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Geschichte auf den Punkt bringen

Das Pressefoto ist eine schnelllebige Angelegenheit. In besonderen Fällen wird es zum Kunstwerk - weil es so gut gemacht ist, weil es besondere Wirkung entfaltet, weil der Anlass sich im Nachhinein als welthistorisch erweist, oder alles zusammen. Bei der Fotografin Barbara Klemm kam häufig alles zusammen.

Von Carsten Probst | 15.11.2013

Tut man einer Barbara Klemm Unrecht, wenn man sie eine Pressefotografin nennt? Nun gut, das ist sie schon, räumen selbst ihre großen Verehrer ein, schließlich war die 1939 im westfälischen Münster geborene Tochter des Malers Fritz Klemm fünfundvierzig Jahre lang für eine große deutsche Tageszeitung tätig. Ganz wesentliche Teile der riesigen, mit unerhört vielen Bildern bestückten Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau bezieht sie aus Aufnahmen, die ganz direkt dieser Tätigkeit entsprungen sind.

Gleichwohl gilt die Bezeichnung Pressefotografin für Barbara Klemm irgendwie als Herabsetzung. Sie war und ist, so schreibt es etwa Hans-Michael Koetzle im Katalog, viel mehr als das: eine Meisterin der "Ein-Bild-Erzählungen", die in ihrer Zeitung, der "Frankfurter Allgemeinen", viele Jahre aus Prinzip nicht auf der ersten Seite erscheinen durften.

Anschaulich wird die Kunst der Barbara Klemm, sich die üblicherweise eher unpersönliche, oft austauschbare Pressefotografie so zu eigenen zu machen, dass viele von ihren Bildern ganz eigen wirken, gewissermaßen wie eine gleich mitgelieferte, persönlich-diskrete Interpretation eines mehr oder weniger historischen Geschehens. Man könnte mühelos dreißig, vierzig Bilder aus dieser Ausstellung aufzählen, die man irgendwann und irgendwo und wahrscheinlich schon recht häufig gesehen hat und für die im Feuilleton gern die blumige Umschreibung als "Ikone" bedient wird.

Im Rahmen also ihres Mediums, der Zeitungsfotografie, ist Barbara Klemm fürwahr Meisterin aller Klassen: Willy Brandt und Leonid Breschnew, umgeben von Übersetzern und Beratern, beim Aushandeln der Ostverträge in Bonn, 1973 - ein Bild, von dem Klemm selbst sagt, dass die Menschen es mit ihrem Namen verbinden. Alfred Hitchcock in Pose auf einem Regiestuhl im Frankfurter Hauptbahnhof. Michail Gorbatschow bei seinem berühmten Besuch zum 40. Jahrestag der DDR, Unter den Linden, wo der Satz gefallen sein soll: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Oder Andy Warhol in Frankfurt vor Tischbeins originalem Goethe-Portrait.

Interesse am Menschen
Bilder über Bilder, alle in Schwarz-Weiß, alle natürlich analog fotografiert, die man kennt und die in ihrer schieren Prominenz durchaus etwas von einem Bildgedächtnis der alten Bundesrepublik an sich haben.

Oft wird über Barbara Klemms Methode gesprochen, ihre Fähigkeit, sich einzulassen, ihr Interesse am Menschen. Vom Standpunkt der Pressefotografie leuchtet das ein. Vom Standpunkt einer wahrhaft künstlerischen Fotografie, der ja auch häufig bei Klemm bemüht wird, fällt auf, dass ihre Bilder keinerlei Beiläufigkeit kennen. Der unbestechliche Blick für den richtigen Moment, der zu recht bei ihr gerühmt wird, folgt zugleich einem starken Ordnungssinn, nicht nur was den klassischen Bildaufbau angeht.

Wenn Klemm Politiker abbildet, dann muss alles an ihnen politisch sein. Wenn sogenanntes normales Volk erscheint, widmet sich das Bild ganz dieser Normalität. Kinder verströmen Kindlichkeit, die Jugend Jugendlichkeit, und die Welt der Kunst und Kultur das künstlerisch Sprichwörtliche. Im diesem sprichwörtliche Sinn sind Klemms Fotografie immer repräsentativ. Befremden, Verunsicherung stellt sich nie ein.

Widmet sie sich dem Fremden, etwa rumänischen Kindern auf dem Land, dann erscheint das Fremde eben in der Kategorie "Fremd" schon wieder als vertraut. Denn Barbara Klemms Bilder bilden das Inbild einer Sache stets mit ab. Man kennt sich aus in der Welt, die sie uns zeigt. Und das mag Ende ein Teil des Geheimnisses hinter ihrem beispiellosen Erfolg sein - dass sie dem gewöhnlichen Betrachter ihrer Bilder das Gefühl gibt, selber die Würde des Zeitzeugen zu haben, die Geschichte quasi nur durch die Zuschauerrolle irgendwie auch mitgeschrieben zu haben. Diese charmante Schmeichelei bindet den Betrachter an die Ordnung der Dinge, die Klemms Bilder zu bestätigen suchen.