Ärzte staatlicher und kommunaler Bluttransfusionsdienste – gehe zu solchen Apharese-Präparaten. Aus Gründen der Vorsicht, falls wieder einmal neue Erreger auftauchen. Jetzt wollen Transfusionsmediziner wie Prof. Marcell Heim, Universitätsklinikum Magdeburg, auf das Paul Ehrlich Institut einwirken.

"Also unter dem Aspekt, dass wir die Spenderexposition für die Patienten möglichst gering halten wollen, plädieren wir dafür, dass grundsätzlich bei Bluttransfusionen das Prinzip "ein Spenderarm für einen Patientenarm" möglichst eingehalten wird, um eben mögliche Risiken, die wir noch nicht kennen, nicht zu vervielfachen."